Artur Goral, 43 Jahre, Designer und Therapeut

Es gibt Geschichten, die lassen sich mal eben so erzählen, rührend, heiter, nachdenklich. Sie kommen und gehen. Diese hier nicht. Diese hier ist vor allen Dingen strapaziös. Für Artur bis heute. Kein Wunder, ist sie doch eine Geschichte der Verstrickung von Gefühlen über mehrere Generationen hinweg, eine Geschichte von verzweifelter Suche nach Liebe und Glück. Dabei so romanhaft tragisch, dass sie kaum wahr zu sein scheint. Oder anders gesagt: Wie viele solcher Geschichten mag es geben, unter uns, still und leise, und wir sehen sie nur nicht?

Nun also. Wir sitzen im Wohnzimmer von Artur. Es ist hell und licht. Ein Zuhause, in dem der Geist vorherrscht und im Moment auch die Entspannung, denn Artur, momentan noch Geschäftsführer eines noblen Herrenbekleidungsladens, hat Urlaub. Er sitzt er mir gegenüber und erzählt. Von sich, aus seinem Leben und von seinen Sehnsüchten. Im Hintergrund läuft angenehme Musik aus Polen, seiner Heimat, die er mit einundzwanzig verlassen hat.

Wie es dazu kam? Ganz einfach:

Artur und zwei Freundinnen haben damals an ganz viele Hotels in Deutschland einen Brief geschrieben: Hey, wir sind drei Germanistikstu- denten und würden gern wegen der Sprache nach Deutschland kommen.

»Und das hat funktioniert?« »Ja.«

Ein Hotel in Winterberg hat ihnen diesen Wunsch gewährt. Ohne Bezahlung für die Arbeit, aber gegen Kost und Logis. Für Artur, der bis dahin noch nie weiter als bis nach Russland gekommen war, war die Reise vom kommunistischen Polen in den deutschen Westen nach Winterberg wie die Reise in ein Märchenland. Und als man ihm nach den drei vereinbarten Monaten anbot, weiterhin als Servicekraft zu arbeiten, sagte er nicht nein. Er hatte ohnehin keinen Plan, wie sein weiteres Leben verlaufen sollte. Als er aber herausfand, dass er sich unerwartet problemlos an einer deutschen Uni einschreiben konnte, dat er auch dies. „So kam eines zum anderen“, sagt Artur. Ein neues Land, ein neues Leben und dann sogar noch das: Ein Mann. Artur lernte einen Mann kennen. Seinen ersten Freund. Dieser war zwanzig Jahre älter als er und lebte in Paris.

„Polen–Winterberg–Paris!“, sage ich, „super!“ „Genau!“, pflichtet Artur mir bei. „Aber in Paris war ich nicht lange. Er hat mich nach Mykonos mitgenommen.“ Ich lache wieder. „… Paris–Mykonos.“ Artur nickt, sagt, ich müsse mir vorstellen, vorher war er nicht schwul, also nicht nach außen. „Und als ich nach Paris kam, peng, wahnsinniges Erlebnis, tolle Stadt“, und auf Mykonos dann das erste Mal eine Schwulencommunity, live miterlebt, „und das war für mich total beeindruckend.“

In Polen sei man damals bloß auf den Verdacht hin, dass man schwul sein könne, verhaftet worden, sagt Artur. Bis heute ließe es sich dort nicht offen als Schwuler leben. »Also war dies eine Befreiung?«, frage ich. »Ganz ehrlich“, erwidert Artur, „es war eine Überforderung.« Hin- und hergerissen zwischen der Angst vor dem Ungewissen, dem Problem, sich die Homosexualität selbst nicht eingestehen zu können, und dem wahnsinnigen Bedürfnis, zu gucken, wie das Leben in Freiheit funktioniert, machte er erst mal drei Monate einen Bogen um alle Schwulenclubs. Als er schließlich doch den Mut fand, den Schritt in die Szene zu wagen, eine Tür dorthin zu durchschreiten, ließ man ihn nicht rein.

„Weil?“
„Weil … es hieß, ich sei nicht schwul.“
Vielleicht hat es an seiner Kleidung gelegen. Ein Anzug, kommunistischer Stil. Das war nicht üblich, aber er habe es schon immer geliebt, etwas overdressed zu sein. Und zu guter Letzt gelang es ihm ja irgendwann auch dazuzugehören. Aber was heißt schon dazugehören? „Dieses Schwulsein! Verdammt!“ Das blieb immer schwer.

