Monika Maiworm, 64 Jahre, Sekretärin

Manchmal ist das Leben absurd. Komisch. Verworren. Ungerecht. Schwierig. Unglücklich. Oder einfach alles zusammen. Manchmal scheint es nicht weiter zu gehen. Tut es aber doch immer irgendwie. Wer nicht weiß wie, fragt am besten Monika Maiworm. Die kennt sich darin aus, in allen Formen des Unglücks und in allen Formen des Weitermachens. Und vor allem: im trotzdem Spaß haben. Denn Monika Maiworm hat das Glück am Schopfe gepackt und vor nichts mehr Angst. Ihre Ausdrucksweise ist kühn und klug und sachlich. Ihr vergangenes Leben ein ganz schönes Durcheinander. Verbindend allein ist ihr Humor, mit dem sie zurückblickt und verbindend sind ihre gewonnenen Einsichten, die ihrem Heute neue und klare Konturen setzen.

Die Stunde Null. So nenne ich mal den Anfang der Geschichte. Monika Maiworm ist 18 Jahre alt und sie ist allein. Nein, nich ganz alleine. In ihrem Arm hält sie ein Baby, ganz frisch. Es ist ihres. Ein Junge. Sie könnte in ungetrübtem Mutterglück schwelgen, doch ihre Zukunft ist nicht sichtbar. Einen Plan hat sie nicht. Keinen Beruf. Kein Geld. Kein Zuhause. Und doch lernt sie an diesem Tag die wohl wichtigste Lektion ihres Lebens. „Monika“, hat sie zu sich selbst gesagt, „von heute an wirst du nur noch auf deine Stiefelspitzen gucken und dir nur über das Sorgen machen, was direkt vor deinen Füßen liegt.“ Das war gut gesagt, fand sie, und sie habe sich für diese Einsicht mal selbst auf die Schultern geklopft. Nur einen Vater für das Kind konnte sie damit nicht herbeizaubern. Denn den gab es nicht.

„Wie das?“, frage ich.

„Es ist eine Vergewaltigung gewesen.“

„Oh!—“

Was Monika Maiworm in fast belanglosem Tonfall kontert, hat natürlich eine Geschichte. Ihr Vater, mit dem sie damals alleine zusammen gelebt hat, sei gerade zur Kur weg gewesen, erzählt sie und sie dachte sich in ihrer grenzenlosen Naivität gedacht: „Jetzt mache ich mal, was alle immer machen. Ich trampe.“ Im Auto seien anfangs mehrere gewesen. Doch die stiegen nach und nach aus. Nur Monika Maiworm, die blieb sitzen, eisern und ohne Arg. Und als der Fahrer, ein Ausländer, das Auto angehalten habe, um sie mit aufs Feld raus zu nehmen, irgendwo im Nirgendwo, habe sie sich nicht gewehrt. Nicht mehr ohne Arg, doch geschehen lassend. „Ich bin weder gerannt, noch habe ich um Hilfe geschrieen“, sagt sie. „Ich habe ihn einfach machen lassen. Oben in die Baumwipfel geglotzt. Was viele Frauen machen.“ Der Acker sei frisch gepflügt gewesen, daran erinnere sie sich noch. „So ganz sinnliche Eindrücke.“ Nachdem die Sache erledigt war, habe der Mann sie nach Hause gefahren.

„Nett!“, sage ich und ziehe die Brauen hoch.

„Fand ich auch.“

Es sei ihr überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass dieser Mann sie vielleicht hätte umbringen können. Oder schlagen. Gutgläubig bis zuletzt sei sie gewesen. Und merkwürdig duldend. Aber als sie zu Hause die Tür hinter sich schloss, ahnte sie es schon: „Bestimmt bin ich schwanger.“

Es war ihr erster sexueller Kontakt gewesen. Und auch als zur Entbindung in das Heim für ledige Mütter gekommen sei, habe sie nur annähernd gewusst, dass das Kind vermutlich da rauskommen wird, wo es reinkam. „Ich hatte null Ahnung.“

„Haben Sie ihn denn nicht angezeigt?“, frage ich.

„Nein“, sagt Frau Maiworm.

