Werner Siebler, 55 Jahre, der Briefträger mit Berufsverbot

Freitagabend. Ich schnipple Zwiebeln. Zupfe Salat. Zum Essen eingeladen hat er mich, der Werner Siebler. „Zum Essen?“ – „Ja, hast du!“ – „Ehrlich?!“ Ratloser Blick auf ein Laib Brot. „Nein!“, sage ich vehement. „Ich habe Hunger….!“ Hunger, den ich schon seit Stunden aufschiebe, weil ich ja weiß: Werner kocht für mich. Werner öffnet sämtliche Küchenschränke. Ob ich Pute mag? „Jaaa“, sage ich, „her mit der Pute!“ Und nun kocht Werner doch noch für mich. Oder ich für ihn. Kein Brot, sondern Spaghetti und Pute und dazu einen Salat, dessen Soße uns einige Mühe bereitet. Wir haben uns Jahre nicht gesehen. Und noch viel länger ist es her, genau genommen 20 Jahre, da wir im Briefabgang der Freiburger Post zusammen Briefe sortiert haben. Er die Langbriefe, ich die Kurzbriefe, er der Angestellte, ich die Studentin. Eine Zeit ungemein fröhlicher Arbeitstage und bierseliger Poststammtische. Werni habe ich ihn damals genannt und manchmal sein Haar, das er ein klein wenig länger trug, zu einem kommunistischen Dschingis-Khan-Zöpfchen hoch gezwirbelt. Wir schnippeln und schnippeln. Die Vorbereitungen ziehen sich hin, das Essen auch, aber endlich sind wir soweit und ich kann sie stellen, die Frage nach dem Glück.

