Thomas Kitzinger, Künstler, 57 Jahre

Wir haben auf seiner Dachterasse Platz genommen, erhaben über dem Lärm der Straße, umrahmt von der fernen Kulisse grüner Berge, bedroht von dunklen Wolken, welche die Sonne vertreiben, und reden und reden und reden. „Thema Glück. Was ist Glück?“, sagt Thomas Kitzinger, und muss sich noch ein paar Minuten daran gewöhnen, dass ich ihm plötzlich gegenübersitze. Er habe sich absichtlich keine Gedanken gemacht. „Ich will da ganz unvoreingenommen rangehen.“ Doch nun: „Ein schwieriges Thema.“ Es gäbe ja so viele Facetten von Glück, mit jedem Lebensalter fühle es sich anders an. Und gleichzeitig sei gerade das so toll am Glück, dass es nicht an Zeit gebunden sei. Dass es so was Freies habe. Momente von kein Davor und kein Danach. Aber immer nur Momente. Er überlegt. Glück sei zum Beispiel das Baumhaus gewesen, das er als Kind gehabt habe, in einer alten Trauerweide im Garten. „Diese Ruhe dort, ganz für sich sein!“ Oder der erste Schnee, der nie wieder so schön falle wie durch Kinderaugen. „Unfassbares, gigantisches Erlebnis.“ Glück sei auch seine Ehe mit Elvira, seit 24 Jahren. Oder: „Ich esse gern, trink gern einen guten Wein. Dann hebe ich ab. Verdreh die Augen.“ Und die Arbeit?, frage ich. Freilich, die sei auch Glück, sagt Thomas, nur da würde er sich lieber so ausdrücken: „Ich habe genau das gefunden, was ich machen will.“ Also Bilder malen. Den Pinsel schwingen. Abtauchen in der Kunst. Im Atelier. „Wenns gut läuft“, sagt er, sei er dabei in so einer Art Trancezustand. Er mache seine Arbeit wie ein Handwerker und höre dabei Opern oder neue Musik. Gerne sperrige Musik. Er möchte von den Klängen in andere Welten mitgenommen werden, sich daran reiben. Wie in der Malerei. Auch die sei etwas, das ihm Widerstand böte. „Ich brauche keine Harmonie“, sagt er. „Ich muss mich an etwas abarbeiten können.“ Und er will auch nicht irgendwelche Bilder malen, hübsch und freundlich, seine Bilder sollen den Raum beherrschen, Energie aussenden. Verdichtete Sinnlichkeit. Thomas Kitzinger strahlt. Er ist, man kann es nicht anders sagen, leidenschaftlich beseelt von dem, was er erschafft, und wenn man ihm gegenübersitzt, ihm zuhört, könnte man meinen, das es noch nie anders gewesen sei. Dass er schon immer tagein und tagaus in einem eigenen Atelier seine Heimat habe. Doch weit gefehlt. Thomas sagt:

„Zur Malerei bin ich gekommen wie im Kitschroman.“

Eigentlich ist Thomas nämlich Gipser gewesen. Genauer gesagt Bauarbeiter. Ein Zeitsprung nun. Thomas erzählt, er ist im Saarland aufgewachsen, als Sohn eines saarländischen Bauunternehmers. „Leider war mein Vater ein Träumer und Geldverschwender und bei dem Versuch, die hauseigene Firma immer mehr zu vergrößern, ist er in den Konkurs rein geschlittert.“ Viele Arbeitsplätze, das Geld der Verwandtschaft, alles war futsch. Ein großes Unglück sei das gewesen. Und: das Ende einer glücklichen Kindheit. „Ich war gerade in der zweiten Klasse und die Kinder auf der Straße riefen Bankrotter, wenn sie mich sahen.“ Auch die Lehrer seien nicht gerade sensibel gewesen, hätten versucht, ihn über die Firma auszuquetschen. Der Konkurs lastete schwer auf den Schultern des jungen Sohnes. „Zu schwer“, sagt Thomas. „Schulisch ist es mit mir von da an bergab gegangen.“ Immer weiter. „Ich war ein totaler Versager.“ Gerade gut genug für die Hauptschule. Nie wieder habe er sich von dieser Zeit erholt, durchgemogelt bis zuletzt. „Schule ist für mich immer was total Angstbesetztes geblieben.“ – „Und die Eltern?“, frage ich. „Die müssen das doch bemerkt haben?“ – „Die haben mich ja gar nicht mitbekommen“, erwidert Thomas. „Wir Kinder sind einfach groß geworden, dass es grad so funktioniert hat.“ Heute könne er mit seiner Mutter über diese Zeit offen reden. „Wir haben eine sehr gute und intensive Beziehung zueinander gefunden.“ Aber damals habe er sich mit seinem Elternhaus nicht identifizieren können, und ach, wie gerne wäre er aufs Gymnasium gegangen und auch, ach, wie gerne wäre er Apothekersohn gewesen. So wie sein Freund:

„Der hat Geige gelernt. Da roch es anders in der Wohnung. Da waren alte Möbel, sehr viele Bücher. Das hat mich wahnsinnig fasziniert. Das war für mich als Kind die Idealvorstellung von Familie. Alle sehr gebildet. Und bei uns… Handwerkerfamilie. Da habe ich halt das Sandmännchen geguckt.“

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©Simone Harre

Die akademische Auslastung war also nicht sehr hoch bei Thomas zu jener Zeit, der Wissensdurst später dafür umso stärker. Doch als Gipser? Wieder sei er in einem Umfeld gelandet, mit dem er wenig gemein gehabt hätte. Und so flüchtete Thomas bald von der Bausphäre in die Literatur und entdeckte damit eine völlig neue und faszinierende Welt. Eine Welt, die ihm mit voller Wucht entgegentrat und ihn endlich geistig zu stimulieren vermochte. Er begann mit Autoren wie Carlos Castaneda und Hermann Hesse. „Die damals Angesagten.“ Wechselte später zu Marcel Proust oder Nabokov. Robert Walser und Fernando Pessoa. Literarische Giganten, die ihm imponierten und gleichzeitig so sehr einschüchterten, dass sie ihn allein durch ihre Größe nicht zur Kunst des Schreibens inspirieren konnten. Schade. Doch dann sei der Tag gekommen, da er von Van Gogh erfahren habe. „Mensch“, habe er da gedacht, „wie der lebt, das ist mein Ding“. Und: „Das ist der Bruder im Geiste.“ Es habe so richtig gefunkt: „Ich hatte in der Zeit viel mit Alkohol zu tun“, sagt Thomas. „Viel Drogenerfahrung. Und kein Geld.“ Aber damit sei er in bester Gesellschaft mit dem spontan verehrten Maler gewesen. Auch klar. Kurzum: Reichlich entzündet begann Thomas nun selbst zu malen.

„Mit einem ungeheuren Größenwahn, gedacht, ich sei jetzt auch Van Gogh.“

Von Malerei sonst keinen Schimmer. Und als er sich irgendwann die Originale in Paris anschauen ging, war die Enttäuschung groß gewesen. „Ich habe mir vorgestellt, der malt so ganz genau.“ War nicht. Irritierung. Aber was war das dann? Und warum? Der Impressionismus. Gut, der Impressionismus, schon wieder etwas, das Thomas nicht wusste, nicht kannte. Also ran an die Kunstgeschichte. Und ran an den Plan, berufsmäßig Maler zu werden. Jetzt aber so richtig. Doch: Maler werden!? Sie hielten ihn alle für verrückt, vor allem die Leute auf dem Bau. Egal. Er war 21 und hatte endlich ein Ziel.

„Was hast du denn damals für Bilder gemalt“, frage ich. „Landschaften, sozialkritische Bilder. Grässliches Zeug.“ Das meiste hat er irgendwann vernichtet. Völlig autodidaktisch habe er von da an versucht, künstlerisch seinen Weg zu finden und seinen Stil. Vier Wochen arbeitete er auf dem Bau, vier Wochen widmete er sich der Malerei. Immer abwechselnd. So ging das ziemlich lang. Die Beziehung zu seiner damaligen Frau ging dabei allerdings in die Brüche. „Warum?“ -„Weil ich durchgehalten habe und sie nicht. Sie hatte ein größeres Talent als ich, aber Talent ist oft hinderlich. Deswegen habe ich mich auch so mit Van Gogh identifiziert. Der war ja nicht talentiert. Gerade die frühen Zeichnungen, die sind wahnsinnig gequält. Aber van Gogh ist so eigenwillig, so eigen geworden, ein Genie.“

