Karl K., 31 Jahre, Ingenieur

Karl provoziert mich. Eine Stunde lang. Blafft mich an. Checkt mich up, versucht herauszufinden, ob ich aus seiner Geschichte eine „Barfuß-über-Blumenwiesen-gehen-Geschichte“ mache. Ich sage nein, halte aus, halte dagegen. Was denkt er sich? Dann endlich: Prüfung bestanden. Karl sieht, seine Intention ist meine Intention und ich soll ihn nicht missverstehen. Nein, schon okay… Ich verstehe seine Skepsis sogar sehr gut. Davon zu erzählen, wie man ein neues Herz bekommen hat, ist sicher keine Geschichte im Vorübergehen. Und doch, da er nun mal da ist, weil er mit mir über das Glück sprechen will, war daran auch etwas glücklich? Trotzdem? Karl blickt mich wieder unwillig an. Vielleicht. Ja. Nein. „Gewonnen habe ich daraus schon einiges…“, sagt er. Aber Glück? Eine Herztransplantation Glück? Er könne ja auch sagen: „Ganz schön viel Pech gehabt! Oder?“ Wieder dieser Tonfall. Sicher,  unterm Strich überwiege das Positive, aber es habe eben auch fast sein Leben und seine berufliche Karriere zerstört und viele Erinnerungen nach sich gezogen, die er nicht unbedingt gebraucht hätte. „Ich habe vorher schon ziemlich bewusst gelebt“, setzt er barsch hinzu und: „Ich weiß nicht, ob man da vom großen Masterplan reden kann, der dann plötzlich in Erfüllung gegangen ist und das war dann das letzte Mosaiksteinchen.“ Auch sei er dadurch kein besserer Mensch geworden. Geanu diese Sicht der Leute ärgere ihn, die dann meinen, man müsse nach so einer Geschichte mit einer rosaroten Brille und erleuchtet durch die Gegend laufen. „Auf jeden Fall ist das alles nichts Erstrebenswertes und schon gar nichts Notwendiges.“ Das einzige was er wolle. Durchschnitt. Im Mittelmaß mit schwimmen und den inneren Frieden haben. Also ein ganz normales Leben.

Ich muss auch nicht wahnsinnig reich sein, ich will auch nicht arm sein. Ich will nur meine mir statistisch zugeteilten ein bis zwei Kinder.

Mehr Ansprüche habe er gar nicht ans Leben, sagt er. Und genau so wenig wie er in tiefe Täler und Abgründe schauen müsse, brauche er den Gipfel der Euphorie. „Im Grunde genommen ist das eine unfreiwillige Achterbahnfahrt gewesen, auf die ich da gesetzt wurde.“ Was soll daran Glück sein? Karl schimpft und schimpft. Kein Wunder. „Verstehst du, ich habe davor immer gedacht, ich sei unverwundbar, unsterblich. Ich war ein super durchtrainierter Sportler.“ Und dann so eine Geschichte, einem jungen Mann, der doch gerade im vollen Saft stand. SO eine Geschichte.

Aber bringen wir sie doch mal auf den Punkt. Die Geschichte. Es war so: Eines Tages ist bei Karl eine Herzschwäche entdeckt worden. Wie es dazu kam, könne man nur spekulieren. Vermutlich habe er ohne es bemerkt zu haben eine Herzmuskelentzündung gehabt, welche dann, und das sei nicht ungewöhnlich, mit einer gewissen Verzögerung zuschlug. „Also Akutphase läuft ab und drei Monate später geht plötzlich die Herzleistung in den Keller.“ Keine Entzündungssymptome mehr, dafür Schädigung am Herzmuskel. Plötzlich bekam Karl starke Bauchschmerzen, aber Magenspiegelungen haben nichts ergeben. Plötzlich bekam er Husten und es habe geheißen, er habe nur noch wenig Lungenleistung. Plötzlich hatte er eine verdickte Gallenblase und es hieß, das sei wohl eine Gallenblasenentzündung. Plötzlich dies, plötzlich das. Was war nur los? Und was sollte geschehen? Schritt eins: Die Galle sollte raus. Bei der Voruntersuchung zur OP begann man sich im Krankenhaus jedoch erstmals über seine Symptome zu wundern, schickte ihn ins EKG und von da an ging alles „hopplahopp“. Diagnostiziert wurden Herzrhythmusstörungen und ein schon sehr geschädigtes Herz. So sehr geschädigt, dass sich der Kardiologe gewundert habe, dass Karl überhaupt noch die Treppe zu ihm hoch gekommen sei. Es folgten herzstärkende Medikamente, die bald nicht mehr wirkten. Es folgte ein Herzschrittmacher und doch fiel Karl eines Tages um. Und noch mal. Und das wars. Im November zwei Jahre später kam er in die Klinik. Endstation. Wartestation. Dringlichkeitsstation. Bis März des folgenden Jahres lag er dort und wartete auf ein neues Herz. Ein fremdes Herz. Die einzig mögliche Rettung. Inzwischen war Karl von 93 Kilo auf 62 Kilo heruntergemagert und stand kurz vor einem multiplen Organversagen.

