Judith Heusch, Sängerin der Band Patty Moon, 45 Jahre

Zerbrechlich und elfenhaft anmutige Stimme, sagen manche. Oder: Rätselhaft, rein, Traumbilder erschaffend, niemals naiv klingend. Auch: In den Bann ziehend, verspielt und schwebend. Ich sage: „Du streichelst einen mit deinen Liedern.“ Und meine das im Ernst. Ich bin Judith Heuschs Songs längst erlegen und staune darüber, wie sie es schafft, Bilder innerer Schwere und Melancholie in eine solche Leichtigkeit zu verwandeln. Die Songs, das sind sie, das ist ihre Mitte, ihre Heimat. Hören wir sie singen, hören wir sie in ihrem Innersten erklingen, dort, wo alles heil und ganz und gut ist. Wo Dinge, die schmerzen oder berühren in ungefähre poetische Bilder gefasst werden, die nicht direkt greifbar und doch voll und ganz spürbar sind. Bilder, die Großes schaffen. „Das ist toll oder?“, sagt Judith. „Das erfüllt einfach.“

Für sie ist das Schreiben von Songs eine Form, um Platz für Sachen zu finden. Sachen, die in Frieden kommen wollen. Schon als Kind hat sie am Klavier gesessen, und Gedichte geschrieben. Aber erst mit Ende zwanzig hat sie sich getraut, mit ihrer Musik an die Öffentlichkeit zu gehen. „Immer gedacht, du kannst nichts“ und dann plötzlich konnte sie doch was. Ein Geschenk. „Das hast du dann einfach. Und deswegen kannst du dich nicht umdrehen und gehen, du musst irgendwie was damit machen. Du bist dafür da.“

Sie macht also etwas damit. Schreibt, komponiert, singt. Alles zusammen. Sie hätte damit viel früher anfangen können, sagt sie heute. Es war ein Weg, der sich nicht sofort öffnete, aber ihr nun alle Kraft gibt.

„Und in so eine Kraft wie beim Singen komme ich in keiner anderen Situation.“

Die Stimme, so Judith, ist ihr „wahnsinnsdirekter Zugang zu sich selbst“. Dennoch hat sie früher fürchterliches Lampenfieber gehabt und es war ihr unmöglich gewesen auf der Bühne zu singen und gleichzeitig Klavier zu spielen. Inzwischen geht auch das. „Ich bin gewachsen“, sagt sie. Das Selbstbewusstsein ist gewachsen und es macht ihr nun großen Spaß auf der Bühne abzutauchen und zu strahlen und dieses Strahlen weiter zu geben.

Bei einer ganz einfachen kleinen Probe, erzählt sie, habe sie einmal etwas ganz Besonderes erlebt. Kein Strahlen von innen, sondern ein Strahlen von außen. „Wahnsinn, plötzlich war da ein Scheinen auf mir drauf. Du wirst einfach angestrahlt und scheinst danach selber. Wie Phosphor.“ Von solchen Momenten hat sie auch von anderen Sängerinnen gehört. Und das seien freilich wichtige Momente, Momente, die einen weiter tragen. „Weil das Leben ist ja so im Außen.“ Ständig macht man Sachen, auch gute Sachen, aber das Leben läuft und läuft. „Und es ist wieder Montag, und dann wieder Montag und dann wieder Montag und dann wieder Montag.“ Doch dass mal alles so ganz glatt ist, die Zeit und die Muse spürbar wird…, das passiere nicht so oft und im Moment bei ihr ziemlich selten. „Erstmal kommt überleben.“ Haushalt, Tiere, Klavierunterricht, reiner kleinteiliger Broterwerb und vor allem seit Neuestem Judiths Tochter. „Mit Kind“, sagt sie, „läuft ja alles anders. Da komme ich an letzter Stelle.“ Mit Kind auch sitzen wir zusammen in einem Café und Judith ist etwas abgelenkt. Genauer gesagt, vor allem damit beschäftigt, dass ihre kleine Tochter nicht in den Teich des Innenhofes fällt. Außerdem ist sie ziemlich übermüdet, die Montage und Montage haben sie im Moment voll im Griff. Und die letzte Zeit war insgesamt nicht sehr leicht für sie. „Aber ich hatte schon immer ein ziemlich hartes Leben. Mit fünfzehn bin ich von zuhause fort.“ Sie musste lernen  sich alleine durchzubringen, leben, arbeiten. Das war nie so ganz einfach. Doch mit ihren Eltern ging es nicht mehr. „Ich wollt´s nicht, aber es war halt so. Zwei Menschen gucken irgendwo hin und der eine sieht das und der andere sieht das.“

