IMGP2391 - Arbeitskopie 2

Am 8. 11. 1971 jubelten die Zeitungen: Die VR China tritt der UNO bei! Ich war noch zu klein zum mitjubeln, erweiterte jedoch an diesem Tag wohl meine astrologische Existenz vom Skorpion zum Schwein. Ob das der Grund gewesen sein mag, dass mich die Welt Chinas eines Tages wieder einholen würde, später, nach einer intensiven Phase der Huldigung Thomas Bernhards und am Ende meines geisteswissenschaftlichen Studiums, das ich in Erlangen und Köln betrieb? Im Zuge meiner Magisterprüfung wandte ich mich nämlich unter anderem der chinesischen Landschaftsarchitektur zu. Eine Liebe war spontan geboren. Die Pracht der Gärten oder vielmehr das ihr innewohnende System von Symmetrie und Ausgewogenheit, orientiert am Taoismus, faszinierte mich. Ich begann vieles über die alten Lehren Chinas zu lernen. Die Medizin, die Philosophie, das Prinzip von Yin und Yang, die zeitgeschichtlichen Einflüsse auf unsere Kultur, die illustre Welt der Geister, das hat mich sehr fasziniert, bis heute beeinflusst und, obwohl ein ganz anderer Kontinent, geht all dies für mich doch fließend in die Wiege des spanischen magischen Realismus über. Insbesondere die Autoren Gabriel García Márquez und Juan Rulfo sind es hier, deren klare Sprache und Erlebniswelt mich heimatlich und wehmütig anrühren.

Warum? Ich weiß es nicht.

Doch fühle ich mich zu Hause in jener leidenschaftlichen und zugleich schroffen Poesie und ihrer Überschreitung der Wirklichkeit. Denn was ist Wirklichkeit? Das hatte ich mich schon viel früher gefragt, schon als ich mich mit dem Surrealismus beschäftigte und die Filme von Louis Buñuel zuhauf vertilgte.


Auch: Was ist Wirklichkeit?

Was ist eine wirkliche und authentische Begegnung und wann und wie erreichen wir ein authentisches Leben? Die Wirklichkeit ist also ein zentrales Thema in meinem Leben. Die Wirklichkeit in all ihren Facetten, in ihrer Dehnbarkeit und hinter ihrer Fassade. Meine eigene und die der Menschen, die ich porträtiere, denen ich auf den Grund kommen will.

Oft ist der erste Eindruck, den wir Menschen voneinander erhalten, nichts weiter als ein Bild unseres Vorurteils. Und manchmal sterben wir, bevor ein Mensch sich die Mühe gemacht hat, uns wirklich kennen zu lernen, uns zuzuhören und uns anzuerkennen. Als ich vor Jahren anfing, wildfremde Menschen aufzusuchen, um mit ihnen von jetzt auf gleich sehr intime Gespräche über sich und ihr Leben zu führen, war ich zunächst noch recht schüchtern und unsicher. Doch bald entdeckte ich nicht nur, wie sehr mir das liegt, ich entdeckte viel mehr, welch ein großes Geschenk diese Arbeit ist. Für beide Seiten. Große Nähe konnte entstehen, Dinge konnten ausgesprochen werden, die bis dahin vielleicht niemals ausgesprochen wurden oder von denen man gar nicht wusste, dass man sie zu formulieren imstande sein würde.

Und dann das: Wir haben einen Filter. Oftmals, während ich die aufgezeichneten Gespräche in meinen Computer tippe, halte ich erstaunt inne, sage:

„DAS hat er mir erzählt? SO hat sie das gesagt?“ 

Huch! Was war passiert? Warum weiß ich davon nichts, ich war doch dabei? Tatsache ist, dass wir fokussiert sind, wir hören, was wir wollen, was uns interessiert und unglaublich viel überhören oder vergessen wir ganz schnell. Erst durch den Weg des detaillierten Niederschreibens kann der Filter umgangen und das größte Maß an Authentizität erreicht werden. Doch: Auch eine Abfolge von Zitaten macht noch kein Bild von einem Menschen lebendig. Lebendig werden wir erst, wenn wir angesehen und erfühlt werden. Ich muss in den Gesprächen Resonanzboden meines Gegenübers werden, ohne in den Vordergrund zu treten, Emotionen, Ideen und Gedanken aufgreifen, anstoßen, annehmen, das ist die Kunst. Und ich liebe es. Ich liebe auch zu sehen, wie glücklich die Interviewpartner sind, wenn sie ein Stück jener Resonanz ihres Seins und Lebens später entgegennehmen. Ein wunderbares Geschenk.

Ein Geben und Nehmen, das wenig mit Eitelkeit, sondern mehr mit Respekt und Liebe zu tun hat. Mit Glück. Vielleicht sogar mit Wirklichkeit.

IMGP2396

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