Wie war das für dich?“, frage ich. „Was hast du gedacht?“

Keine Option.“

Er habe es außerdem als ungerecht empfunden. „Zu extrem“, sagt er. Mitten aus dem Leben gerissen zu werden. Auf diese Weise. Ja, am ehesten ungerecht. „Jedem fällt mal ein Glas runter, jedem passieren Dinge, schöne Dinge, blöde. Aber so im Mittelmaß und keine Katastrophen.“ Er sei auch nicht erleuchtet worden in dieser Zeit und habe auch keinen Weg zu Gott gefunden, obwohl er zugeben muss, dass er es versucht habe. „Stattdessen habe ich ewig an die Wand gestarrt, sponn Durchhalteparolen, malte mir Bilder aus, die einen stärken.“ Und doch ist ja die Angst da. Was passiert, wenn kein Herz kommt, keines passt, die OP schief läuft? Wie beredet man so etwas im Familienkreis? „Was soll eine Mutter zu ihrem Sohn sagen? Da gibt’s keinen Trost. In keine Richtung.“ Das einzige, das er zu seiner Situation habe beitragen können, war, die Hoffnung nicht zu verlieren. Und das sei auch nur so gut gegangen, weil er eine großartige familiäre Unterstützung erfahren durfte. „Einfach die klassischen Werte aus Märchenbüchern, die doch tatsächlich was wert sind im Leben“, sagt er. Sein soziales Umfeld habe sich wie eine Elefantenherde um das schwächste Glied, ihn, drum herum geschart und auf diese Weise eine Burg, einen Schutzraum aufgebaut. Familie, Freunde, Bekannte, Ärzte. Viele Leute seien ins Münster gegangen, hätten Kerzen angezündet, hätten für ihn gebetet. „Das“, sagt Karl, „hat mir eine gewisse Rückmeldung gegeben, dass ich mein Leben wohl doch nicht so rücksichtslos gelebt habe.“ Auch seine Freundin sei nicht von seiner Seite gewichen, eine noch viel engere Bindung hätten sie dadurch gewonnen. Leider, auch wenn das kein wirkliches Problem sei, würde er nun die Notwendigkeit zu heiraten nicht mehr sehen. Außerdem sei über die Monate in ihm die Erkenntnis gereift, dass die Menschen viel mehr in der Hand haben als sie glaubten. Er sagt:

Es gibt sehr viele gute Menschen, Menschen, die ihr Herz auf dem rechten Fleck haben. Menschen, die anderen Menschen helfen. Ohne Erwartungen. Ohne Rücksicht auf sich selbst. Das ist ein großes Geschenk. Und es kommt nicht von irgendeiner Macht. Es kommt von den Leuten selbst. Darüber bin ich froh, das beruhigt mich, hat mir sehr viel bedeutet und dazu empfinde ich Glück.“

Er stünde bei all diesen Menschen in einem positiven Sinne in deren Schuld und trage dies als Dankbarkeit in seinem Herzen. Doch am meisten sei er freilich jenem Menschen dankbar, der zu Lebzeiten eine so großzügige Entscheidung getroffen habe, sein Herz im Falle des Todes einem anderen zu geben. „Ich weiß auch nicht, ob es eine Frau war oder ein Mann“, fährt Karl fort, er könne nur mutmaßen, dass es höchstwahrscheinlich ein Mann gewesen war, weil er selbst einigermaßen groß sei und neben verschiedenen anderen Faktoren wie Blutgruppe müsse halt auch die Größe einigermaßen passen.