Die Frage sei doch: „Kommt man überhaupt irgendwann einmal damit zurecht? Mit diesem: Ich bin anders. Also hundertprozentig in der Seele? Ich weiß es nicht.“ Und noch eine weitere Frage bestimmte Arturs Leben: Würde es ihm je gelingen, die Männer, mit denen er schläft, auch zu lieben? Denn genau das konnte er nicht.

„Es gab einen Teil von mir, der sich danach gesehnt hat, und es gab einen Teil von mir, der das boykottiert hat«, erzählt er, denn irgendwo in ihm sei ja auch noch der Traum lebendig gewesen, mal eine Frau und Kinder zu haben, ein Haus zu bauen, ein Auto zu kaufen, einen Baum zu pflanzen. Es sei auf jeden Fall ein Zwiespalt gewesen, „ein sehr großer Zwiespalt“.

Die Versuche, seine Homosexualität zu akzeptieren, mündeten mit dreißig in seiner ersten und einzigen richtigen Liebe und Beziehung. Guido.

Jahrelang sei er in ihn verliebt gewesen. Niemals habe er sich getraut, ihn  anzusprechen. Eines Tages, mit ordentlich Alkohol im Blut, hat er es doch gewagt. Aber er war so aufgeregt und so betrunken, dass er nur Polnisch herausgebracht habe. Beschämt über dieses Desaster, trat er die Flucht an und hat sich maßlos geärgert. Doch, oh Wunder, nur ein paar Tage später lief er Guido mitten auf der Straße über den Weg.

»Ich würde gerne die Unterhaltung mit dir weiterführen«, habe dieser freundlich gesagt. Woraufhin sie in eine Bar gegangen sind und sich bis vier Uhr morgens unterhalten haben. So hat alles begonnen.

Und es hätte alles gut sein können, doch Arturs Herz und Becken wollten einfach nicht zusammenfinden. Auch jetzt nicht. »Das ist unglaublich verwirrend“, sagt Artur. „Wenn man immer davon geträumt hat, so eine Liebe zu erleben, und wenn man eigentlich davon überzeugt ist, dass das im Leben das Wichtigste ist, und dann steht man mittendrin und fühlt sich ohnmächtig durch die Unfähigkeit, sich komplett fallen zu lassen.«

Lange Zeit habe er daher verzweifelt versucht, der großen Liebe, die ihn so quälte, Schaden zuzufügen. Lange Zeit hielt die Beziehung diesen Manövern stand, aber eine Perspektive konnte das nicht sein. Das wusste Artur. Irgendwann versuchte er, sein Problem mit einer Therapie zu lösen, er wollte retten, was noch zu retten war und musste erkennen, dass sein Problem nicht mit einer einfachen Verhaltensänderung zu lösen war, sondern dass er endlich an die Frage ranmusste: „Warum kann ich nur alkoholisiert Sex haben?“ Mit achtzehn, neunzehn, erzählt er, habe er mit Frauen geschlafen. Das ging jedoch nur, wenn er sich zuvor mit Alkohol enthemmt und betäubt hatte. Später, als er mit Männern schlief, behielt er diese Angewohnheit bei. Er trank sich auch hier die Scham vom Leib. Sogar bei Guido. Und das sollte nun anders werden.

Im Zuge der Therapie fasste er Mut, nüchtern Sex zu haben. Er war zuversichtlich, ging es doch um Sex mit einem Menschen, den er wirklich liebte. Artur sagt, er habe sich unglaublich tolle Geschichten ausgemalt, wie das werden würde, wie großartig, wie erfüllend, nur . . . wurde es ganz anders. „Nichts als Ekel überwältigte mich“, sagt Artur. „Nichts sonst.“ Und trotz Therapie. Welch ein Schock. „Von da an habe ich einfach komplett geblockt.“ Und das war dann endgültig der Anfang vom Ende der großen Liebe gewesen. Nach zehn Jahren. „Schuld trage ich allein“, sagt er. »Ich bin gegangen.“ Bis heute fragt er sicih, was da eigentlich wirklich passiert ist. „Die Wahrheit ist, das ist möglicherweise der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe.«

Wir haben so viele Bilder von der Liebe im Kopf, fährt Artur fort. „Wir sind vollgepumpt mit Filmen und Romanen“ und immer noch fasziniert von Romeo und Julia, obwohl die Geschichte vierhundert Jahre alt sei. „Doch was für ein Bild von der Liebe ist das? Unglücklich?“, fragt er.

