Es ist immer ein Risiko, einen ironisch-satirischen Autor, in meinem Fall mehr ironisch als satirisch, zu fragen, was im Leben zählt und was bleibt. Die Antworten könnten verwirrend ausfallen oder den Autor verwirren. Wenn man den Autor weglässt, um W.N. zu fragen, dann würde das den Menschen verwirren. Die Bezeichnung Autor ist jedenfalls wie ein Mantel, den sich der Mensch um die Schultern gelegt hat. Ohne Mantel wäre der Mensch nackt, als Frau wäre er eine gerupfte Nachtigall, mit der jeder Mitleid hätte, und als Mann ein gerupfter Pfau, der im Mittelalter als gebratener und gesottener Paradiesvogel auf einer königlichen Tafel gelandet wäre, um den Hoheiten das Gefühl zu vermitteln, als würden sie sich mit dem Vogel etwas an nahrhafter Unsterblichkeit zuführen ;‒)

Im Angesicht des Todes möchte ich kurz an meine letzten zehn Werke denken, von denen ich annehme, dass sie bleiben, wobei ich mir allerdings sicher bin, dass die Kritiker – und zwar aus purer Böswilligkeit – dieser Meinung nicht folgen werden, so dass ich mit einiger Anstrengung den Gedanken verdrängen muss, dass gar nichts bleibt… Denke ich an mich als Mann, dann möchte ich in den letzten zehn Sekunden in den Armen meiner letzten zehn Geliebten liegen, doch wäre die Geschwindigkeit des Vorgestellten viel zu groß, so dass ich davon nichts hätte und folglich ebenfalls so gut wie nichts zurückbliebe.

Ich könnte es auch mit zehn Religionen versuchen, die ich dann in zehn Sekunden auf eine reduziere, aber ich weiß noch gar nicht, ob mir zehn Religionen einfallen. Ich überlege mal: (1) die griechische Religion mit Zeus, doch vor allem mit Aphrodite, (2) die römische Religion mit Jupiter und mit Venus, (3) den Dionysos-Kult extra, (4) den altägyptischen Osiris-Mythos, (5) die Religion der großen Mutter Isis, (6) die Religion des Zoroaster, (7) den Shintoismus mit der Hauptgöttin Amaterasu, (8) die Religion der Hopi-Indianer, (9) die heidnische Religion mit Freya an der Spitze, (10) die neue Wicca-Kult-Religion, die ist allerdings ein wenig hexenhaft, was bedenklich stimmt. Alle diese Religionen reduziert auf eine ergeben die Sommerreligion, wie sie bereits Heinrich Heine verkündete, obschon ich in der Lage wäre, diese weiter auszudifferenzieren… Nach zehn Sekunden Sommerreligion tritt dann die große Befreiung ein :))

In Wirklichkeit möchte ich in den letzten zehn Sekunden an die zehn schönsten Jahre mit meiner wundervollen japanischen Frau zurückdenken. Dabei reduziere ich die Jahre auf Tage, die Tage auf Stunden und die Stunden auf Minuten, bevor ich bei besagten betrüblichen, weil zu kurzen, zehn Sekunden anlange… Wenn ich mir das vorstelle, muss ich laut lamentierend zum Ausdruck bringen, dass sich zehn Sekunden ins pure Nichts auflösen… Ich schlage deshalb die umgekehrte Reihenfolge und eine andere Zeitrechnung vor. Obige Religionen haben ihre eigenen Zeitrechnungen, welche großzügiger und freiheitlicher als unsere n.u.Z.-Rechnungen sind. Sie lassen Autoren und Leute älter werden… Am großzügigsten aber ist die Sommerreligion: Sie hebt das Altern auf und lässt alle Menschen fröhlicher, heiterer, aufgeklärter und jugendlicher in Erscheinung treten: Aristophanes und Voltaire, eventuell noch Wieland, werden als Zeugen benannt.

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Wulf Noll

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Mutsumi Aoki

Ich soll ein Foto beifügen, eines aus meiner besten Zeit, ich werde ein Foto meiner Frau anhängen, denn schließlich bin ich sie, und sie ist ich. Das ist nicht schwierig oder geheimnisvoll, es entspricht dem Verhältnis von Yin und Yang, wobei sich das Problem ergibt, dass ich den wunderbaren Taoismus unter den obigen zehn Religionen nicht aufführte, weshalb ich den Leser bitte, eine der Religionen für sich zu streichen. Ich komme dagegen mit elf, mit zwölf oder mit mehr Religionen zurecht. Ach so, das Foto! Konsequenterweise muss ich zwei Fotos beifügen, denn auf dem ersten Foto bin ich sie und auf dem zweiten Foto erscheint sie als ich. Und wenn ich dieses fröhliche Bild aus besseren Zeiten in den letzten zehn Sekunden vor Augen habe, dann bleibt die Hoffnung zurück, dass wir ins nächste Leben hineingeboren werden und dabei den nächsthöheren Level erreichen. Tokyo, im Jahre 1 der Sommerreligion.

WULF NOLL, Schriftsteller, Mitglied im PEN, veröffentlichte zahlreiche Reisebücher v.a. zu Japan, China und Indien. Er lehrte an Universitäten in Japan und China deutsche Sprache, Landeskunde, Literatur und Philosophie. Noll, aus Kassel gebürtig, lebt in Düsseldorf und ist mit der bildenden Künstlerin Mutsumi Aoki verheiratet.

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