Nikolaus von Gayling, 74 Jahre, Land-und Forstwirt und Freiburger Stadtrat

„Tante, gib mir Geld, ich will zur Fremdenlegion! Immer diese Kälte zuhause. Ich halt das nicht mehr aus.“ Er war gerade siebzehn, als er das Ebneter Schloss wie so oft in der Not aufsuchte und die Frau Baronin, seine Großtante, um Hilfe bat. Es war ihm völlig ernst damit. Eine neue Identität, super. Das wäre was. Fort mit der Familie, fort mit dem Stammbaum. Die Tante pflichtete ihm bei, „recht hast du“, öffnete ihre Geldschatulle und dann… „Das war von ihr pädagogisch hervorragend“…dann, genau in dem Moment, da es real möglich erschien, wollte er nicht mehr. Er war ein wilder Kerl, ein Draufgänger, einer, der mit dem Auto immer hin und her fahren musste und statt in der Schule sein Abitur mit Glanz zu bestehen in die Jazzkeller ging. Einer, der im kindlichen Alter immer wieder Geld aus dem Geldbeutel der Eltern stahl und immer mehr, um Aufmerksamkeit zu erregen und es dann wieder sein ließ, weil die Eltern es nicht bemerkten, einer, der nach familiären Werten rang und sie elterlich einfach nicht fand, der sich darum dringend die Hörner abstoßen musste und sich früh, um zu überleben, introvertierte, zum Beobachter wurde, sich schließlich selbst erzog, ein Spätzünder und Einzelgänger, und nun endlich das Leben suchte.

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Nikolaus-Junge
jugendliches Portrait von Nikolaus von Gayling mit Geige

©️SimoneHarre

Hauptsache weg von zuhause, weg von dort, wo die Eltern weder sich noch den Sohn küssten, wo man ihn zum Geige spielen zwang und die einzige Frage zu seiner Person war: „Was hast du für Noten? Und machst du mit siebzehn oder mit achtzehn Abitur?“ Es sei richtig schlimm gewesen, sagt er. Er habe Autos geklaut, sei nach Schweden abgehauen, immer weiter, immer weiter. „Du warst einer jener Halbwilden?“, sage ich. „Ja.“ Er lacht, aber das habe schlagartig aufgehört, als er mit neunzehn seine erste Frau kennenlernte. „Dann kehrte Ruhe ein.“ Und von da an war ihm nur noch eines wichtig: Spürbare Struktur zu leben und vor allen Dingen seine Kinder zu lieben und zu umsorgen: „Eben das, was ich nicht hatte: Ganz stinknormales Familienleben. Am Tisch sitzen und gemeinsame Mahlzeiten und jetzt erzählt mal…“

Seine Eltern, völlig unkonventionell, beide Naturwissenschaftler, der Vater Chemiker, später Immunbiologe und Gründer des Freiburger Max-Planck-Institutes für Immunbiologie, und die Mutter, selbst eine Gayling und studierte Physikerin, lebten ein sehr positivistisch geprägtes Elternhaus. Nicht Besitz zählte, „nur, was man in der Birne hat“. Denn „das kann dir keiner wegnehmen“. Sie brachen mit dem Adel, „das sind alles Idioten“ und sie brachen mit der Kirche, „diesen Popen“ und sie schimpften über die Spießer. Der Vater war gefühlskalt, die Mutter rebellisch, rauchte Kette, fuhr Sportwagen und provozierte exaltiert auf Gesellschaften. Das Haus war stets voll mit Wissenschaftlern aus aller Welt, voll mit Worten wie Chemie, Physik, Experimente, Sonderdrucke, Immunologie, Lipopolysaccharide, Ordinariate und Dekane, Medizin und Universitäten, Weihnachtsoratorium, Brandenburgische Konzerte und Johann Sebastian Bach. Es gab auch Geschichten über den jungen ehrgeizigen Adolf Hitler, der in die adligen Kreise der zwanziger Jahre zur heimlichen Belustigung eingeladen wurde und auf dessen Schoß die Mutter während solcher Arrangements in München schon mal zu sitzen pflegte. Oder die, als die Mutter, schon erwachsener, in der Reichskristallnacht entsetzt bei Herrn Hitler anrief, um zu melden, welch schlimme Ereignisse sich soeben zutrügen, „das muss ihm doch jemand sagen!“, dann aber erschrocken auflegte als sie nach etlichen Durchstellmanövern seine dröhnende Stimme, „Hier Hitler!“,  wirklich am Hörer hatte.