„Bedeutet Liebe immer nur leiden?

„Wir spüren etwas, wenn wir leiden“, sage ich. „Ist das christliches Denken?“

„Du kannst drauf wetten, dass das christlich ist“, entgegnet Artur.

„Aber“, frage ich, „ist es nur christlich oder ist es die Psychologie des Menschen?“

Artur überlegt: „Ich glaube, ich lebe immer noch in der Idee: Wenn ich wirklich gut bin, verdiene ich mir Liebe. Wenn ich böse bin, auf keinen Fall.“ Dass ihn das blockiert, klar, weiß er. Wir schweigen, und sein Blick wandert zum Fenster. Dann sagt er:

„Wir sehnen uns alle nach Liebe. Weißt du, wenn ich hier in den blauen Himmel gucke, das hat so eine magische Anziehungskraft, und genau so eine Anziehungskraft hat die Liebe für mich.“

„Die Beziehung ist also gar nicht daran gescheitert, dass das Schwulsein für dich nicht geklärt war?“, frage ich.

„Nein. Es war nicht das Schwulsein. Es kam natürlich erschwerend mit dazu …“

„Was war es dann?“

„Es sind die drei verfickten S„, sagt Artur: „Sex. Scham. Strafe.“

Ich verstehe nicht ganz.

Da käme vielleicht wieder die katholische Kirche ins Spiel, erklärt er. Auf jeden Fall aber die Familiengeschichte: Seine Großmutter mütterlicher-seits lebte vor dem Krieg in Weißrussland. Als junges Mädchen war sie in einen Mann verliebt, der nicht viel Geld hatte und mit dem sie folglich nicht zusammen sein durfte. Stattdessen musste sie einen reichen Mann heiraten, einen, der Alkoholiker war, einen, der das Geld versoffen und sie geschlagen hat. Einen, den sie abgrundtief hasste und doch an ihrer Seite zu ertragen hatte. Und dieser Hass, sagt Artur, hat sich wie ein Schatten über die gesamte Familie gelegt. „Vier Kinder haben die beiden zusammen bekommen. Drei Mädchen und einen Jungen, der behindert war. Die Liebe erzwungen, der Sex wahrscheinlich Pflicht.“ Spaß jedenfalls könne sie nicht dabei gehabt haben.

Dieser frühe Hass gegen den Großvater hat sich immer weiter fortgepflanzt. Allen voran bei seiner Mutter, der Erstgeborenen, die, zum Unglück der Großmutter, ein Abbild des Großvaters war. Mit zwanzig heiratete die ungeliebte Tochter und erfüllte mit der Wahl ihres Ehemannes wiederum und verhängnisvoll einen autoritären Wunsch. Die Großmutter hatte nämlich darauf bestanden: »Der Mann muss schön sein!«

»Und das war mein Vater. Er war der schönste Mann der Stadt. Er war ein richtiger Casanova, unfähig, Familie zu haben und nur eine Frau zu lieben.«

Artur bezweifelt, dass seine Mutter die Sexualität wirklich gelebt hat. Wie auch? „Sie war meistens betrunken. Genau wie mein Vater.“ Genau wie später Artur. Und daher denke er nicht, dass seine Homosexualität die eigentliche Tragik seines Lebens ist, sondern der fulminante Männerhass in seiner Familie. Dabei sei er durchaus geliebt worden als Kind. Seine Mutter, seine Großmutter, seine Tanten, sie hätten ihn sogar sehr heftig geliebt.