Werner? Werner nimmt noch einen Schluck aus seinem Weinglas, dann sagt er, dass es in seinem Leben immer viel Glück gegeben habe. Glück, das ein Stück weit sicher seine Biografie beeinflusst habe. Vor allem aber habe er Glück gehabt, dass es ihn überhaupt gäbe. Naja, dass gelte natürlich irgendwie für jeden, wendet er ein, aber in seinem Fall sei es halt so gewesen, dass die Situation seiner Geburt dramatisch gewesen sei und er hätte ja auch der andere gewesen sein können, der, der ebenfalls noch im Bauch der Mutter schwamm, jedoch tot zur Welt kam. Ein Zwilling. „Wie gefährlich das war, weiß ich nicht, ich weiß nicht einmal ob ich das überhaupt wissen will“, sagt Werner. Jedenfalls stelle er sich das Ganze sehr schlimm vor, vor allem für seine Mutter, und wer weiß, wie lange er neben einer Leiche gelegen haben mag. „Aber ich habs überstanden“, sagt er. Und das Leben konnte beginnen. Nach drei Jahren sei allerdings der nächste Schock gekommen. Eine Gehirnhautentzündung, etwas, das 1958 noch als sehr schwierig eingestuft wurde. Für seine Mutter sei es bis heute ein Wunder, dass er das überlebt habe, zumal die Meinung aller Ärzte schlicht die gewesen sei: „Wenn er das überlebt, dann im Rollstuhl!“ Aber wie man sehen könne, scherzt er und zeigt auf sich: „Mit dem Rollstuhl bin ich bestens zu Fuß.“ Dennoch, die Zeit der Krankheit sei natürlich keine angenehme gewesen. Mehr als ein Jahr war er nicht zuhause. Erst Krankenhaus, dann Erholungsheim. Die Eltern durften nicht zu ihm, wie das damals so war, sahen ihn nur weinend und schreiend durch ein Fenster. Alles ganz dramatisch. Aber im Grunde genommen: Glück gehabt. Würde Werner sagen. Seine Mutter habe eher die Variante bevorzugt: „Das war nicht Glück, das hat Gott so gemacht.“ Sie und alle anderen Verwandten sind jeden Tag in die Kirche gegangen und haben drei Vaterunser und fünf Rosenkränze gebetet. Und so sei es nicht verwunderlich, dass das Religiöse damals mit ihm mitgewachsen sei. „Ich bin auch immer gerne in die Kirche gegangen“, erzählt Werner, „war gern Ministrant. Und konnte mir relativ früh vorstellen, dass ich Pfarrer werde und dann dann oben als Kleinwüchsiger über allen anderen zu thronen“, das sei wohl ein Teil dieses Traumes gewesen, „was Großes zu sein oder zumindest groß zu wirken.“ Man meldete ihn also in einem katholischen Internat in Ingolstadt mit Ausblick auf das darauf folgende Priesterseminar an. Die Zukunft war geklärt. Dumm nur, dass ganz unvorhergesehen das junges, liebreizendes Mädchen die Pläne des fünfzehnjährigen Werners durchkreuzte. Werner wurde schlagartig bewusst, was das Priesteramt in Wirklichkeit bedeuten würde, nämlich: „Der Verzicht auf die große Liebe.“ Und die, das merkte er nun, war ihm dann doch wichtiger. Also musste eine neue Zukunft her. Diese schüttelte alsbald hilfreich der Onkel aus dem Ärmel. „Komm zur Poschd!“, hat der leichthin gesagt, „da musch nix schaffe und kannsch was werdde!“ Tja, sagt Werner, „und so bin ich halt bei der Post gelandet.“ – „Und der liebe Gott?“, frage ich. „Was ist aus dem geworden?“ Da sei zunächst alles beim Alten geblieben, sagt Werner, seine Religiosität habe sogar dazu geführt, dass er zum Jugendvertreter in der Gewerkschaft gewählt wurde. Für Gerechtigkeit sorgen wie Jesus, so etwa habe er sich das gedacht. Sich wie der gegen herrschende Regeln stellen. Aber dann, mit einem zunehmend kritischen Blick auf sein Umfeld, sei ihm aufgegangen, dass der Glauben auf der einen Seite und das praktische Handeln auf der anderen in den meisten Fällen zu sehr auseinander klafften. „Um bei meinen Eltern zu bleiben, jeden Sonntag in die Kirche zu rennen“, sei das eine, „aber gleichzeitig, wenn was schief geht, die Kinder zu schlagen“, das andere oder, „wenn irgendwelche Bettler kommen, die abzuweisen. Diesen Widerspruch, den ich da sah, der hat mich heftig beschäftigt.“ Die Politik rückte von da an massiv in seinen Focus. Der zurückliegende Krieg. Der unverarbeitete Faschismus. Die Rolle des Vaters als Soldat. Heftige Debatten mit dem Vater folgten. Er warf ihm wie viele Söhne damals vor, mit den Nazis mitgelaufen zu sein und ohne nachzudenken im Krieg gekämpft zu haben. „Kämpfen musste“, habe der Vater sich verteidigt. „Ach was“, fand Werner. Er sei ziemlich ungnädig gewesen. Kein Wunder, hatte er doch gerade imposante, echte Widerstandskämpfer kennengelernt. Es wurde immer schwieriger zwischen Vater und Sohn. Und als Werner auch noch in Kontakt mit der linken Szene geriet, explodierte der Konflikt gänzlich. Die Widersprüchlichkeit in der herrschenden Moralvorstellung waren für ihn nicht länger akzeptabel. Auch Jesus als Orientierung und Vorbild konnte da nicht mehr weiterhelfen. Werner erzählt, wie ein Bruder von seinem Vater nach dem Krieg eine halbjüdische Frau geheiratet habe, eine Sache, die familienintern immer tabu gewesen sei. Grauenhaft sei man mit dieser Tante umgegangen. „Ein Großteil ihrer Familie war umgebracht worden und meine Tante hat in der Familie immer Versteck gespielt. Musste Versteck spielen. Sie konnte nie zu ihrer Geschichte stehen.“ Seine Eltern, sagt Werner, seien keine Nazis gewesen, aber sie hätten immer den Spruch drauf gehabt: Des isch e Judd!

„Wenns Taschengeld gab, 50 Pfennig, und wir gesagt haben, wir wollen aber 60, dann war der Spruch: „bisch e Judd!?“ – „Oh“, sage ich, „den Spruch kenne ich auch noch.“ Doch kehren wir noch mal ein paar Jahre zurück. Ich frage:

„Was warst denn du für ein Kind?“

„Ein schönes.“

„Ein schönes, kleines?“

„Ein schönes, kleines.“

„Warst du lieb?“

„Ja.“

©Simone Harre

Er sei eher das ruhige, nachdenkliche, in sich gekehrte Kind, gewesen, „des helle Bürschle“, er sei auch im Gegensatz zu seinen Brüdern, die viel frecher waren als er, verwöhnt und auf Händen getragen worden, einfach schon deshalb, weil er es doch als kleines Kind so schwer gehabt habe. Später als Jugendlicher, inzwischen längst nicht mehr sehr brav, sei er oft nächtelang, tagelang nicht nach Hause gekommen. Das hätte sich mal seine ältere Schwester erlauben sollen! Werner grinst: „Ich hatte Glück. Mir hat man nie Nein gesagt.“ Auf eine höhere Schule habe er dennoch nicht dürfen. Genau so wenig wie seine Brüder. Es hat geheißen: „Wir sind einfache Menschen, wir gehören da nicht hin.“ Das Privileg hätten nur die Oberen, da dürfe man sich nicht einmischen. Und das, meint Werner, würde seine Mutter heute noch so sagen: „Die, wo bestimmen, haben schon immer bestimmt.“ Heute kann er das mit Abstand betrachten, irgendwie verstehen, doch damals habe er schlicht wie die Oberen mitbestimmen wollen, vor allen Dingen, da ja nun gerade sein Rebellentum erwacht und sein Wissensdurst unbändig gewesen war. Doch wie sollte er das anstellen? Ganz einfach. Mit den richtigen Argumenten, sagte er sich. Nur so ließe sich Gerechtigkeit erkämpfen. Besonders, wenn man so klein war wie er. Also habe er begonnen Seminare zu besuchen und Bücher zu lesen.

„Ich habe gebüffelt und Wissen aufgesaugt. So wie andere den Alkohol“

Und genau in dieser Zeit, nämlich im Dezember 1973, habe das Schicksal -oder das Glück- wieder seinen Lauf genommen. Auf einer Jugendreise von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend in den Osten, nach Dresden. Dort habe es eine Begegnung mit einer Brigitte gegeben, genannt Biggi. In die habe er sich verliebt und die sei die erste Frau in seinem Leben geworden. „Mit allem drum und dran.“ Auch wenn man das dort nicht gerne gesehen hätte. Doch wer halte sich schon an so etwas? „Also, wir haben die Adressen ausgetauscht, in der Folge dann geschrieben und wenige Wochen danach bin ich privat rüber gefahren.“ Sie wurden ein Paar und Werner war von da an recht häufig zu Besuch. Eine ausgesprochen erste glückliche Liebe sei das gewesen. Er gehöre auch zu jenen, die sagen könnten, dass die erste Nacht wirklich eine ausgesprochen schöne Nacht gewesen sei. „Da war ich grade 18. Heute würde man sagen: Spätzünder.“ So viel zur Liebe. Und die Politik? Die Gerechtigkeit? Wie hat sich das entwickelt? Werner erzählt, dass er in der Zwischenzeit zu einem recht aktiven Kommunisten heran gereift sei. Er ist der DKP beigetreten und hat sich dort sehr engagiert. Die Widerstandskämpfer beeindruckten ihn noch immer, aber gesagt habe er trotzdem: „Ich mach´s noch besser.“ Außerdem lernte er damals ganz praktisch und volksnah den Sozialismus vor Ort kennen, bei Biggi, wo er sich alles in allem ausgesprochen wohl gefühlt habe und auch feststellen musste, dass vieles, was im Westen behauptet wurde, Unsinn gewesen sei. Große Auseinandersetzungen habe er deswegen mit Biggis Vater gehabt, der furchtbar über die DDR hergezogen und Werner als Grünschnabel aus dem Westen beschimpft habe: „Unser Sozialismus ist nicht toll, der ist Scheiße, weil wir haben das alles nicht, was ihr habt. Bist du eigentlich bescheuert?“, habe dieser gewettert. Gut, sagt Werner, der größte Teil der Menschen sei wirklich nicht begeistert gewesen. Aber Biggi schon. „Die war eine junge FDJlerin, die als Schneiderin eine Ausbildung gemacht hat und die war eher positiv.“ Und so blieb der Osten auch für Werner im Großen und Ganzen ein positives Gegenbild zum kapitalistischen Westen. Die gelebte Tuchfühlung mit dem Feind endete allerdings jäh nach zwei Jahren mit der Einberufung Werners zur Bundeswehr. Aber Bundeswehr und Werner!!! Das ging ja nun gar nicht. Werner war klar, dass er verweigern würde. Doch dann habe man ihn bequatscht. Wenn man WIRKLICH verweigern wolle, habe man zu ihm gesagt, dann gerade MÜSSE man zur Bundeswehr gehen. „Hingehen und von unten demokratisieren.“ Daraufhin habe er kurz und heftig mit sich gekämpft, hin und her überlegt… und sich tatsächlich für die Einberufung entschieden. Nun musste diese Sache noch mit Biggi geklärt werden. Er bot ihr an, sie zu heiraten. Sie hätte in die BRD ziehen müssen. „Und das“, sagt Werner, „hat sie abgelehnt. „Wenn, dann müsse ich kommen.“ Die Überlegung habe es also auch gegeben, aber alle hätten wieder gesagt: „Mach das nicht, da drüben gibt’s genügend Linke, HIER sind zu wenig.“ Also gut. Und so folgte die Einberufung nach Mittenwald. Tiefstes Bayern. Karwendel. Wie furchtbar! Auf gar keinen Fall da, habe er gesagt. Doch wider Erwarten: Mittenwald war super. „Ich habe mich in Mittenwald sauwohl gefühlt“, schwärmt Werner. „Ich fand diese Gegend wunderschön. Ich habe mich in die Berge verliebt.“ Und nicht nur das. Auch das Leben dort mit den anderen Gebirgsjägern, denn ein solcher war Werner nun, sei ihm so richtig ans Herz gewachsen. „Ich habe eine Ausbildung bekommen im Klettern, eine Ausbildung im Skifahren und die Ballerei“, sagt er, habe er gar nicht so schlimm gefunden. Am Ende seien die Gespräche sogar dahin gegangen, dass man überlegt habe, ob Werner sich nicht verpflichten solle. Und das, obwohl er neben seiner Einsatzbereitschaft gehörig viel rumgestänkert und eine subversive Zeitung mit dem Titel Der Schlagbolzen mit heraus gebracht habe. „Es hat mir wirklich Spaß gemacht in diesem Männerhaufen, Männer, die immer irgendwas angestellt haben.“ Dann diese Biwaks im Gebirge oder das Bauen von Iglus, Geschichten, die bis heute unvergesslich seien. Nein, er wolle jetzt nicht in Soldatenromantik verfallen. Aber es sei schon eine besonders glückliche Zeit in seinem Leben gewesen. Wer hätte das gedacht.