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Ada-und-Krieken
Ada und Schueler van Kriken

©️SimoneHarre

Auch die von der Großmutter Ada, die zum Entsetzen der Familie nach dem ersten Weltkrieg ihren Ehemann Karl für einen schnittigeren Mann sitzen ließ, Friedrich Schueler van Kriken. Dieser war nicht nur erster Finanzier von Adolf Hitler, sogar, wie es heißt, in jeder Hinsicht stilistisches Vorbild für den späteren Führer. Eine totgeschwiegene Geschichte in einer keineswegs hitlernahen Familie. Wahr? Unwahr? Auf jedenfall gab es unendlich viele Geschichten. Aber keinen Raum für Liebe, Fürsorge und Achtsamkeit.

Geborgen konnte sich der junge Nikolaus nur im Ebneter Schloss bei der Großtante fühlen. Dort fand er Liebe, Struktur und Werte. Und deshalb floh er auch immer wieder dort hin, oftmals sogar, ohne dass die Eltern dies bemerkten. Im Schloss war es auch, wo er später für sich feststellte, dass der Adel gar nicht so übel, sondern auch schätzenswert in seinen sozialen Grundmanifesten war und vor allem ihm Halt zu geben vermochte. Das führte so weit, dass der ehemalige Draufgänger bald aktiv im badischen Adelsverband wurde und auch sonst die adligen Prinzipien positiv umsetzte, wie etwa in der Zuwendung helfender Maßnahmen im Umfeld. Wer hätte das gedacht.

Also: „Wer weiß, ob ich hier sitzen würde, wenn ich wirklich in die Fremdenlegion gegangen wäre“, sagt er, der Schlossherr, der, um ihn mal mit vollem Namen zu nennen, Wilhelm Nikolaus Freiherr von Gayling zu Altheim-Westphal heißt, also heißen sollte. Was für den Pass aber zu lang war. Daher nennt er sich auch schon lange nur noch Nikolaus von Gayling-Westphal, bzw. Nikolaus von Gayling oder, was ihm am liebsten ist, einfach Niki. Ich nenne ihn mal Baron, mal Nikolaus und habe Mühe, den gerne Fabuliernden zu bremsen. Schließlich: Es gäbe ja so viel zu erzählen. Nicht nur über diese ungewöhnliche Herkunft, diese in vielen Zügen wahrhaft schräge Kindheit und weit verzweigte Ahnenreihe von England, Schottland, Schweden bis nach Deutschland. Auch über all die Dinge, die der Baron selbst als hyperaktiver Nachkomme eines Adelsgeschlechts hauptsächlich in Freiburg unterstützt und vorantreibt und all die Ämter, die er begleitet oder begleitet hat. Das Problem: Jede einzelne Geschichte, die ich hier begänne, verhielte sich dabei wie der Kopf einer Hydra, eine unaufhörliche Vermehrung von Inhalten ohne Ende. Das alles will ich in diesem Moment nicht. Was ich will? Des Barons Glück. Ich will wissen, was den Nikolaus glücklich macht.