„Aber du warst ein Junge«, sage ich. »Hatten die Frauen die Hoffnung, dass du ein anderer wirst, anders als die Männer, die sie bis dahin kennengelernt hatten?“

„Ja“, erwidert Artur. »Ich war auch definitiv von klein an ganz anders. Mich hat alles interessiert, nur nicht das, was andere Jungs gemacht haben. Sehr verträumt, auch einsam. Also, ich habe gern allein gespielt. Ich war altklug. Ich wusste alles. Und ich konnte alles.“ Artur sagt, seine Familie, umgesiedelt aus Russland,  sei extrem arm gewesen. und hauste in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit vierzehn Leuten. „Eine Familie voller Alkoholiker, und ich war trotzdem der Beste in der Schule. Ich habe mir nie anmerken lassen, wo ich herkomme.“

Das Paradox läge darin:

„Dafür, wofür mich meine Mutter nüchtern geliebt hat, hat sie mich betrunken gehasst. Da war immer der Vorwurf: Du bist einfach anders. Und so darfst du nicht sein.“

Sie war oft wütend. Wütend und betrunken, und die Lehre, die sie ihrem Sohn vermitteln wollte, war: Männer sind Abschaum, und sie verursachen Leid.

Die Mutter wusste, wovon sie sprach, wurde sie doch gleich in der Schwangerschaft von Arturs Vater mit Syphilis angesteckt, und es war fraglich, ob das Kind im Bauch, also Artur, das überhaupt überleben würde. Unterstützung oder Mitgefühl fand die Mutter nirgends, schon gar nicht in der Familie.

„Welch ein Desaster für meine Mutter“, sagt Artur. Und auch für ihn selbst. Sein Leben habe bis zu ihrem Tod nur darin bestanden, die Mutter zu retten. Lange Zeit habe er gedacht, wenn er ein perfektes Kind sei, würde sie irgendwann aufhören zu trinken. Er habe sich sogar seine Pubertät verkniffen. „Statt zu rebellieren, bin ich abends spazieren gegangen und habe Gedichte geschrieben. Immer gedacht und gehofft, auch als Alkoholiker könne man einfach so, wenn man nur wolle, aufhören zu trinken. Man müsse sich nur genug anstrengen.“

Artur hat gewartet und gewartet und immer weiter gehofft. Doch das Erhoffte geschah natürlich nie. Und die Angst vor den gewalttätigen Wutausbrüchen der Mutter hielt an. Mit vierzehn, erzählt Artur, habe er nicht mehr weitergewusst, er sei zu einem Amt gegangen und habe seine eigene Mutter dort verklagt. Die Folge: „Man nähte meiner Mutter eine Giftpille in den Po ein, die in Verbindung mit Alkohol tödlich ist.“ Jedenfalls für ein Jahr. Die Mutter ließ diese damals nicht unübliche Prozedur freiwillig über sich ergehen, doch auch dies brachte sie langfristig nicht von der Flasche weg. Für Artur war also klar: Er musste fort, und als er endlich die Möglichkeit sah, nach Deutschland zu kommen, habe er schlichtweg Gott gedankt.

„Meine Mutter hat so gesoffen, dass sie sogar nachts mal selbst den Krankenwagen angerufen hat, damit sie sie mitnehmen und Entzug machen. Sie konnte das nicht mehr stoppen.“

„Und wenn sie nüchtern war, tat ihr das alles leid?“

„Ja klar. Sie war von Schuldgefühlen geplagt. Es war eine kaputte Seele, die durch das Haus geschlichen ist. Und sich so geschämt hat.“

Ein Moment Stille. Ich bin ziemlich geschockt.

„Dann ist es ja kein Wunder“, sage ich schließlich, „dass du später selbst so viel Alkohol getrunken und Drogen genommen hast.“

Durchaus. Artur nickt. Das sei ein Akt der Verzweiflung gewesen. „Was kann ich tun, um sie wachzurütteln? Was muss noch passieren, dass sie merkt, dass sie sich nicht nur selbst kaputtmacht? Vielleicht dachte ich, ich zeig ihr, wie das ist, wenn ich genau so bin wie sie.“

„Hat sie das mitgekriegt?“ „Natürlich nicht. Sie war besoffen.“

Schließlich habe die Mutter Krebs bekommen. „Und ich wusste, sie geht. Ich wusste, das ist ihre Art, Selbstmord zu begehen.“

„Warst du bei ihrem Tod dabei?“

„Ja.“
„War das ein heilsamer Moment?“
„Überhaupt nicht.“
Artur sagt, parallel zum Kraftverlust seiner Mutter seien seine eigene angestaute Wut und sein Hass gewachsen. Das habe er sich vorher nie getraut zuzulassen. Er habe sie geliebt, aber er habe auch so viel Angst vor ihr gehabt.

