Simon Straetker, Filmemacher, 20 Jahre

Vor fünf Jahren hat alles begonnen. Simon stieg zu dem südafrikanischen Abenteurer Mike Horn in ein Boot, das für Jugendliche die kostenlose Mitnahme auf Teilstrecken einer mehrjährigen Weltumseglung ermöglichte. Es war das so genannte Pangaea-Projekt, initiiert zum Zwecke, junge Menschen an die Schönheit der Natur heranzuführen und sie für den Umweltschutz zu sensibilisieren. Simons Teilstrecke hieß Neuseeland. Und alles, was er heute ist, für was er sich einsetzt, als Filmemacher, all die sozialen Projekte, der Umweltschutz, verdankt er dieser Reise, diesem einen Mann, den er begleitete und dem er schließlich auch kameratechnisch zur Seite stand. „Wenn ihr was erreichen wollt, dann müsst ihr euch Ziele setzen“, hat Mike Horn damals gesagt. „Und dann erreicht ihr die auch.“ Er hat viel gesagt, vielleicht war dies aber das Wesentlichste von allem. Jedenfalls: Simon war fünfzehn und hing an Mike Horns Lippen. „Wenn dir das jemand erzählt, der dir gerade eine Reise in eine der schönsten Ecken der Welt bezahlt hat, in seinem Boot, dann glaubt man ihm das.“ Keine Frage, Simon hat ihm geglaubt. Nun sitzt er mir gegenüber und sagt Sätze wie: „Es hat sich in meinem Leben so vieles gefügt, womit ich gar nicht gerechnet habe.“ Oder: „Ich habe bisher alles erreicht, was ich mir in den Kopf gesetzt habe und das macht mich glücklich.“ Ich schaue ihn an. „Du bist zwanzig“, sage ich. „Das kann nicht sein.“ Denn wer blickt mit zwanzig auf sein Leben zurück als ginge er gerade in Pension? „Doch“, beharrt Simon. „Ich frage mich auch oft, ob ich schon bereit wäre zu sterben.“ Der Tod in Bezug auf das Glück sei eine elementare Sache. In positivem Sinne. In Ghana, erzählt er, habe er gesehen, wie die Menschen freudige Feste zu Ehren der Verstorbenen feiern. „Weil sie sich für sie freuen. Und die meinen das ernst.“ Er hat auch ein Filmprojekt gedreht in einem Hospiz. Die Menschen dort haben ihn sehr berührt. Deren Lebensfreude hat ihn berührt. Und zum Nachdenken gebracht. Seine Mutter allerdings, die mag es nicht, wenn er über solche Dinge spricht. „Lass das sein“, sagt sie. Aber Simon macht sich trotzdem weiter Gedanken. „Ich finde halt wichtig, dass man jeden Tag wert schätzt und sich mit dem Tod auseinandersetzt.“ Das sporne an, die Wichtigkeit der Momente nicht aus den Augen zu verlieren. „Wärest du also schon bereit?“, frage ich. „Nein!“ Simon lacht. „So ganz ready to die bin ich nicht.“ Denn ganz einfach: „Ich liebe das Leben.“

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©️SimonStraetker

Aber ja: Er kann in seinen jungen Jahren wirklich auf erstaunlich viel zurückblicken und jetzt einfach mal sagen: „Andere gehen nach dem Abi ein Jahr nach Australien, ich mache mich halt ein Jahr selbstständig.“ Warum auch nicht? „Ich verliere dabei ja nichts.“ Im Gegenteil. Hat er doch noch alle Zeit der Welt. Bis heute wundert es ihn allerdings wie das Filmen überhaupt in sein Leben gekommen ist und nicht wieder gehen wollte. Damit sei nämlich gar nicht zu rechnen gewesen. Immer habe er als Kind, als Jugendlicher alles wieder abgebrochen. Tausend Sportarten und Freizeitaktivitäten. Mit dem Filmen würde das bestimmt genau so sein, hatte er gedacht, als er auf dem Boot von Mike Horn das erste Mal eine Kamera in die Hand nahm, einen kleinen Film drehte, selber schnitt und dem Kameramann assistierte. Klar, das hatte Spaß gemacht, aber sicher hatte er nicht erwartet, dass er von da an jenem Kameramann als Dauerassistenten zur Seite stehen würde. Für drei Jahre. Immer während ganz regulärer Schulzeiten. Immer etwa drei Monate über das Jahr verteilt und quer durch die Welt. „Aber das hat gut geklappt!“, sagt Simon. Er habe viel im Flugzeug gelernt. Gelernt, effektiv und zielbewusst zu lernen. Er wusste ja zu welch privilegiertem Preis. Und er wusste auch, dass der Rektor ihn ohne gute Noten nicht hätte gehen lassen. Also schrieb Simon einfach immer gute Noten. „Das war natürlich super!“ Eine jahrelange Ausnahmesituation. Afrika zum Beispiel. Immer habe er nach Afrika gewollt und plötzlich kam er drei Mal im Jahr hintereinander nach Afrika. Da lernt man natürlich einiges. Nicht nur filmtechnisch. „Man lernt im Ausland die guten Dinge zu schätzen“, sagt Simon. „Und man lernt auf diese Weise auch die vielen kleinen guten Dinge zuhause zu schätzen.“ Als junger Filmemacher beschränkt er sich nun auf Filme, die einen Bezug zu Natur und sozialen Themen haben. Auf seiner Webseite steht: „Images for a better world.“ Er möchte etwas verändern, helfen, den Umweltschutz vorantreiben. Dafür hat er sich ein großes Netzwerk geschaffen. Außerdem hat er sich mit den 300 anderen Teilnehmern des Pangaea-Projekts zusammengeschlossen, um Mike Horns Anliegen am Leben zu erhalten und neu zu gestalten. „Ich bin im Moment so glücklich, weil ich das mache, was ich gerne mache“, sagt er. Überhaupt: „Jeder sollte das tun, was ihn innerlich antreibt und das zu seinem Beruf machen.“ Nur so schöpfe man sein ganzes Potenzial aus. Als Kind, erzählt er, habe er immer eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft haben wollen. Aber die Ansprüche sind gestiegen. Aus dem Bürgermeister wurde der Ministerpräsident. „Und dann habe ich gemerkt, dass man gar nicht wirklich wichtig sein kann, wenn man nicht Barack Obama ist.“ Und ihm sei aufgegangen, wie unsinnig dieses Anstreben von Macht ist. Denn das Setzen von Zielen höre ja niemals auf. Immer warte schon das nächste Ziel. Und das sei ja vielleicht gerade das Glück. Dass die Kette nie aufhört. Und, dass man an sich und seine Ziele glaubt. Simon jedenfalls glaubt an sich: „Ich bin ein positiver Mensch, absolut“, sagt er. „Und wenn sehr negative Menschen mir erzählen, dass ich irgendwas nicht schaffe, dann verlasse ich den Raum.“ Ein bisschen Skepsis schade ja nicht, um die Realität im Auge zu behalten. „Aber zu viel ist nicht gut.“ So ist es mit Simon. Dem zwanzigjährigen Simon. Davon fange ich immer wieder an. Aber vor allem wünsche ich ihm, dass er noch lange nicht „ready to die“ ist.

©️ http://www.simone-harre.de