Schließlich aber war er ja von Berufs wegen Postbote und als solcher sei sein Leben nach der Bundeswehr auch erst einmal weiter gelaufen. Der Mann mit der Ledertasche. Gemächliche Botengänge und hier und da ein Bierchen. Das Trinken beim Dienst sei fast schon obligatorisch gewesen. „Manche sind morgens zum Dienst gekommen und der erste Weg war zum Bierautomat.“ In seinem Endstadium, würde Werner sagen, habe er das auch gekonnt. Doch so gemächlich und bierselig sollte es nicht lange bleiben. Nach ein paar Jahren als Briefträger und extrem fleißigen Aktivitäten bei der DKP – Werner kandidierte für den Freiburger Gemeinderat und für die Landtagswahl, bzw. wurde als Nichtakademiker da reingedrängt – passierte es: dem Postboten Werner Siebler, der dem Geheimdienst schon jahrelang ein Dorn im Auge war, wurde 1984 nach mehreren Anläufen das Berufsverbot erteilt. Werner sagt, man habe ihm in den Anhörungen ganz genau sagen können, wann er wo gewesen sei, dass er nach Dresden gefahren und an welchem Grenzübergang er rübergegangen sei. „Man wusste lückenlos, wo ich bin. Was nicht so erfreulich war.“ Dieses Berufsverbot sei eine ganz große Nummer gewesen, ein riesiges Medienereignis, was nun wiederum, und sicher nicht beabsichtigt, zur Folge hatte, dass ganz Freiburg den Namen Siebler kannte. Und Werner sagt:

„Plötzlich war ich bekannt wie ein bunter Hund.“

Die Wälder hätten sich natürlich geteilt. „Es gab welche, die gesagt haben: Nit ganz gebagge! Und es gab diejenigen, die mich bewundert haben.“ Und es gab Plakate, sogar ich habe noch eines zu Hause, schwarz-weiß, Werner neben Moped, große Lettern: WERNER SIEBLER MUSS BRIEFTRÄGER BLEIBEN! Natürlich habe ihn geärgert, was da mit ihm gemacht worden war, aber er sei auch froh gewesen, dass es genau so gelaufen sei, denn in dieser Zeit sei er schlichtweg gigantisch gewachsen. Von jetzt auf gleich wurde er zum Vorzeigeopfer in Sachen Berufsverbot. Das Brisante: Er war kein Lehrer, kein Intellektueller, nein: er war einfach nur ein Postler. Der kleine Mann. Ein Aufschrei der Entrüstung war aus dem Ausland zu hören. Man lud ihn ein und führte ihn vor. Italien, Frankreich, natürlich auch Russland. In Moskau war es Werner, der 1986 bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten beim großen Tribunal die Jugend der Welt klagt den Imperialismus an eine Rede halten durfte. Was ein Ding. Was eine turbulente Zeit. Eine Zerreißprobe aus Niedergang und Aufschwung. Und eine Zeit vieler kleiner heftiger Lieben, wie Werner sagt, gepaart mit zunehmender Beziehungsunfähigkeit. Aus vielen Betten sei er gestiegen und habe sich danach immer noch schlechter gefühlt. Welch glückliche Fügung sei es da gewesen, dass er seine spätere Frau Andrea erst kennen gelernt habe als der schlimmste Rummel schon überstanden gewesen war: „Da gab es eine Fete bei einer Bekannten in Weingarten“, erzählt er und dort habe er drei hübsche Frauen sitzen sehen. „Ich habe sie nicht gekannt, aber alle drei haben sofort gewusst: Jetzt kommt der blöde Siebler und will uns was über Berufsverbote erzählen.“ Werner lacht. Berufsverbote, ach was, er habe mit ihnen herumgeflaxt. Und mag anfangs noch Gegenwehr seitens der Frauen im Spiel gewesen sein, kurz darauf schon seien er und Andrea ein Paar geworden. Eines, das es ziemlich eilig hatte. Denn schon 1987 und 1988 seien ihre Kinder zur Welt gekommen. „Ich habe mit Andrea Glück gehabt“, sagt Werner, „weil sie es mir überhaupt nicht einfach gemacht hat.“ So etwas brauche er: „Frauen, die Ärger machen“.

©Simone Harre

©Simone Harre

Alles in allem also wieder eine richtig gute Zeit. Doch irgendwas ist ja immer. Diesmal war es der politische Wind, der überraschend und massiv aus einer unerwarteten Richtung blies. Die Sache mit Tschernobyl. „Dann kamen die ganzen Geschichten mit der Stasi an die Öffentlichkeit und die KGB-Geschichten in der Sowjetunion.“ Das waren natürlich alles Sachen gewesen, „uiuiui, wenn ich das vorher gewusst hätte…“ Werner sagt, vorher hätten sie das immer relativ weit an die antikommunistische Gräuelpropaganda abgetan. Stimmt sowieso alles nicht. „Nun aber war offensichtlich, dass vieles davon stimmt und auch richtig grauenhaft war.“ Da war natürlich auch die Überlegung gewesen: „War denn alles falsch, was wir gemacht haben, muss man jetzt allem abschwören?“ Werner fand: „Nein!“ Denn den Kapitalismus mochte er ja immer noch nicht und halte ihn ja auch nach wie vor für nicht geeignet die Menschheitsprobleme zu lösen. Natürlich denke da jeder anders drüber. Damals jedenfalls haben viele eine richtige Generalabrechnung mit ihrer Geschichte gemacht und gesagt: „Alles Scheiße, wir sind nur betrogen worden, ich mach gar nichts mehr!“ Und andere, wo sich Werner dazu zählen würde, hätten eher gesagt:

„Ja, das und das war Scheiße, man muss dafür sorgen, dass so was nicht mehr passieren kann und man muss überlegen, geht’s überhaupt so, wie wir das wollen.“

Also verbissen sei er nie gewesen. „Kein Hardliner. Das war auch mein Vorteil. Ich habe das immer eher locker gesehen und konnte dadurch auch relativ locker mit der neuen Situation umgehen.“ Idealisierung würde ihn auch heute bei den jungen Radikalen der DKP ärgern. „Euer Bild von Revolution teile ich nicht“, würde er ihnen dann sagen und:

„Ich bin dafür, dass man die Demokratie entwickelt.“

Alles sei eben ein Prozess. Die Dinge verändern sich. Man selbst kann sich verändern. Man müsse nur zur Welt offen sein, findet Werner. Und das sei auch Glück: „Um Glück zu haben muss man fürs Glück offen sein.“