Er wolle sich jetzt nicht mit Van Gogh vergleichen, sagt er, aber er habe immer gedacht, es gibt einen Weg hin zur Größe, zum Erfolg. Wenn man an die Wurzeln gehe. Viel hat er sich damals mit dem Dadaismus beschäftigt. Dankbar, dass dieser ehedem die blühende Wiese der Kunst niedergebrannt hat, um Neues entstehen zu lassen. Zum Beispiel seine Kunst. Denn heute, so sagt Thomas, sei ja absolut alles möglich in der Malerei. „Das ist so toll.“ Die Kunstgeschichte nach getaner Einverleibung durch den Dadaismus und also der Vergangenheit anheim gebend, beschritt Thomas Kitzinger nun seinen eigenen Weg. Suchte beharrlich nach eigenen Wurzeln. Und irgendwann, nach vielen Jahren regte sich etwas. Der Weg begann sich zu ebnen. Eine Galerie, die ihn nahm, der Kunstverein, der ihn ausstellte und schließlich vor zwei Jahren ein weiterer Glanzpunkt: der Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg, – „die höchste kulturelle Auszeichnung, die man hier bekommen kann“ – mit anschließender Ausstellung im Freiburger Kunstmuseum sowie im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern. Eins stieß auf einmal das andere an. „Es hat lang gedauert, aber es ist alles gekommen, wie ich es mir gewünscht habe.“ Und er weiß auch: „Hätte mein Vater damals die Firma gehalten, wäre ich wahrscheinlich heute so ein kleiner Bauunternehmer im Saarland geworden.“ Was ein Glück also, dieses Unglück. Ich sage: „Du hast halt auch an dich geglaubt.“ – „Ich hatte Biss“, erwidert Thomas Kitzinger. „Aber an mich geglaubt, das wäre zu hoch gegriffen. Ich bin eigentlich ein ziemlicher Zweifler.“ – „Du hattest Biss aus Verzweiflung?“ – „Genau.“ – „Weil du keine Alternative hattest?“ – „Ja.“ Der Bau sei natürlich irgendwann keine Alternative mehr gewesen. Doch letztlich waren es eher seine Minderwertigkeitsgefühle, seine Komplexe, die hätten ihn von Anfang an angetrieben. Dieses: „So. Ich wills wissen.“ Aber zu dem Erfolg, der sich schließlich eingestellt habe, komme natürlich viel Glück. Glück auch deswegen, da er sich nie um den herrschenden Zeitgeist geschert habe. Er habe einfach gemalt.

„Ich glaube, das ist auch so der Punkt, dass man nicht so auf den Erfolg schielen darf. Die Arbeit ist der Erfolg. Nicht das Drumherum. Es ist super, wenn’s kommt. Aber wenn man sich zu stark daran orientiert, ist man von vorneherein zum Scheitern verurteilt.“

Bei Thomas Kitzinger ist er gekommen, der Punkt, und nun kann er auch von seiner Malerei leben, sagt er. Jeden Tag ist er im Atelier, ein, zwei Mal im Jahr fertigt er Auftragsarbeiten an, den Rest der Zeit, und das ist die hauptsächliche Zeit, malt er das, worauf er Lust habe, arbeitet an künstlerischen Werkreihen wie zum Beispiel die Reihe seiner Portraits. Gesichter auf Aluminium. Gesichter mit großer Wirkung. Kühl, distanziert oder warm und eindringlich, „das liegt im Auge des Betrachters“. Alle Menschen auf diesen Portraits tragen ein erdachtes weißes T-Shirt, das Licht in den Augen klinisch ausgeleuchtet und der Hintergrund in einem undefinierbaren Blau gehalten. Es liegt absichtlich alles so dazwischen, nicht richtig festgelegt, „einen Bereich, den wir nie betreten können. Man kann den Bildern nur intuitiv begegnen“, sagt Thomas. „Und was begegnet man da?“, frage ich. „Der Leere“, erwidert Thomas.

