Johann Rack, Fotograf:

„Ich glaube, dass in diesem Augenblick neben Bildern auch Fragen auftauchen können. So ist es zumindest mir ergangen als ich nicht wusste, ob ich nach meiner Krebsdiagnose vor knapp 9 Jahren die Klinik lebend verlassen werde. Und angesichts des möglichen nahenden Todes hatte ich mir zunächst gewünscht, ich hätte ein glücklicheres Leben geführt. Eine Freundin hatte es für mich so formuliert:

Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, ein Leben getreu mir selbst zu führen. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle zu zeigen. Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben.

Bis dahin kannte ich die Endlichkeit nur aus der Theorie. Das nun war ganz anders. Aber ich hätte nie geglaubt, wie einfach es sein kann, in so einer Situation, in einem Moment, in dem sich diese Fragen kristallisieren, wahres Glück zu empfinden. Und schließlich, im Rückblick, ich würde nichts anders gemacht haben, trotz der Zweifel. Ich hoffe jedenfalls, dass ich, wenn es soweit ist, Bilder aus dem Alltag vor Augen haben werde, Momentaufnahmen des unmittelbaren Lebens, und dann sollte es ein erfülltes Leben gewesen sein.“

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©Johann Rack

PS: Diese Worte und das Foto schickte mir Johann im Mai 2015. Im Mai 2016 war ich auf seiner Beerdigung. Er war plötztlich erneut schwer erkrankt.

Ich hoffe, in seinen letzten zehn Sekunden wird er glückliche Bilder aus seinem Leben gesehen haben.

Er hatte sich gewünscht, keine übliche Begräbnisfeier zu haben. Seine Angehörigen sollten eine Party veranstalten. Dort haben viele Menschen auf einer Bühne Darbietungen gebracht oder Geschichten erzählt, die sie mit Johann verbanden. Lobende, lustige, kritische. Es war alles dabei. Ich fand es sehr berührend und ein bisschen war es wie ein lebendiges „Letzte Zehn Sekunden“ gewesen. Nicht die Bilder, welche der Sterbende erinnert, aber die Bilder, welche die Angehörigen erinnern. Auch ich stand auf der Bühne und habe diese seine Worte weinend vorgelesen. Ich hatte noch nie so zittrige Beine. Aber ich war froh, dass ich diese Worte hatte. Und wer weiß, vielleicht wird dieser Moment zu einem meiner letzten innig erinnerten Bilder werden.

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