„Aber warum?“

„Ich hätte ja nicht trampen brauchen.“

Und was hätte sie auch anzeigen sollen, sagt sie. Sie hätte überhaupt nichts gewusst, nicht mal das Nummernschild. Sie wusste nur: „Mein Kleid war unten aufgerissen und das war mir ganz schrecklich peinlich gewesen.“ Sicher, sie sei da vielleicht extrem, aber sie würde immer erst mal bei sich schauen, warum etwas war und wie etwas zu ändern sei.

„Und Ihr Vater?“

„Der war überfordert.“

Monika Maiworm habe einfach weiter funktioniert, sagt sie, als sei nichts passiert, „so artig wie eh und je“. Im Haus ist eh nicht viel gesprochen worden, über Gefühle schon mal gar nicht. Auch Vorwürfe habe es nicht gegeben. Wahrscheinlich hat sich ihr Vater sogar schuldig gefühlt, weil er sie nicht beschützen konnte. Andererseits: Er hat niemals erfahren, was eigentlich passiert war.

„Das Kind hätte also von einem beliebigen Mann aus Ihrem Umfeld sein können?“

„Ja“, sagt Frau Maiworm. „So ist es.“

„Und Ihre Mutter?“

„Meine Mutter hat die Familie verlassen als ich elf Jahre alt war.“

Es habe immer geheißen, sie sei weggelaufen. Jedenfalls: „Eines Morgens war sie nicht mehr da.“ Durchgebrannt mit der zweitältesten Schwester. Sie kam niemals wieder.

„Und warum ist Ihre Mutter weg gegangen?“

„Das weiß ich nicht.“

Frau Maiworm sagt, sie sei das dritte Kind dieser Ehe gewesen. Ihre Eltern seien damals als Flüchtlinge mit ihren zwei großen Schwestern ins Sauerland gekommen. Und ein drittes Kind, also sie, habe die Mutter im Grunde weder haben, noch wirklich durchbringen wollen. Sie konnte wahrscheinlich nicht mehr, mutmaßt Frau Maiworm. Doch so sei sie ohne viel Liebe und ohne Geborgenheit aufgewachsen, immer mit diesem Gefühl, am Rande zu stehen und immer alleine. „Bei uns wurde weder geküsst, noch angefasst“, sagt sie. Sie könne sich noch an eine Szene in der Wohnküche von damals erinnern, die für diese Einsamkeit symptomatisch sei.

Die Mutter und die zwei Schwestern hätten gesungen. Aber Haidschi Bumbaidschi. „Wahnsinnig traurig.“ Sie habe hinten dran gelegen, Rotz und Wasser geheult und keiner habe von ihr Notiz genommen. „Und das verstehe ich einfach nicht“, sagt Monika Maiworm. Keiner habe mal hinter sich gegriffen und mir mitgeteilt: Hör mal, du bist nicht alleine. „Und das muss ich ihnen übelnehmen.“

„Wissen Sie noch, warum Sie geweint haben?“, frage ich. „Das Lied beschreibt die Situation der Kinder auf den Bauernhöfen, die verkauft wurden, damit ein Esser weniger war,“ sagt Frau Maiworm. Möglicherweise habe sie sich in der Einsamkeit jener Kinder gespiegelt, mutmaßt sie. In deren Nichtigkeit. Anders war es mit ihrem Vater.“ Der war Schuhmacher. „Ich war Immer bei ihm in der Werkstatt gesessen“, immer hinter der Theke, die Puppe im Arm, immer den Geruch von Klebstoff in der Nase. „Und was total spannend war: Alle Rentner aus der Straße saßen bei meinem Vater und erzählten vom Krieg. Und ich war so außen, aber immer dabei.“

Neulich habe sie mal zu jemandem gesagt:

„Ich habe mein Leben damit verbracht, mit dem Rücken an der Wand zu stehen und immer, wenn was vorbei kam, was ich irgendwie spannend fand, das festzuhalten.“

Ihr Gegenüber habe diese Aussage grauenhaft gefunden. Sie fand das nicht. Und will bis heute nicht in der Mitte sein. „Ich habe nie mitgemischt, aber ich habe immer ein gutes Gefühl dafür entwickelt, was gerade läuft, was die Menschen fühlen.“ Das könne sie ihnen ansehen. Natürlich lerne man die Fühler nur in der Not so perfekt auszustrecken. Aber das sei ihr Überlebenstraining gewesen. „Wenn ich gehadert hätte“, sagt sie, „gedacht hätte, die komische Stimmung zu Hause könne etwas mit zu tun haben, dann wäre ich sicherlich daran gescheitert.“