„Alles ist für mich eine Hülle.“

Er habe mal in einem Tagebuch geschrieben: Die Hülle bildet und bindet den Inhalt zugleich. Und bleibt eine Hülle. Ein schwer auszuhaltender Umstand sei das allerdings, jene Leere. „Dieses Nichtverstehen können. Dieses absolute Nichts.“ Aber genau das interessiere ihn. Und so seien eigentlich alle seine Bilder nichts als Malhäute. Sie würden etwas suggerieren, doch wenn man ihnen näher käme, verstehe man nichts mehr. Es gäbe keinen Inhalt. „Und was ist dieses Nichts?“, frage ich weiter. „Das weiß ich nicht“, sagt Thomas. „Vielleicht etwas Göttliches.“ Er habe keine Bezeichnung dafür. Es sei wie bei einer Hollywoodfassade. „Überall wird was gebaut und dahinter ist nichts mehr.“ Genau deswegen haben auch alle seine Portraits nur Geburtsdaten. Jeder trägt nichts als seine Nummer mit sich herum.

„Eine Sinnsuche also?“ – „Ja, eine Form der Sinnsuche.“ Ganz früher habe er sich noch selbst portraitiert. Heute nicht mehr. Doch im Grunde seien diese ganzen Bilder ein einziges einzelnes Selbstportrait. Deswegen hat die letzte Ausstellung auch 24.10.55 geheißen. Thomas Kitzingers Geburtsdatum. „Meine Arbeit“, fährt er fort, „ist aber nicht nur Sinnsuche, sie ist auch so etwas wie ein Anmalen gegen den Tod.“ Er sehe es ähnlich wie Elias Canetti. Von dem heißt es, er habe immer ein erhabenes Gefühl gehabt, wenn er über den Friedhof gegangen sei. „Das kann ich nachvollziehen. Das ist so ein: Ich bin noch da, Leute. Irgendwie ein: Ich mach da nicht mit, mich kriegt ihr nicht.“ Thomas sagt, er habe zum Tod nicht dieses: Ich akzeptiere das. Eher: „Der Tod ist so was Unbegreifliches, etwas Nichtfassbares.“ Und er kämpfe ähnlich wie Canetti gegen ihn an, auch wenn er wisse: „Ich werde verlieren.“ Das sei ihm vollkommen klar. „Aber so lange ich dem Tod noch standhalten kann, so lange werde ich ihm noch eine ganze Menge Bilder um die Ohren hauen.“

Auch die Frage: „Warum malt man?“ Thomas sieht mich an. Im Grunde sei das an sich schon ein anmaßender Akt. „Ich male meine Gefühle und die Leute kaufen das.“ – „Das Unsterbliche“, sage ich. – „Ja.“ – „Etwas zurücklassen.“ – „Ja.“ In seinen Bildern, sagt Thomas, könne er etwas von sich weiter geben. Bilder, die er, wenn sie fertig sind, gehen lassen kann, muss. Erschaffen und loslassen.

„Das sind für mich religiöse Momente. Dieses: du setzt was in die Welt und das wird was. Das löst was aus, darüber machen sich Leute Gedanken. Und ich habe es gemacht. Das lässt mich hoffen, dass wir doch für etwas gut sind. Wie ein Sandkorn in der Wüste.“

„Und die Zukunft? Was soll noch kommen?“, frage ich. „Ich habe vor, noch hundert Jahre so weiter zu machen“, antwortet Thomas. „Da sind so viele Ideen. Also noch fünfzig Jahre saftig malen und dann noch fünfzig Jahre… was weiß ich…Quatsch…Käse essen.“ Thomas lacht. Nein, in Wirklichkeit wünsche er sich etwas ganz anderes, nämlich:

„Mein Traum ist, dass ich keine Wünsche mehr hätte. Das wäre super.“

Dann wäre auch der Tod kein Problem mehr. „Doch davon bin ich noch meilenweit entfernt“, sagt Thomas. Daher wünsche er sich im Moment eher, „so ganz naiv“, dass er noch in vielen großen Häusern ausstellen dürfe.

„Naja“, sage ich. „Du hast ja noch hundert Jahre Zeit.“ „Eben“, erwidert Thomas und lacht. „Nach oben ist alles offen.“

Auszug aus dem Buch „Vom Glück in Freiburg“

©Simone Harre

Wer mal schauen will:

www.thomas-kitzinger.de