Aber um mal bei dem Begriff Glück zu bleiben, da sei etwas, was man in dieser Katastrophe durchaus als Glück bezeichnen könne: „Dieses Menschsein. Diese Reduktion auf das Wesentliche.“ Es ist ja egal, wer man ist und was man ist. Man läge nur da und könne nichts mehr. „Alles Unwesentliche ist weg gebrochen, außer vielleicht drei, vier Dinge, wie den Mut nicht zu verlieren.“ Und nicht den Mut zu verlieren ist bald ein Kunststück gewesen. Mit Daumen und Zeigefinger habe er seinen Arm damals umfassen können. Die Entkräftung war vollkommen. Von der Dringlichkeitsliste kam Karl auf die Hodchringlichkeitsliste. Durchschnittliche Wartezeit auf ein frisches Herz: 7-9 Wochen. Karl wartete 13 Wochen. „Es war fast zu lange.“ Seine Situation sei mehr als schlimm gewesen, habe ihm ein Arzt danach gesagt. Genaueres dazu wollte Karl nicht mehr wissen. Buchstäblich in letzter Minute ist das rettende Herz dann doch noch gekommen. Angst vor der OP habe er keine gehabt. „Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, dann geht man durch jede Tür.“ Die OP sei übrigens vom operationstechnischen Aspekt her sehr einfach: „Vier große Schnitte und vier große Nähte, bumms aus.“ Oder wie die Chirurgen sagen: „Eine leichte Fingerübung.“ Schwieriger dagegen sei die Vorsorge und die direkte Nachsorge. Aber alles war gut gegangen. OP gut überstanden, Herz erfolgreich ausgetauscht, keine Abstoßungsreaktionen, keine Wundheilungsprobleme, keine Wundschmerzen, ziemlich schnell von der Dialyse runter, alles bestens. Zeit zu Jubeln. „Für die anderen!“, sagt Karl. Alle hätten Glück empfunden nach der Transplantation, nur für ihn sei es erstmal eine Katastrophe gewesen. 12 Tage lag er auf der Intensivstation, Post-OP, Isolierstation, keine Stellwände, vermummte Ärzte. Vielerlei Geräusche, einfliegende Helikopter, Beatmungsmaschinen, Stöhnen anderer Menschen, Alarme eigener Maschinen und vor allem Alpträume. Schlimmste Alpträume. Alltagssituationen, die stets in Massakern endeten. In Blutbädern. Offenbar nichts Ungewöhnliches. Eine Folge der Narkose. Eine Psychologin sei ihm zur Seite gestanden. „In diesen Tagen“, sagt Karl, „hat mir nur das Bewusstsein geholfen, dass das Wesentliche überstanden war.“ Und dann habe das Zurückkämpfen begonnen. Das erste Mal aufstehen, die ersten Treppenstufen. Und danach wieder viel schlafen. Eine unglaubliche Anstrengung und auch Schmerz, diese ersten Gehversuche. Dann viel Essen. Viel Fleisch, Schnitzel, Gulasch, Würstchen, den lieben langen Tag lang. Und wieder Gewicht zunehmen.

Nun, da Karl vor mir sitzt, kann ich das kaum glauben. Dass das erst ein Jahr her sein soll. So kräftig und gesund wie er aussieht. Seine Genesung sei in der Tat außerordentlich schnell voran geschritten, bestätigt er. „Mit viel Disziplin und Willen bin ich schneller zurück in meine körperliche Kraft gekommen als es zu erwarten gewesen wäre.“ Nur seinen Wunsch wieder durchschnittlich, also normal zu sein, den habe er schließlich aufgeben müssen.

Was ist denn normal?“, frage ich.

Karl sagt: „Normal ist, nicht fortgesetzt zu Kontrolluntersuchungen gehen zu müssen, regelmäßig an Medikamente zu denken und ein Desinfektionsmittel bei sich zu tragen.“

Klar“, sage ich, das sei sicher belastend, „aber doch nicht unnormal.“

Aber sich schon so früh mit dem eigenen Ableben auseinander setzen zu müssen, beharrt Karl, sei sehr wohl nicht normal.

Schon“, erwidere ich. „Aber ist es normal, dass die Leute in deinem Alter sich nie mit dem Tod beschäftigen?“

Nein“, antwortet Karl nun, „und es ist auch nicht gesund, dass Tod und Vergänglichkeit und Krankheit und Behinderung so wenig Platz in unserer Gesellschaft haben.“

Er habe einen guten Freund, der habe in jener Zeit Schlafstörungen bekommen, weil er nicht damit fertig geworden sei, sich vorzustellen, dass man mit dreißig sterben könne. „Dass der Sensemann so nah an ihm agiert hat, damit ist er nicht klar gekommen.“

Daher: „Alles in allem war die ganze Geschichte schon eine sehr krasse Erdung“, und er könne den anderen nun sagen: „Das Leben ist endlich!“ Er lacht.