Doch zurück zur Geschichte. Nach jenem gewaltigen politischen Ruck ging es für Werner beruflich wieder an den Start. 1990 beschloss das Arbeitsgericht nämlich, dass dieser Werner Siebler doch kein so schlimmer Staatsfeind sei und bei der Post ruhig wieder eingestellt werden dürfe, nein, sogar müsse. So die Weisung. Die Post fügte sich ungern und steckte Werner statt, wie gehabt in die Zustellung, einfach in den sogenannten Briefabgang. Eine Demütigung. „BRIEFABGANG, die Höchststrafe!“ Werner war entsetzt, sauer. Mal wieder. Und dann? Dann trafen WIR uns. Werner und ich. Und hatten ziemlich viel Spaß. Es war gerade noch die Zeit vor dem großen Umzug und der Technisierung der Post. Alles lief noch ein wenig langsamer und ich konnte damals mit einiger Verwunderung zusehen wie ziemlich kuriose Gestalten mehr oder weniger emsig ihre Briefe in die Spinde fächerten. Frisch von der Schule tat sich mir da eine neue und eigene Welt auf, die mich bis heute prägt. Einer von jenen Gestalten war eben Werner, stolz, widerspenstig und enorm kontaktfreudig. Er war noch nicht lange da, fühlte sich noch immer degradiert und wartete sehnsüchtig auf einen Platz als Zusteller. Und dann, sagt Werner: „Dann fand ich das SO GEIL in diesem Briefabgang. Ich hab mich so wohl gefühlt. Für nichts auf der Welt wollte ich da freiwillig gehen.“ Denn dann hätte er ja auch uns, uns Studenten verlassen müssen, sagt er. „Ich habe euch ja so geliebt.“ Doch auch hier: Die Geschichte drehte sich weiter, die Stammtische lösten sich allmählich auf, ich zog in eine andere Stadt und Werner musste in den Stadtteil Littenweiler: Alemannenstraße, Kunzenweg. Post austragen im Bonzenviertel. „Schon wieder so eine Scheiße“, hat er gedacht. Und schon wieder wurde es ganz anders. Die Leute, denen er die Post brachte, seien nett gewesen und Stoff zum Plaudern habe er auch gehabt. Er habe mal gezählt, sagt er, 17 oder 18 Swimmingpools seien in seinem Bezirk gewesen. „Die haben wahrscheinlich gar nicht gedacht, dass da so ein Böser die Post austrägt.“ Das passiere ihm heute noch, das die Leute sagen: „Ach, SIE sind DER Siebler!“ Da stelle man sich ja einen vor, groß und mit Bart. „Ne Chefigur. Und dann kommt statt ein Großer mit Rauschebart, ein kleiner Dicker mit wenig Haar.“ Wir lachen. Doch von wegen Cheffigur. Werner ist ja nicht der Mann mit der Ledertasche geblieben. 1996 hat es auf der Karriereleiter plötzlich einen Riesensprung gemacht: Werner wurde in den Betriebsrat gewählt. „Und das war dann der Job meines Lebens“, sagt er. Das habe er von den anderen Jobs davor zwar auch schon gesagt, aber nun war er in einer ganz neuen und besonderen Situation und Position: er konnte Einfluss nehmen, bewegen und für die Leute, die ihm am Herzen lagen, endlich etwas erreichen. Sehr genüsslich begann er mit seiner neuen Macht zu operieren und an dem ein oder anderen Bein zu sägen. „Und das geht mir immer noch so“, sagt er.

„Ich freu mich über jeden Euro, den ich für jemanden erstreiten kann. Und ich freu mich, wenn die Gewerkschaftsbewegung immer stärker wird.“

Da habe sich gerade in Freiburg viel getan. Und vorsichtig würde er sagen: „Da war ich nicht ganz unbeteiligt dran.“ Gut, es gäbe auch viel Zoff. Nicht alle würden ihn im Betriebsrat mögen. „Ein paar würden mich sicher am liebsten vergiften wollen. Immer der Siebler mit seinen 1000 Argumenten“, aber Streit mag er ja, außer, wenn er das Gefühl habe, er hätte sich nun doch gerade unklug verhalten. Dann, sagt er, „versuche ich eben als mal die Welt zu verstehen“.