Erst in der Schwangerschaft hat sie wieder Kontakt zur Mutter aufgenommen. Aber das Zusammentreffen war wenig fruchtbar gewesen. Und so sei damals eben eine sehr wackelige Zukunft vor ihr gestanden. Ein Kind von einem Mann, den sie nicht kannte, eine Vergewaltigung, von der niemand etwas wusste, beruflich keine Orientierung, abgeschoben in ein Heim für Mütter, ohne ein Zuhause. Und doch: „Ich habe ja, noch schwanger, acht Tage vor der Entbindung, den Ulli kennen gelernt.“ Ein Freund einer Freundin und ein wirklich toller Mann, sagt sie. Später habe sie jedoch gedacht:

„Er konnte ja nicht wegrennen.“

„Warum?“

„Er war querschnittsgelähmt.“

Das war gut so, denn die Sexualität habe auf diese Weise nichts Bedrohliches gehabt. „Halt Fummeln.“ Das habe gereicht. Was Sexualität wirklich ist, wusste sie weiterhin nicht, wollte es auch nicht wissen. „Das hatte überhaupt keinen Platz in meinem Kopf“, sagt sie. Ob das nun mit dieser Vorgeschichte zu tun habe, das wisse sie nicht. Abends seien sie jedenfalls zusammen im Bett gelegen und er hätte ihr Geschichten erzählt. „Er konnte wahnsinnig gut Geschichten erzählen.“ Nur Geschichten. Rückblickend würde sie sogar sagen: „Mir ist kein Mann je so nahe gekommen.“

„Warum war er querschnittsgelähmt?“, frage ich.

„Ein LKW ist auf ihn drauf gekippt.“

Gehen habe er nicht können, sagt Frau Maiworm, „nur sich so mit Krücken langhangeln“. Dennoch sei er ungleich lebensfroher gewesen als sie. „Beweglicher im Sinne von sich Sachen getraut. Wahrscheinlich lebenshungriger.“

„Und den haben sie dann geheiratet?“

„Ja.“

Das fühlte sich gut an, denn die Mutter von Ulli war gut zu ihr und auch gut zu ihrem kleinen Sohn.

Ulli habe begonnen zu studieren, Anglistik und Germanistik, alles fast normal, doch dann, „und das fand ich nicht fair“, sagt Monika Maiworm, „hat Ulli einen Tumor am Kopf bekommen und ist daran bald darauf, gerade mal 30 Jahre alt, gestorben.“ Zu einem Zeitpunkt, da habe sie schon ihr zweites Kind gehabt.

„Ein zweites?“ Jetzt bin ich vollends verwirrt.

Der Ulli, erzählt sie, sei zwar wirklich ein toller Mann gewesen, aber das Zusammenleben habe auf Dauer nicht funktioniert. Abends zog er mit seinen Kumpels los und sie saß allein daheim mit ihrem Kind. „Wir hatten auch nie Geld.“ Aber auch sie selbst sei für Beziehungen nicht gerade geschaffen. „Es fällt mir schwer, Rücksicht zu nehmen, Sachen auszuhandeln, mich konstruktiv zu streiten.“

„Aber von wem waren Sie denn nun schwanger?“

„Der Bruder von einen Freund.“

„Haben Sie den gemocht?“

„Nicht wirklich.“

Aber wieder habe sie sich nicht gewehrt gehabt, gedacht, man macht das so, und wiederum habe sie dieses Kind alleine bekommen und auch alleine groß gezogen. Leider war der Vater ihres zweiten Kindes, diesmal eine Tochter, wieder „so eine arme Socke gewesen“, sagt Frau Maiworm. „Ich habe nie von ihm Geld gefordert, ihn aber auch nie angemeldet.“

„Sie waren doch auch eine arme Socke“, werfe ich ein.

„Aber ich war stärker. Ich weiß von mir, was ich aushalten kann.“

Wie auch immer: Inzwischen ist auch dieser Mann verstorben. Das wurde ihr eines Tages telefonisch mitgeteilt, ebenso, dass ihre Tochter nun eine Erbschaft gemacht hätte. Eine stattliche Summe. Die Tochter aber wollte das Erbe nicht selbst annehmen, sie sagte: „Du hast mich bis durch die Uni gebracht. Ich kaufe dir eine Wohnung davon. Das ist mir jetzt ganz wichtig. Dann brauchst du dir nie Sorgen zu machen.“

„Schön“, sage ich.

