Walter von Lucadou, Physiker und Parapsychologe, 68 Jahre

Fliegende Tassen, unheimliche Geräusche, kalte Luftzüge, diffuse Erscheinungen… kaum einer kennt sich darin besser aus als Walter von Lucadou. Er tritt damit in die Fußstapfen des umstrittenen Hans Bender, der lang verstorbene Leiter des einzigen in Deutschland und heute nicht mehr existierenden Lehrstuhls für Parapsychologie an der Uni Freiburg. Seit Jahrzehnten ist Walter von Lucadou nun seinerseits den Geistern auf der Spur. Einst mehr als ungläubig und kritisch den vorgeblich paranormalen Fällen gegenüber, dann plötzlich von wissenschaftlicher Neugier gepackt und diese nie wieder verlierend.

Etwa 3000 Anrufe im Jahr erreichen seine parapsychologische Beratungsstelle in der Hildastraße in Freiburg und hoffen auf Rat und Hilfe und vor allem auf Verständnis. Walter von Lucadou und seine Mitarbeiterinnen gehen mit den Anrufern sehr sensibel um. „Wir hören zu als hörten wir von den ungewöhnlichen Dingen, welche die Menschen uns zu berichten haben, das erste Mal“, sagt Walter von Lucadou. „Sonst könnten wir den Leuten nicht helfen.“ Die vorbehaltlose Anteilnahme ist die Grundvoraussetzung. „Man muss möglichst alle Vorurteile hinten anstellen und sich voll drauf einlassen, was kommt.“ Genau so, wie jetzt im Gespräch, sagt er. Walter von Lucadou will nicht wissen, wer ich bin. Sein Motto ist: „Jeder, der kommt, kriegt die beste Information, die ich geben kann. Ohne Wenn und Aber.“ Und welche Information erfährt also der Hilfesuchende in der Beratungsstelle? „Meist eine, mit der er zunächst nicht rechnet.“

Walter von Lucadous erstes Anliegen gilt nämlich nicht der Klärung eines für sich alleine stehenden parapsychologischen Phänomens, sondern der inneren Haltung des Menschen dazu. Eine Geschichte, sagt er, also ein Spuk, habe immer eine Umgebung und sei nie nur kausal zu erklären. Eine Geschichte fange an und höre wieder auf und alles, was darin vorkomme, alle physikalischen, psychologischen und soziologischen Zusammenhänge müssten mit berücksichtigt werden. Die grundlegende Frage also sei: In welcher Lebenssituation befindet der jeweilige Mensch sich? Hat er Angst? Ist er in seiner Mitte? Oder wie Walter von Lucadou sagt: „Hat er ein gutes Enbodiment?“ Oder noch anders ausgedrückt: Ist er glücklich? Seine These ist nämlich: „Diese paranormalen Phänomene dienen nicht dazu, den Menschen zu ängstigen, sondern, im Gegenteil, ihm zu helfen.“ Die Erscheinungen sind damit vornehmlich als ein Zeichen der Umstimmigkeit des Umfeldes zu verstehen, also als „ein Auseinanderklaffen, von dem wie es sein soll und dem wie es ist“, was bedeutet, ein paranormales Phänomen ist nichts weiter als eine Verlagerung psychosomatischer Vorgänge ins Außen. „Was sehr praktisch ist.“ Ist doch so ein Spuk wesentlich leichter zu handhaben als eine psychosomatische Manifestation im Körper, findet Walter von Lucadou. Die erste Aufgabe, die ihm als Freiburger Geisterjäger daher zukomme, sei dem Menschen die Angst zu nehmen. Denn dann, wenn das gelänge, hätten die Leute die Möglichkeit, gut mit der Situation umzugehen und sich auch wieder in sich selbst einzuklinken. Den Spuk sozusagen eigenhändig zu vertreiben. Etwas, das ein jedes Mal spürbar erfolge und zu großen Aha-Erlebnissen führe.

Was also für Walter von Lucadou ganz persönlich Glück ist, liegt auf der Hand:

„Glück ist genau das Gefühl, was sich einstellt, wenn der Mensch in seiner Umgebung eingepasst ist, dass er einfach sagt: So, jetzt stimmt alles. Das ist Glück. Das ist dieses Enbodiment.“