Eigentlich hätte alles gut sein können. Beruflich lief es, in der Partnerschaft habe man sich auch gerade wieder bestens zusammengerauft, doch dann erkrankte seine Frau an Krebs. Es war das Jahr 2004. Italienurlaub. Andreas großer Traum war gewesen, einmal Venedig gesehen zu haben. 20 km von Venedig entfernt auf einem Campingplatz sei dieser Traum zerplatzt. Am Abend bevor sie den Ausflug nach Venedig machen wollten, habe sie gesagt: „Au je, mein Bauch, ich glaube ich kann nicht weg. Irgendwie ist das seltsam. Ich habe immer so ein Druck, ich muss immer aufs Klo, das geht in Venedig doch gar nicht.“ Daraufhin hätten sie Ärger gehabt. „Wir finden immer irgendwo ein Klo“, habe Werner eingewandt und sie: „Nein. Mach ich nicht. Ich bin auch so kaputt.“ Ihr Zustand habe sich von Tag zu Tag verschlimmert. Bis sie endlich zuhause ins Krankenhaus gegangen sei und ihre Befürchtungen sich bestätigten. Ein fußballgroßer Tumor im Bauch ist diagnostiziert worden. „Da war das Rennen längst gelaufen.“ Ein paar Tage lang habe man zwar drum herum geredet, bis ein junger Arzt sich getraut habe Werner gegenüber die Wahrheit auszusprechen: Das wird enden, indem Ihre Frau daran stirbt. Das habe ein Dr. Marx gesagt. „Der Arzt hieß auch noch Marx!“, sagt Werner. Wie absurd. „Und der hat recht behalten.“ Alle Versuche, den Tod über den 18. Geburtstag der Tochter hinaus zu zögern, scheiterten. Und doch, die letzten Tage im Krankenhaus seien nicht nur unglücklich gewesen. So viel wie seine Andrea in den letzen 14 Tagen im Krankenhaus gelacht habe, habe sie lange davor nicht gelacht. „Wir hatten viel Spaß. Gerade weil wir ganz bewusst zusammen waren. Wir haben gespielt, gelesen, vorgelesen und geblödelt.“ Einmal hatte es seitens der Ärtze geheißen, es sei soweit, höchstens noch 48 Stunden. Ein Darmverschluss. Werner habe die Kinder geholt, alle hätten sich verabschiedet. Doch nach 60 Stunden war noch immer nichts passiert. „Drei Tage später saß sie munter im Bett und hat ihr Eis geschleckt.“ Die ganzen Ärzte seien gekommen und hätten sie gefragt: „Wie geht’s Ihnen denn?“ Und Andrea sagte: „Für das, dass ich schon ein paar Tage tot bin, recht gut.“ Das sei so eine Situationskomik gewesen, „wo man denkt, man ist im falschen Film. Da funktioniert man.“ Aber gestorben sei Andrea eben doch. Im März 2005. Und das Leben ging weiter. Allerdings etwas neurotischer als zuvor. „Seit Andreas Tod, wenn ich was gehabt habe und zum Arzt bin, war immer klar, ich habe Krebs. Lungenkrebs. Magenkrebs. Prostata. Ich war schon zwei, drei Mal ziemlich sicher. Ich habe jetzt sogar auf meine alten Tage begonnen zu trainieren, ich versuche, mich gesünder zu ernähren, ich versuche nicht ganz so viel zu trinken.“ Mit dem Rauchen habe er schon lange aufgehört. Schon vor Briefabgangszeiten. Da habe er auch wieder Glück gehabt. Während sein Hausarzt damals immer nur gesagt habe: „Werner, das hört sich nicht gut an, rauch mal ein paar Tage was anderes wie Rothändle und rauch nicht so viel“, habe dessen Urlaubsvertretung nach einen Lungentest ganz klar befunden, dass seine Lunge nicht die eines jungen Mannes sei und ihn zu einem Lungenfacharzt, zu Dr. Zix überwiesen. „Ein Mann, der noch kleiner war als ich“, sagt Werner, und der da am Tisch gesessen sei, nicht aufgeblickt habe und nur verlauten ließ: „Warum tu ich mir das an? Solche Leute wie Sie sind doch sowieso unbelehrbar, das hat doch eh keinen Sinn!