„Ja“, sagt Frau Maiworm. Da habe sich der Kreis geschlossen. Postum meldete sie den Vater ihrer Tochter beim Amtsgericht an, auch wenn ihr dies, wie sie einräumen muss, sehr schwer gefallen ist.

Sie sagt: „Das Zusammenleben mit meiner Tochter war wie eine Therapie.“ In ganz vielen Sachen habe sie genau hingeguckt, sich die Seele aus dem Leib gequatscht, viel von sich erzählt und ganz nebenbei alte Muster aufbrechen können. Anders als ihre Eltern. Aber vielleicht sei das auch so ein Generationending. „Meine Eltern waren ja keine böse Menschen.“ Auch ihre Mutter nicht. Sie hätten es halt nicht besser gewusst. Ihr Vater sei ein ganz ruhiger Mann gewesen, sagt Monika Maiworm. Ihr sehr ähnlich. Erst im Altersheim, wenn sie ihn besuchte, spürte sie: „Ich konnte ihn plötzlich einfach so nehmen wie er ist und ihm wohl gesonnen sein.“ Manchmal habe sie sogar seine Hände mit Handcreme einmassiert, das sei schön gewesen, aber mehr nicht, mehr hätte die Grenze der Intimität überschritten, sie gar geekelt, aber immerhin: „Wir haben beide noch einmal eine Nähe entwickeln können“ und sie sah, was ein trauriger Mann ihr Vater war. „Zwei Kriege mitgemacht, nichts ist ihm geblieben von seiner Familie außer mir.“ Zu der Zeit habe er schon angefangen zu sterben, sagt sie, aber auch angefangen zu erzählen. Zum Beispiel: „Soll ich dir was sagen, ich hab meinen Vater nie geliebt. Ich habe nur Angst vor dem gehabt. Er hat mich nie ernst genommen.“ Es sei gut gewesen das zu hören, für sie, sagt Frau Maiworm, denn so habe sie sehen können, dass der defizitäre Umgang mit ihr als Kind nichts mit ihr zu tun gehabt habe. „Dass er’s eben einfach nicht besser wusste.“ Und sie sei froh, dass sie sich nun auch an schöne Dinge erinnern könne.

„Zum Beispiel saßen wir abends oft zusammen, jeder mit seinem Buch, eine Stehleuchte daneben. Und bis heute ist so ein Lichtkegel auf dem Tisch für mich der Inbegriff von Geborgenheit.“

Als sie andere Bewohner in dem Heim ihres Vaters mal laut krakeelen hörte, sagte sie zu einer Schwester: „Hoffentlich wird mein Vater mal nicht so!“ Da habe diese geantwortet: „Die Leute ändern sich nicht im Alter, es fällt nur ein Filter weg. Und Ihr Vater ist in seinem Leben niemals böse oder aggressiv gewesen.“ Da habe sie auch Glück gehabt, sagt Frau Maiworm. Er sei wirklich nie aggressiv gewesen, aber sein Leid, das Leid der Familie, ihr Leid, das habe er eben auch nicht aufgelöst. Das sei ihre Aufgabe gewesen. Das Muster durchbrechen. Viele Eltern würden ja sagen: „Schläge schaden nichts, ich bin auch geschlagen worden.“ Vielleicht sei das dann eine Befriedigung für die, wenn sie später die Schläge weiter geben würden, überlegt Frau Maiworm. „Aber wenn du das Muster aufbrichst, machst du das nicht.“ Und sie hat sich gekümmert. Um ihre Kinder UND um sich. Als ihr Vater schließlich starb, hat sie einen Brief an ihre Tochter geschrieben mit den Worten:

„Ich finde mich darüber nachdenkend, was mein Vater für ein trauriges Leben gehabt hat. Und das stimmt überhaupt nicht. Der hat sich das schön gemacht. Das waren nicht Dinge, die ich haben wollte, aber er hat für sich gesorgt. Und ich will dir einfach nur sagen, ich sorge dafür, dass es mir gut geht. Da kannst du dich drauf verlassen. Und sei es, ich sitze mit meinem Strickstrumpf, Arte guckend, am Fernseher und das ist wahrscheinlich auch nicht DEIN Begriff für Glück. Da bist du nicht für verantwortlich. Jeder ist für sein Glück selber verantwortlich.“

Monika Maiworm lacht. „Die Beziehung zu meiner Tochter ist ganz innig“, sagt sie. „Ich bin stolz auf sie, stolz darauf, wie sie ihr Leben führt. Das macht mich sehr glücklich.“

„Und der Sohn?“, frage ich.