„Drei Tage habe ich an ihrem Sterbebett zugebracht. Und ich dachte, das kann doch nicht wahr sein: Ich hasse sie so aufrichtig. Ich wünsche mir so von Herzen, dass sie stirbt.“

Während dieser drei Tage sei sie auf Morphium gewesen und habe nur teilweise Bewusstsein erlangt. Ein Wechselbad zwischen Traumerzählen und wirklich schlimmen Horrorgeschichten, in denen sie geschrien habe.

„Und irgendwann kam mal meine Großmutter in Kochschürze rein, und meine Mutter sagte, sie halb anwesend anguckend: ›Mama, Mama, was hast du schönes Kleid. Tuttifrutti. Tuttifrutti.‹ Da haben wir natürlich gelacht, und fünf Sekunden später kamen schon so was wie Kriegserinnerungen hoch. So: ›Versteckt euch alle, die werden euch töten!‹ Viel Angst und viel Wut. Alles kam raus.“

Diese Momente, sagt Artur, seien schlimmer gewesen als der Tod selbst. Und in der Nacht, da sie gestorben ist, sei er der Einzige gewesen, der anwesend gewesen war.

„Ich habe es bis heute nicht begriffen. Kann man überhaupt Tote begreifen? Es war immer noch meine Mutter, aber es war kein Leben mehr drin. Ich weiß nur, dass ich versteinert bin. Ich habe keine einzige Trane geweint.“

„Danach auch nicht?“, frage ich.

„Ein einziges Mal“, sagt Artur, „an Silvester. Zwei Jahre später.“ Er habe sich gerade zum Ausgehen fertig gemacht, und auf einmal sei das Gefühl gar nicht mehr zu kontrollieren gewesen.

„Ich wusste, sie fehlt mir so. Und zwei Wochen nachdem sie gestorben ist, habe ich das Ergebnis bekommen, dass ich hiv-positiv bin. Das war eben so … Sex, Scham, Strafe.“

Nun verstehe ich die drei „S“ besser.

Artur fährt fort. „Ich habe damals gedacht: Es ist vielleicht einfacher, alles zu zerstören, als alles zu verlieren.“ In einem Zwischenbericht für seine damalige Therapeutin schrieb er: „Ich habe mein Leben lang darum gekämpft, eine Mutter zu haben, und dann ist sie gegangen und hat mein Herz gebrochen.“ „Hatte sie keine Worte für dich am Ende?“, frage ich.

„Nein“, erwidert Artur. „Ich habe auch keine gebraucht. Ich weiß, dass sie mich geliebt hat.“
Nach ihrem Tod habe er allerdings einen sehr bedeutsamen Traum gehabt: In diesem Traum stand er am Grab seiner Mutter, und aus der Erde kam langsam eine lila Schlange. Artur sah die Schlange überrascht und neugierig an. Diese schlängelte sich weiter heraus und stellte sich neben sein Bein, fast wie ein Hund, und schaute ihn fragend an. Dann gingen sie gemeinsam fort.

„Das war für mich ein bisschen so wie: Das habe ich zurückbekommen. Die Kraft, die Energie. Und es ist auch befreiend gewesen. Ich muss mich nicht mehr um sie kümmern. Jetzt muss ich mich um mich kümmern.“

„Was ist mit deinem Vater?“, frage ich. „Lebt der noch?“
„Ja. Aber wir haben keinen Kontakt.“
„Immer noch ein Casanova?“
„Ja“, sagt Artur. Er sei inzwischen vierundsechzig. Man sähe ihm an, dass er einmal ein wirklich schöner Mann war. „Aber nach fünfundvierzig Jahren Alkoholismus . . . Er findet zwar immer noch genug Frauen, die ihn aushalten würden, aber er ist total zerstört.“ Artur hat ihn nie wirklich kennengelernt. Nur manchmal ist der Vater zu Hause aufgetaucht. „Dann hat es oft ein Riesendrama gegeben und meine Mutter hat mal wieder die Freundinnen meines Vaters verprügelt.“ Auch den Vater hat sie immer wieder geschlagen, und dieser schien das zu brauchen.

»Eine Domina«, sage ich.
»Eine bedürftige Domina«, sagt Artur.

Und die Gewalt, die Arturs Mutter dem Vater angetan hat, sei so immens gewesen, dass der Vater nicht selten ins Krankenhaus eingeliefert worden sei, „Glas im Gesicht zerschmettert und so“. Einmal hat die Mutter ihm sogar ein Küchenmesser in den Hintern gerammt. Das, sagt Artur, sei es, was beide lange Zeit verbunden habe: die Wut, die Gewalt.