Aber der Baron, der sonst und bis dahin so viel redet, ist mit einem Schlag still. „Glück?“ Das sei so weitreichend. Hmmm… „Ich bin immer glücklich!“ Sagt er. Lächelt, etwas undefiniert. Ich sage nichts. „Du glaubst mir nicht?“ Und wieder: „Was ist Glück? Na, zum Beispiel einer, der krank und dann wieder gesund ist, der ist glücklich!“ – „Aber ich will doch wissen, warum du glücklich bist!“ – „Warum ich glücklich bin?“ Wieder eine Pause. „Musik macht mich glücklich. Zu zweit oder alleine der Musik zuhören.“ Ganz toll. Oder selbst Geige spielen. „Oder einfach nur gemütlich dasitzen.“ Was nicht oft vorkommt. „Aber ist das jetzt Glück?“ Er sieht mich an, ist sich immer noch nicht sicher.

„Weißt du, ich bin so erzogen worden, dass man nach Glück nicht fragt.“

Wieder Schweigen. „Was ist Glück…. ?“…. Dann: „Ahhh… Glück sind meine Kinder. Die sind am wichtigsten für mich. Ich bin zufrieden, wenn die glücklich sind. Ich bin glücklich, wenn die zufrieden sind.“ Aber… und dann kommen wir zu des Pudels Kern: „Mein Glück besteht ganz besonders darin, dass ich verhindert habe, dass meine Eltern das Schloss verkauft haben und, dass ich aus dieser Klitsche hier was gemacht habe.“ Glück könne man sich machen, sich erarbeiten, denn „fällt ja nicht vom Himmel“, sagt er auch. Und das hat er getan, spätestens seitdem er sich von jetzt auf gleich, rausgerissen aus seinem Soziologiestudium bei Dahrendorf in Konstanz, um den Erhalt seiner Ebneter Fluchtburg inclusive des Forstbetriebes kümmern musste und dies fortan zu seiner Lebensaufgabe machte. „Das war eine tolle Herausforderung.“ Aber auch eine ganz schön zeit-und arbeitsintensive Geschichte. „Jedenfalls weiß ich noch genau, wie man mich damals damit allein gelassen hat. Boah.“ Heute meistert er das alles längst souverän und eher nebenbei: Verwaltung, Kontoführung, Personal. Außerdem ist er ein extrem erfolgreicher Forstwirt, der einzige, wie er immer wieder gerne betont, der durch Verkauf von Land stetig Land zugewinnt, statt, wie die meisten, es zu verlieren. Ein Umstand, der ihm schon ein wenig die Brust mit Macht schwellen lässt. Und mächtig ist er eben auch gerne. Nicht wahr? „Jaja“, sagt er, das sei wohl noch der sich sehr vornehm und bedeutsam fühlende Geist der Hamburger Kaufmannsfamilie seines Vaters, der da in ihm wirke. Obwohl… nur auf der einen Seite.

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Schloss Ebnet

©️SimoneHarre

Auf der anderen Seite gibt es da ja auch den ganz und gar unprätentiösen Nikolaus, derjenige, dem Machtgebaren und Hierarchiedenken zuwider sind, der, wie seine Mutter, auf die Spießer schimpft und lieber in sozialen Strukturen denkt. Jedenfalls muss er ständig wie ein Derwisch für irgendetwas kämpfen, durchsetzen. Er geht dabei nicht in die Tiefe, er ist derjenige, der die Dinge anstößt, aktiviert, eins nach dem anderen und dementsprechend ist sein Terminkalender stets randvoll. Was er super findet und zeigt darum gerne jedem stolz sein vollgekritzeltes, kleines schwarzes Terminbüchlein, in dem manche Stellen sogar vielfach mit Zettelchen überklebt sind.  „Man müsste denken“, sagt er, „dieser Mann ist total verhetzt. Das ist aber nicht der Fall. Überhaupt nicht.“ In der Tat geht eine erstaunliche, geradezu magnetische Ruhe von ihm aus. Wenn er denn sitzt. Und nicht gerade den Gartensaal für eine der vielen Musikveranstaltungen in seinem Schloss vorbereitet. Denn er ist ja auch besonders ein Förderer junger Musiker und außerdem der Mitbegründer des Ebneter Kultursommers, welcher sich hauptsächlich auf seinem Territorium abspielt und in Freiburg zu einer namhaften Größe gewachsen ist.