Sie habe sich schon immer ein bisschen anders gefühlt. „Nicht aufgehoben.“ Und meint das prinzipiell. „Ich glaube, ich habe der Welt nie so wirklich getraut.“ Immer schon sei ihr Kopf zu voll gewesen, immer unter Strom, immer die Sinne zu offen. „Und schlechte Konzentration und geräuschempfindlich, so viel Verstrebungen, welche Entscheidungen…“ Eine einzige Überforderung für sich selbst und für andere. „Mein Hirn braucht ständig Stoff“, sagt sie. Den ganzen Tag. „Ich muss ständig was strukturieren.“ Und am liebsten würde sie ihrem Kopf eins ums andere Mal sagen: „Jetzt halt doch mal die Klappe.“ Sie habe vor kurzem gelesen: Glück ist, wenn man keine Sorgen hat. Ja, das stimme natürlich. Aber… sie überlegt, sie würde das so ausdrücken:

„Glück ist mal kopflos zu sein. Oder mit dem Kopf glücklich.“

Und einfach mal nur so dasitzen. „Um so älter man wird, ist Glück, einfach nur da sein. Hier, Vogelgezwitscher, reicht schon.“ Außer man ist nicht gut drauf. „Wenn ich nicht gut drauf bin, dann bringe ich mich in Bewegung.“ Dann wird gestaubsaugt, geputzt, gekocht. Denn das muss ja eh sein. „Da bin ich ganz pragmatisch.“ Oder sie geht raus in den Wald. Der Wald. Das ist überhaupt schon immer ihr Kraftort gewesen. Struktur, Linie, Rahmen. Die vielen unterschiedlichen Grüntöne, die Lichter und Schatten, die Tiere, die Wurzeln, das Efeu, all die Farben, die Ruhe… Hier verlangsamt sich die Welt. „Das ist so ganz gerade bei mir.“ Ein Jetzt-Sein. „Und das ist gut, weil ich immer eher so nach vorne oder nach hinten denke.“

Im Wald ist Judith auch aufgewachsen, erzählt sie, und der Wald war schon immer ihr Fluchtpunkt gewesen. Inmitten von Tieren. Tiere auch, die sie gerettet und nach Hause getragen hat. Genau so wie heute. Auch heute laufen ihr wie selbstverständlich alle Hunde und Katzen zu. Und bevölkern sie bis hinein in ihre Lieder. Teilen Leid und Freud mit einer Schwester im Geiste.

„Ich finde das Leben ja nicht so leicht. Aber ich find´s andererseits auch riesig schön.“

Und genau das kommt in ihrer Musik zum Ausdruck. Man spürt beides. Sehnsucht, Melancholie und Freude. Patty Moon. So auch ist der Bandname entstanden. Zusammen gesetzt aus zwei Elementarsongs. Nämlich aus Peppermint Pattie, „die Looserin bei den Peanuts“ und aus Me and the Moon. Aus Diesseits und Jenseits. Aus Tiefe und Weite. „Die Leute sagen, meine Lieder sind zeitlos, das freut mich.“ sagt Judith. Und sie hat viele Fans. Aber nun wünscht sie sich, dass sie wieder mehr Muse für ihre Musik findet, dass wieder mehr geht, mehr Auftritte kommen, mehr Auftrieb, neue Filmtitel, überhaupt neue Aufträge. …„Ja. Ich bin dran“, sagt sie. „Da geht noch was.“

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