„Ganz schön verstrickt“, sage ich. „Denn dein Vater hat ja im Grunde gar keine Chance gehabt, dein Vater zu sein. Da war ja gar kein Platz für ihn?“

„Nein“, stimmt Artur zu, die Frauen bei ihm zu Hause hätten keine Männer gewollt.

„Aber wieso war deine Mutter so wütend auf deinen Vater, wenn sie ihn eh nicht wollte?“

„Weil er nicht so getickt hat, wie sie sich gewünscht hat. Sie hat ihn geschlagen, weil er versucht hat zu leben, wie er wirklich war. Und er war ein Hurensohn. Punkt. So hat sie ihn kennengelernt.“

Aber im Grunde sei seine Mutter schlicht auf das selbst Leben wütend gewesen, und der Vater war einfach derjenige, der sich hat schlagen lassen. Man müsse natürlich sehen, dass auch der Vater nicht ohne Grund so war, wie er war. Liebe und elterliche Geborgenheit wurden auch ihm vom lieben Gott nicht mit in die Wiege gelegt, immerhin aber und vielleicht zum Ausgleich etwas anderes: „Das gute Aussehen und einen, ich weiß nicht, ob prachtvollen, aber auf jeden Fall potenten Penis. Und das hat er beides genutzt. Er nutzt das bis heute.“

Und auch seine Mutter sei ja nicht nur einfach schlecht und süchtig gewesen: „Sie war eine echt coole Frau, niemand, an dem du vorbeigehen konntest, aber mit ihren zwei Seiten ein schwieriger Mensch.“ Sie war entweder die Perfekte, tapfer, liebevoll und fürsorglich oder eben der Teufel. „Aber wirklich vom Feinsten. Und ich denke schon, dass mein Vater nie so eine Frau kennengelernt hat. Ganz egal, wie viele er da flachgelegt hat.“

„Was wäre gewesen, wenn sich dein Vater als liebevoll erwiesen hätte?“, frage ich.

„Nein, er hatte keine Chance“, sagt Artur. Liebe sei nicht vorgesehen gewesen. Aber so konnte auch er, Artur, seinen Vater nicht lieben, er hat ihn immer verachtet. Nichts als Hass und Wut habe er aus seiner Familie mit nach Deutschland genommen.

Lange hat er selbst all das in Alkohol und Drogen erstickt und fortgelebt. So lange und so exzessiv, bis er vor vielen Jahren einen deutlichen Cut machte, „Vielleicht wäre ich sonst an meinem eigenen Lebenswandel gestorben.“ Von jetzt auf gleich hat er sein Leben verändert, Yoga gelernt, zu meditieren begonnen, nach den fünf Elementen gekocht, die Arbeit im Nachtclub aufgegeben und zu studieren begonnen. Modedesign. „Ein Jahr habe ich in einer kompletten Heiligkeit gelebt. Und auch ein Jahr lang nicht mehr onaniert.“ Artur lacht.

„Typisch schwarz-weiß. Und jetzt ist es seit Kurzem das erste Mal, dass ich keine Angst mehr habe, allein zu schlafen.“ Noch als er mit Guido zusammen war, sobald dieser im Urlaub war, habe er nicht mehr geschlafen, „weil ich Angst hatte, Angst vor Dunkelheit, Angst vor Geistern …“

In einer dieser panischen Nächte ist ihm plötzlich der Gedanke gekommen: „Ich will an meinen Vater einen Brief schreiben.“ Das hat er dann auch getan. „Ich habe ihm in dem Brief über mein Leben berichtet, was so in den dreißig Jahren passiert ist.“ Und zum Schlussstand da, in etwa:

„Damit wir Liebe erleben können, müssen wir allen verzeihen. Und allen bedeutet auch sich selbst.“

„Ich habe den Brief auch hingeschickt.“
„Hast du eine Antwort bekommen?“
„Nein. Nie … Als ich vor zwei Jahren Bioenergetik gemacht habe … da sagte meine Therapeutin: Man muss nicht alles verzeihen. Man muss nicht alles verstehen. Man muss es einfach akzeptieren. Das nimmt so ein bisschen den Druck weg.“