Doch verwöhnt von immer währender, strotzender Gesundheit, unbändiger Kraft und dem inneren, lodernden, nicht zu stillenden Bedürfnis der Welt noch immer zu beweisen, dass auch er ein zu liebender und talentvoller Mensch ist, hat der übervolle Terminkalender ihm unlängst einen Schlaganfall beschert. Leicht zwar, doch, wie man so sagt: „Ein Schuss vor den Bug“. Nun arbeitet er zwar nicht mehr so oft die Nächte durch, überlegt sich manchmal zweimal, ob er einen weiteren Termin in seinen Kalender setzt und ob er wirklich allen Menschen helfen kann oder muss, die ihn darum gewohnheitsgemäß bitten, aber im Prinzip ist er unverändert aktiv. Wie das sein kann? „Wenn man in jungen Jahren gezwungen ist, sich durch Intelligenz, Zurückhaltung und Beobachtung zu bewähren, hat man später einen großen Vorteil“, sagt er. Seine Lehre fürs Leben entstand vielfach durch Reibung und Schmerz und schuf neben tiefer Verletzungen auch ein besonderes Bewusstsein dafür, dass man Verantwortungen in seinem Leben übernehmen, Situationen verändern und verlässlich sein muss. Vielleicht ein Grund, dass er heute formuliert: „Anschuldigungen, Anpöpeleien gleiten an mir ab.“ Zumindest kann er dies sehr gut vermitteln. Und ja, manchmal ist der Baron gleich einer Wand, an der man nicht greifen kann. Weder liebend noch verachtend. Der Einzelgänger. Der Wolf. Aus Gewohnheit. Noch immer. Vielleicht auch jemand, der einfach gelernt hat zu „switchen“, wie er selbst sagt. Von sensibel zu dickhäutig. Von arrogant zu gesellig und fürsorglich. Ein dicker Schutzraum aus einem Leben, der sich wie eine weit verzweigte in die Höhe gewachsene Kathedrale formt, mit unzähligen Räumen, Erkern und Geheimtüren. Und vielleicht auch ein Grund dafür, dass er oft für egozentrisch, ungehalten und grimmig, in jedem Falle unberechenbar und multipel gehalten wird. Sicher, sagt er, von seiner rebellischen Mutter habe er wohl etwas Exaltiertes behalten, doch im Grunde: „Nein, ich bin kein grimmiger Grundmensch. Aber ich gebe zu, ich werde manchmal ungeduldig, vielleicht auch ungerecht.“ Manchmal spaziere er durch die Stadt und plötzlich würde er in dem Spiegelbild eines Schaufensters einem muffigen Menschen begegnen, „… und dann so: Huch! Dann bin ich das selber!“ Er wundert sich ein bisschen und mag das nicht so. Aber das läge wohl an der vererbten Physiognomie seiner Mutter, die man darum als Kind schon Muffi genannt habe. „Obwohl sie gar nicht muffig war.“ Und so ist es halt wie es ist.

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Schlossbilder
Gartensaal Schloss Ebnet

©️SimoneHarre

„Hättest du gerne eine andere Biografie?“, frage ich zum Schluss, vielleicht eine bürgerliche: „Sohn von… ?“ Nein, so weit gehe das nicht, sagt Nikolaus, sitzend am warmen Kamin seines herrschaftlichen Gartensaales und inmitten dunkler Bilder von Ahnen, die allesamt Geschichten erzählen können, die mindestens so unglaublich klingen wie seine eigene. Denn stolz sei er letztlich ja schon, immerhin war es eine Leistung den alten Gemäuern wieder neuen Geist und Leben einzuhauchen und noch sei das Leben in diesem Schloss sein Glück. Was aber seine Kinder einmal damit machen würden, „das ist dann ihre Sache“. Er, der Herr von Gayling, Nikolaus, Niki, Baron, könne jederzeit loslassen. Jederzeit, doch nach eigenen Angaben wird dies erst in dreißig Jahren sein.

©️ http://www.simone-harre.de