„Der war immer ein bisschen schwierig.“

Ein „Schluri“, sei er. „Sehr charmant, ganz wonniges Kind.“ Sie habe auch ihn inniglich geliebt. Aber während sie darum bemüht gewesen war, sich die Männer mit Macht vom Leib zu halten, sei er als extrem männliches Kind herangewachsen. „Auch wieder eine arme Socke.“ So gesehen. Anfangs war es nur das Moped gewesen, das er frisiert habe, später sei er drogensüchtig geworden, dann obdachlos. Auch im Knast. Sie sei froh um alles gewesen, das sie nicht gehört habe. So oft habe sie ihm Geld gegeben, selber doch nie welches gehabt, und zu oft habe sie ihn vollgedröhnt erlebt, so dass sie schließlich gesagt habe: „Ich will dich nur noch nüchtern wieder sehen. Krieg dein Leben auf die Reihe.“ Daraufhin war fast sechs Jahre lang Funkstille. Bis vor zwei Jahren, da kam eine mail. Endlich. Sie sagt: „Er hat sich aus diesem Sumpf herausgearbeitet, eine Therapie gemacht, einen Job gefunden, eine Wohnung bezogen und sogar seine Schulden auf die Reihe gekriegt.“ Und als sie ihn neulich besucht habe, habe sie gesehen: „Das war wieder das Kind, das ich kannte, ein charmanter Junge. Da bin ich froh drum.“

„Gab es denn nach dem Vater Ihrer Tochter noch einmal einen Mann?“, frage ich.

„Ja“, sagt Monika Maiworm. Doch das sei auch wieder so eine „Tröte“ gewesen. Die letzten 20 oder 25 Jahre habe sie mit dem verbracht.

„Mit der Tröte?“, frage ich und wundere mich wieder.

„Mit der Tröte“, wiederholt sie und wundert sich selbst am meisten.

Naja, attraktiv habe sie an diesem Mann gefunden, dass er so ein Macher war. Aber wenn sie ganz ehrlich sein soll:

„Am attraktivsten fand ich, dass der mich attraktiv fand. Da war ich drin verliebt, glaube ich.“

„Der hat Ihnen die Anerkennung des Elternhauses ersetzt?“

„Wahrscheinlich.“

„Aber 25 Jahre, das ist doch eine lange Zeit.“

„Total blöd, ja.“

„Es klingt, als wären es ein, zwei Jahre gewesen.“

„Eigentlich eher noch weniger.“

Monika Maiworm denkt nach. Sie habe mit ihm häufig Kurztrips gemacht: Barcelona oder Bilbao zum Beispiel. „Aber die Bilder, die ich davon im Kopf habe, da ist er überhaupt nicht dabei.“

„Sie haben Ihr Leben so unbewusst mit ihm verbracht?“, frage ich wieder erstaunt.

„Ja“, erwidert Frau Maiworm nüchtern.

Erst vor zwei Jahren habe sie sich aus dieser langen Beziehung rausgedreht und nun gäbe es keinen Tag, an dem sie nicht innerlich auf die Knie sinke und sage: „Endlich!“ Männer seien seither für immer Vergangenheit. „Ich habe sie einfach nicht gern so dicht auf der Pelle“, sagt sie. Jetzt schon gar nicht mehr und wer sie als Frau heute noch wolle, fährt sie auf ihre trockene und zugleich humorvolle Art fort, der wolle nichts anderes als dass sie dessen Schnabeltasse halte. „Bin ich blöd?“ Sie mache lieber alles alleine. Genau wie in der Sexualität. „Das ist total easy, anytime verfügbar und du musst zu keinem sagen: Wars für dich auch nett?“ Natürlich hatte auch niemals jemand eine reelle Chance bei ihr gehabt. „Ich habe das nicht zugelassen“, sagt sie und sie glaube sogar, dass es eine ganze Menge Frauen in ihrem Alter gäbe, denen das ähnlich gehe, auch ohne diese Vergangenheit. Sie sagt auch: „Als Kind habe ich gewusst, das Paradies hat irgendwas mit einem Apfel zu tun. Seither ist meine Vorstellung von Paradies, mit einem Buch im Bett zu liegen und einen Apfel zu essen.“ Monika lacht lauthals: „Ich glaube, ich habe da was durcheinander gebracht!“ Tatsache sei jedoch: „Ich habe mit Büchern mehr Spaß im Bett gehabt als mit Männern.“ Und: so ein Buch könne man jederzeit weglegen, wenn man es nicht mehr wolle. „Versuchen Sie das mal mit einem Mann!“ Alles, auch wenn sie jetzt lache, halt sehr verzwickt. Nur eines ist klar:

„Ich bin zu keinem Zeitpunkt unglücklich gewesen.“

Es gehe ja irgendwie weiter. Und wenn man das, was passiere, lange genug drehe und wende, stelle es sich irgendwann so da, dass es gut ist, dass es passiere. „Dann weiß man das auch schon mal.“ Sie sei durch so vieles durch, sagt sie und sie habe es geschafft, zwei Kinder mit einem Halbtagsgehalt durchzubringen. Ihr mache so schnell nichts mehr Angst.

„Auf jeden Fall ist immer, egal wie schlimm alles war, heftig und gerne gelacht worden. Und ich glaube, das wars am Ende.“

Auch als sie Diagnose Diabetes Typ 1 bekam, „auch das habe sie mit in ihr Leben genommen wie die anderen Dinge, die ihr widerfahren sind und haderte nicht. „Ich hätte wahrscheinlich nicht gerade HIER! geschrieen als das verteilt wurde“, sagt sie, aber WENN eine chronische Krankheit, dann hätte sie wahnsinnig gerne Diabetes. „Weil das tut nicht weh, ist nicht entstellend und gibt einem das Gefühl, man ist Chef.“ Gewohnt die Dinge zu nehmen wie sie kommen und sie dann zu händeln, ist sie von klein an. „Auf diese Weise komme auch ich am Ende da hin, wo ich hin will.“ Außerdem gäbe es viele schöne und glückliche Gefühle, die sie abrufen könne. Das letzte große Glücksgefühl, an das sie sich erinnern könne, sei gewesen als sie mit ihrer Tochter und dem frisch geborenen Mädchen ihrer Tochter erschöpft auf dem Ehebett gelegen sei:

„Ich hatte dieses kleine Bündel so auf der Schulter, es war April und draußen brach der Tag an, vielleicht halb sechs, und ich dachte: Hier liegen drei total klasse, starke Frauen, drei Generationen auf einem Bett. Ist das toll.“

An diesem Abend sei sie so glücklich gewesen, dass sie gedacht habe:

„Wenn es sein muss, dann könnte ich jetzt gehen. Ich habe Spuren hinterlassen.“

„Sie sind zufrieden mit sich“, sage ich.

Kurze Pause.

„Ja“, sagt Monika Maiworm dann zögerlich.

Aber zufrieden klänge so ein bisschen nach selbstzufrieden. „Sich nicht mehr ändern.“ Deswegen zaudere sie. Doch in Anbetracht ihrer Lebenssituation im Moment: „Absolut ja! Meistens.“ Und wenn das nicht so ist, dann fragt sie sich immer erstmal selbst: „Was kann ich dabei ändern?“ Weil da wisse sie, das könne sie eben ändern.

„Ich finde Ihre Naivität bemerkenswert“, sage ich.

„Ohne Arg würde ich bevorzugen“, erwidert Frau Maiworm.

Ihr könne jeder was vom Pferd erzählen. Erstmal glaube sie das. Gleichzeitig würde sie an der Art wie erzählt würde, genau wissen, da wird ein bisschen dick aufgetragen. Sie denke jedoch:

„Wenn man die Leute ernst nimmt, wird man selten belogen.“

„Gehen Sie jetzt bewusster mit ihrem Leben um?“ Ein letzte Frage.
„Ja. Weil ich nur mir selbst Rechenschaft schulde. Ich mach´s mir schön, ein bisschen platt gesagt.“

Da sind noch kleine Träume, wie zum Beispiel in die USA gehen, das Museum of Modern Art besuchen, das wäre so etwas. „Aber das ist ja nichts, was sich nicht händeln ließe.“ Ansonsten: „Es gibt nichts, was ich noch erledigen müsste. Ich bin in meinem Frieden und ich brauche mich für nichts zu schämen.“

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