„Hat denn deine Mutter gewusst, dass du schwul bist?“ „Ja.“

„Wann wusste sie das denn?“

„Ich habe es ihr gesagt, als ich siebenundzwanzig war. Da war sie hier kurz zu Besuch. Sie hat natürlich fürchterlich geweint. Ich glaube, dass ihr Traum geplatzt ist. Aber sie hätte nie zugelassen, dass ich eine Frau heirate.“

„Du warst ihr Mann?“

„Genau. Als ich zum Studieren nach Breslau gezogen bin, hatte ich eine Freundin, meine erste und einzige. Wir waren zwei Jahre zusammen. Gott, hat meine Mutter sie gehasst. Ich habe meiner Freundin Unterwäsche gekauft, und meine Mutter hat das gesehen, ich werde diesen Blick nie vergessen. Ich glaube, sie hätte ihr am liebsten die Augen ausgekratzt..“

Aber gewusst, dass er schwul ist, hätten eh alle, sagt Artur. Seine Schwester habe zum Beispiel gesagt: „Wen willst du damit jetzt überraschen? Ich meine, du hast mit sieben gestrickt, du hast mit sieben Kuchen gebacken und du wolltest nie Fußball spielen.“ Selbst seine Großmutter meinte: „Ah ja, ich habe kürzlich so einen Film gesehen über Männer, die sich lieben, ja, gut, so ist es halt.“ Artur glaubt nicht, dass es ihr nichts ausgemacht hat. Aber für sie sei er halt der zur Erde herabgestiegene Christus.

„Nun der schwule Christus.“

„Genau“, sagt Artur wieder. Sie habe ihn besoffen gesehen und erzähle immer noch, er würde nichts trinken und nicht rauchen. In ihrer Phantasiewelt sei er der Erleuchtete. Und vielleicht denke sie auch, dass das Schwulsein so eine nebensächliche Geschichte ist. Traurig immerhin sei sie gewesen, als Guido und er sich trennten. „Sie fragte: Hat er dich geschlagen? Oder hat er dich beschimpft? Betrügt er dich? So die Geschichten, die sie kennt, wie Männer mit Frauen umgehen.“

„Großmama“, habe er geantwortet, „ich kann dir das nicht erklären, so ist es einfach.“ Und bis heute sage sie: „Entschuldige dich bei ihm und kommt wieder zusammen.“

Doch mehr als gute Freunde sind Guido und Artur nicht mehr geworden, diese Liebesgeschichte ist vorbei. Und nun?

„Was wünschst du dir?“, frage ich.
Artur überlegt. „Liebe wünsche ich mir.
Früher habe er gedacht, wichtig sei im Leben das Gefühl, geliebt zu werden, und das sei möglicherweise auch so. Aber was er sich wirklich wünsche, sei, lieben zu können.

„Ich spiele mein Leben lang ein fieses Spiel. Ich bettle zwar fast: Lieb mich! Aber sobald es einer tut, sage ich: Geh weg.“ Noch immer sei es so, dass ein Teil von ihm glaube, er habe nicht verdient, hier zu sein. „Und ein anderer Teil sagt: Du musst nichts tun. Du musst dich einfach nur öffnen . . . “

Saint-Exupéry schrieb, man müsse mit dem Herzen sehen. Das glaubt Artur auch. Aber es sei nun mal die Leistung seines Kopfes gewesen, die ihn so viele Jahre durchs Leben gebracht hat, ihn überleben ließ.

„Und der möchte jetzt nicht einfach so abgeschoben werden.“ Es gehe nun darum, die Mitte zu finden, den Ort, wo Herz und Kopf sich treffen können.

„Hätte ich die Hoffnung verloren, dass es möglich ist, die Liebe zu erleben, gäbe es für mich hier keinen Platz mehr, aber sie ist noch da. Und auch, wenn ich manchmal ganz tief im Sumpf sitze.“

Immer noch habe er die Idee, dass sie eines Tages passiere: diese  Hollywoodbegegnung. Der Glaube daran, sagt Artur, sei in ihm noch lebendig.

„Ich weiß, dass es noch in mir stattfinden wird. Wir haben alle Pretty Woman gesehen, und wir warten auf den Prinzen auf dem weißen Pferd. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre anders. Mein Wunsch ist, und sei es nur für einen Augenblick, zu lieben und mich hingeben zu können. Das will ich.«

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