Ob man etwa viel Geld hat oder einen tollen Partner oder gute Gesundheit, davon hänge Glück nicht ab. Das seien nur einzelne Elemente von Glück. Glück ließe sich nicht kausal definieren, genau so wenig wie die paranormalen Erlebnisse. „Wir leben heute sehr exzentrisch und viel zu oft außerhalb von unserer Natur“, sagt Walter von Lucadou, ohne Verbindung zu unserer Intuition und „ohne unsere Verschränkung wahrzunehmen“, ein Terminus der nahe an C.G. Jungs Begriff der Synchronizität anlehnt und in die Quantenmechanik hineinreicht. Der Begriff Verschränkung meint kurz gesagt eine nicht willentlich zu steuernde, aber sehr effektive Verbindung von unserem Sein mit unserer Umwelt. „Wir haben das verlernt oder glauben, das es nicht wichtig ist. Dabei ist gerade das das A und O in unserem Leben.“ Geistererscheinungen würden uns nur deshalb irritieren, weil wir in einer Kultur leben, in der das nicht ernst genommen wird und es deshalb zu einem generellen Tabuthema verkomme. „Alle reden drüber, aber keiner richtig“, sagt er und verweist auf die unzähligen verzweifelten Anrufe, die täglich in seiner Praxis eingehen. Ein paradoxes Phänomen. In der Tat. Aber wie ist es denn nun mit den echten Geistern? Sollte am Ende wirklich alles einzig psychologisch erklärbar sein? Und würde uns das glücklicher machen? Herr von Lucadou? „Doch doch, den Spuk gibt’s schon.“ Von Lucadou lacht. Sicher, gerade aufgrund der vielen ungeklärten Phänomene habe er ja vor Jahrzehnten beschlossen, dass sich da einer darum kümmern müsse. Also er. Freilich alles aus dem Blickwinkel eines kritischen Physikers, einem, der schon immer wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammen hält. Aber, ob es Geister nun wirklicht gibt… Walter von Lucadou weicht immer wieder aus. Er erzählt mir von Begebenheiten seiner Arbeit, der kreativen Geistersuche, Geschichten, die sich irgendwann aufklären und Geschichten, die Geheimnisse bleiben. Doch eine eindeutige Antwort bekomme ich nicht. Und so bleibt nur das stolze, doch vage Conclusio: „Wir sind in der Forschung weiter gekommen und haben immerhin inzwischen eine Ahnung dazu, was Spuk ist.“ Ich bin enttäuscht, doch ich gewinne auch den Eindruck, dass es ihm beim Ausweichen einer konkreten Antwort nicht so sehr darum geht, etwas vor mir zu verschweigen oder zu verschleiern, sondern als sei die leidenschaftliche Suche nach Geistern, der er immerhin und zwar mit ziemlich klarem Kopf, sein Leben widmet, eher eine Sache der Betrachtung. Fast ein Spiel. Und natürlich in keinem Falle esoterisch zu verstehen. Mein Aufnahmegerät, sagt er darum, setze ihn als Wissenschaftler genau so sehr in Erstaunen wie der Hergang eines Spuks. Und daher:

„Mein wirklich erstaunlichstes Erlebnis war, als ich das erste Mal mit Anfang zwanzig mit dem Flugzeug geflogen bin.“

Natürlich habe er gewusst wie so ein Flugzeug funktioniert. „Ich weiß was über Aerodynamik, über Auftrieb. Ich weiß ziemlich viel mehr, warum das Ding fliegt als die meisten Leute, die da rein gehen.“ Aber er habe sich das Flugzeug dennoch angeguckt und gedacht: „Nee, das kann nicht fliegen.“ So gehe es ihm häufig. Dass er sich irgendwelche Dinge anschaue und denke: „Menschenskinder, das ist doch unglaublich, dass wir heute so was machen können. Ich mein, der Mensch kriegt doch sonst nichts auf die Reihe, ist ungeschickt, hat keine guten Sinne. Und trotzdem machen wir Sachen, die eigentlich gar nicht sein können.“ Aber klar, und da sind wir wieder beim sogenannten Embodiment …. , solche Erfindungen seien nicht die Summe von Berechnungen, sondern das Ergebnis von nicht steuerbaren, plötzlichen Geistesblitzen. Geniestreiche der Menschheitsentwicklung. Er sage immer: „Die normalen Dinge kann man herbeiführen, üben“, aber das Embodiment kriege man geschenkt. Und so ein Moment sei dann natürlich großes Glück. Früher sei er jenen Geistesblitzen hintergejagt, war sehr ehrgeizig, heute würde er relaxter an die Welt rangehen. „Das geht“ sagt er, „weil man nichts mehr werden muss“. Er ist zufrieden mit sich. Vor allem kann er sagen: „Ich habe in meinem Leben wirklich immer nur gemacht, was ich wirklich wollte.“ Und diesen Anspruch hat er immer noch. Er muss noch jede Menge Bücher schreiben, mal alle seine Sachen sortieren, um sie an einen Nachfolger zu übergeben, „es muss ja weitergehen!“, seine Studenten mit Freude unterrichten und mit seinen Enkelkindern über Gott und die Welt philosophieren. Nur, herrje, die Zeit fehlt ihm. Ständig. Weswegen ihn allmählich auch jetzt im Gespräch bei aller Zugwandtheit die Ungeduld überkommt und er mich gerne los sein will. Ich kann es körperlich spüren. Von Lucadou sieht mich erstaunt an. „Das merken Sie?“ Er sagt, dann sei ich ja super verschränkt, doch wie unangenehm, versuche er doch seine Ungeduld immer so gut es gehe zu verbergen. Er lacht, seine Augen funkeln voller Tatendrang, spitzbübisch wie ein kleiner Junge. „Sie sind ein großes Kind“, sage ich. Und meine dies im positivem Sinne. Er nickt. „Das stimmt.“ Dann reicht er mir herzlich die Hand. „Jetzt machen Sie was damit.“ Er meint das Interview. „Ja“, sage ich und bin weg. Ich mache etwas damit. Auch mit meinem „Embodiment“. Mit i. Nicht body. Das Wort gefällt mir. Doch ich muss es zuhause ersteinmal nachschlagen.

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