“ Er habe Werner geröntgt, immer weiter geschimpft, ihm hernach das Bild seiner Lunge gezeigt und erklärt, an welchen Stellen der Krebs anfangen würde. Daraufhin, und immer noch schimpfend, habe er Werner einfach aus der Tür geschoben. Ziemlich perplex sei Werner draußen gestanden, habe zu sich gesagt: „Eine muss noch“ und an diesem Tag tatsächlich seine letzte Zigarette angezündet. Kein Lungenkrebs konnte ihn seither ereilen und auch sonst keine Krankheit, sei sie auch noch so hypochondrisch untermauert gewesen. Aber eine Sache ereilte ihn doch: Die Liebe. Und zwar nirgendwo anders als im fernen Nicaragua, bzw. Wiwilli, eine Partnerstadt von Freiburg. Dorthin sei er in seiner Trauer nach Andreas Tod von einer Bekannten mit hin genommen worden. Und dort saß sie: Esperanza. Eine junge Schöne am Rio Coco inmitten jener paradiesischen Fülle von Natur und hat in ihrem Haar gespielt. Werner sagt, er sei nicht umhin gekommen, sie anzureden. Ohne Spanisch versteht sich. Doch zum Küssen habe es gereicht. Und als er abgereist sei, habe er gedacht, die müsste man doch mal einladen. „Guck ich mal.“ Und wirklich, sie kam. 26Jährig, lebensfroh, lustig. Im Schlepptau zwei Kinder. Das sei alles sehr kompliziert gewesen. Und alle anderen, vornehmlich seine Kinder, hätten diese Ankunft stumm und mit einigem Befremden hingenommen, vermutlich gedacht: „Der Alte spinnt!“ Auch seien sie vermutlich froh gewesen, als Esperanza wieder gegangen sei. Trotzdem, Werner stehe zu dieser Geschichte, denn: „Sie hat, wie man so schön sagt, wieder Sonnenschein in mein Leben gebracht.“ Diese Erfahrung würde er daher nicht missen wollen, aber die Faxen dicke von den Frauen habe er zunächst schon gehabt. Erst mal aufatmen. Alles sacken lassen. Ging aber nicht. Denn was soll man auch machen, wenn das Schicksal einen schöne Frau in das gleiche Zugabteil setzt? Beide seien sie auf dem Weg zu einer Demonstration vom DGB gegen Sozialabbau gewesen. Wie passend. „Jedenfalls, wir haben uns im Zug gut unterhalten, in Berlin auch, auf dem Weg zurück ebenfalls.“ Und zuhause habe er sie mit emails traktiert und mit Anrufen. Wenn schon, denn schon. Doch es gab noch Hindernisse zu überwinden. Einen Ehemann zum Beispiel. Eine Tochter ihrerseits, die das auch nicht so gut fand, – wieder so eine schwierige Geschichte -, aber am Ende hat er die Frau doch gekriegt. Natürlich. „Ich kann ohne dich nicht mehr leben!“, habe sie gesagt und nun lebt sie mit ihm. In zwei getrennten Wohnungen. „Du bist ja ein richtiger Herzensbrecher!“, sage ich. „Ja“, sagt Werner lachend. Und schüttelt gleichzeitig den Kopf. Denn: Das sei alles zwar sehr aufregend gewesen. Aber so ein Jäger, wie das klinge, sei er wahrhaftig nicht. „Und nun?“, frage ich. „Was hast du noch vor?“ Werner sagt, er sei wild entschlossen, demnächst seinen Altersteilzeitvertrag zu unterschreiben. Im Ruhestand später könne er sich auch vorstellen, für ein paar Monate nach Mittelamerika zu gehen. Vielleicht da irgendein Projekt machen. Oder einmal quer durch die Welt wandern. Oder noch studieren. Oder irgendwelche Enkel durch die Gegend jagen. Er habe auf jeden Fall vor, noch viel zu erleben und sich noch viel zu amüsieren. Möglich auch, dass es mit der nächsten Betriebsratswahl nichts mehr werden wird oder, dass er sich mit Verdi nicht mehr identifizieren könne. Dann wäre auch ein drittes Briefträgerleben nicht auszuschließen. Oder etwas ganz anderes. Er sei da nicht festgelegt. Er könne viel.

„Das ist ein wunderbares Schlusswort“, sage ich.

„Nein. Moment“, wirft Werner lachend ein. Er habe sich gerade verschluckt. Er habe sagen wollen:

„Ich kann alles.“

©Simone Harre



PS: Dieses Gespräch, erschienen in dem Buch „Vom Glück in Freiburg„, ist schon ein paar Jahre alt. Geändert hat sich seither nichts Wesentliches. Werner ist noch immer genau so aktiv und kämpferisch, nur noch erfolgreicher.  Von Ruhestand keine Spur. Inzwischen 60 Jahre alt ist er seit Februar 2016 der neue Chef des Freiburger Gewerkschaftsbundes.

Ich finde, sein Onkel hatte recht: „Geh zur Poschd, da kannsch was werdde!“ Und apropos Frauenheld: Auch Sabinchen, die Frau im Zug, ist noch immer an seiner Seite. :-)))