So gesehen, erwäge ich, sei er dem Normalen ja doch wieder näher als die anderen. „Du bist auf dem Boden des Zyklischen angekommen!“

Ja“, sagt Karl, es sei auch nichts, worüber er sich beschweren würde, „aber diese naive Leichtigkeit, die hätte ich schon gerne mal wieder. Dieses Genießen ohne Reue, ohne gleichzeitig das Bild von der Vergänglichkeit im Hinterkopf zu haben.“ Und eben nicht ständig die Ganzheitlichkeit des Lebens mit sich rumschleppen. Andererseits:

„Ich glaube, das Leben zu spüren, ist besser als das Leben nicht zu spüren.“

Vielleicht habe er auch deswegen so eine Skepsis gegenüber dem Begriff Glück, überlegt er, weil er Glück bisher als so was Leichtes verstanden habe.

Ich habe den Eindruck, Glück ist für viele Leute was rein Positives und Euphorisches, aber für mich ist Glück eher so der Hauch eines Gefühls, denn es ist quasi ein Millimeter an der Grenze zur Katastrophe. Da beginnt es und wenn man sich nur ein bisschen weiter weg von der Katastrophe bewegt, ist es schon kein Glück mehr, dann ist es Normalität.“

Er ist kurz still. Dann: „Glück und Unglück liegen so wahnsinnig nah beieinander. Und in meiner Brust sind Glück und Unglück sogar vereint.“

Symbolisch vereint“, sage ich.

Symbolisch und wörtlich“, verbessert Karl.

Das Glück sei also ein ganz schön tragisches Konstrukt. „Denn das, was für mich der wahnsinnige Glückstag war, ist für eine andere Familie ein ziemlicher Unglückstag gewesen.“ Auch sei sein Leben durch diese Katastrophe nicht leichter geworden. Er trage ja eine große Verantwortung, Verantwortung für diesen Gast, Freund, das Geschenk, das er bekommen habe, das er ehre. Doch wie auch immer, um noch einmal zum Anfang zu kommen, Glück oder Unglück, Tatsache bleibe: „Freiwillig legt man sich nicht vier Monate in ein Zimmer und starrt die Decke an!“ Vielleicht sei aber seine Situation vergleichbar mit jemandem, der sich ganz bewusst in eine Pseudogefahr begäbe. Fallschirmspringer oder so. „Der dann einen gewissen Nervenkitzel bekommt, aber noch die Reißleine zieht, bevor er aufklatscht.“ Wobei dieser sein Schicksal in der Hand habe. „Und das hat nicht jeder. Da zieht dann eine andere Instanz die Reißleine. Der Zufall, Gott oder sonst jemand oder sonst etwas.“

Wer ist es denn bei dir?“, frage ich.

Weiß nicht. Ich glaube, es ist ein Naturprinzip. Oder das Universum. Aber eigentlich, glaube ich, ist das Universum ziemlich kühl und emotionslos. Auch nicht grausam. Die Dinge passieren halt oder passieren nicht.“ Er versuche das dann immer noch mit Sinn zu füllen. Denn Sinnleere könne keiner ertragen. „Deswegen kommen aus solchen Katastrophen auch einigermaßen positive Dinge heraus.“ Selbst, wenn das Positive nur Einbildung sei, bleibe es ja positiv. Und vielleicht sei das bisher falsch rüber gekommen, sagt Karl nun.

Ich bin nicht unzufrieden mit meinem Leben. Ich kann aber nicht sagen, dass ich ein glückserfülltes Leben führe. Vielleicht ja doch. Ich weiß es gar nicht. Aber ich habe ein sehr interessantes Leben. Und das macht Spaß.“

Als er seinem Arzt ein paar Monate nach der OP erzählt habe, dass er mit der Kettensäge im Garten Holz gesägt habe, hätte dieser gejubelt und gesagt: „Genau dafür habe wir das Ganze gemacht! Das war das Ziel. Dass Sie wieder alles machen können, worauf Sie Lust haben.“

Klingt fast nach Normalität“, sage ich. Karl lacht. „Und die durchschnittlichen ein bis zwei Kinder“, frage ich, „sind die auch schon in Planung?“

Ja, steht an“, sagt Karl.

Aber DAS, das sei noch völlig inoffiziell.

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