Helmut Gentner, 48 Jahre

Lehrrettungsassistent und Ausbilder beim DRK

Es war so: Ich hatte einen Sanitäter gesucht oder Arzt, einen, der die Soldaten im Krieg medizinisch versorgt, einen, der weiß, wie es ist, wenn sich die Realität vom Abenteuer löst, einen, der dabei ist, wenn Trauma entsteht, wenn es einen nicht mehr loslässt und man es mit nach Hause in seine Familie tragen muss. Einen, der mir sagt, wie viel Unglück ein Mensch ertragen kann, wo das Unglück noch fruchtbar, ertragbar bleibt und wo das Unglück nur noch die Seele zerbricht. So einen habe ich gesucht. Und ich fand Helmut Gentner. Man hatte mir gesagt, er habe für einige Zeit ein Bundeswehrlager in Afghanistan medizinisch mitversorgt, er hätte Interesse mit mir zu sprechen. Bingo. „Ich öffne für Sie gerne mein Tagebuch“, sagte Helmut auch gleich am Telefon. Ich freute mich und bald darauf fuhr ich voller Erwartung nach Stuttgart. Dem Schrecken des Krieges auf der Spur. Aber irgendwie kam alles etwas anders.

Wir treffen uns im Zentrum des Deutschen Roten Kreuzes, dem Arbeitsort von Helmut seit 37 Jahren. Anfangs ehrenamtlich, seit 1991 als Rettungs- und seit 2012 als Lehrrettungsassistent, nun auch als Ausbilder. „Helfen ist mein großes Ziel“, sagt Helmut im Laufe des Tages immer wieder. In jeder seiner Poren scheint Leidenschaft und Optimismus zu stecken. Ein Philanthrop und ein Mann mit großer Fachkompetenz. Unzählige Zertifikate und Ausbildungen zieren seinen Lebenslauf, die tut er jedoch ab. Was er nicht abtut, ist seine besondere Spezialität: schnelles, kreatives Diagnostizieren. Sich nicht festlegen, offen sein. Auch mal Querdenken, sagt er. Das ist ganz wichtig. Ein Dr. House also. Unsentimental, aber mit Herz. Einer, der sich gerne mal mit den Ärzten am Unfallort anlegt, weil er den Menschen nicht nach Lehrbuch betrachtet und auf diese Weise mehr als ein Leben gerettet hat. Ja, Helmut ist ein energetischer Kraftprotz, das beeindruckt mich, reißt mich mit. Er erzählt mir viele Geschichten aus seinem Arbeitsalltag. Geschichten, die mal traurig sind, mal glücklich verlaufen, Geschichten, an dessen Ausgang Helmut maßgeblich beteiligt ist. Ganz klar: Helmut kennt jenen schmalen Grat, wo Glück und Unglück sich treffen, und er kennt die Angst der Menschen genau. Er weiß, dass er spezielles Wissen erworben hat mittels dessen er helfen kann. „Und das macht zufrieden“, sagt er. Das macht glücklich. Stärkt. „Ich weiß“, fährt Helmut fort, „dass es Schlimmes gibt, aber es kann immer noch schlimmer kommen.“ Wie vieles, findet er, ist dies eine Sache der Einstellung. Was ihn manchmal aber schon schmerze, sei der Umstand, dass er den einen retten könne und den anderen nicht. Diese Hilflosigkeit zuweilen. Warum, das wüsste er gern, aber er findet keine Antwort. Denn, so gerne er es würde: „Ich kann nicht das Leid der Welt tragen.“ Ein Pause. Ein Anflug von Traurigkeit.

Aber nur kurz. Denn dann setzt Helmut mit einer schnellen Bewegung seine rote Brille wieder auf, lächelt breit und fügt achselzuckend hinzu:

„Das Leben ist wie ein Buch, Blatt für Blatt, dann kommt ein Wind und es ist zu.“

Zack. Ganz pragmatisch. „Wenn´s passiert, passiert´s. So ist das nun mal.“ Helmut studiert die Speisekarte, während er das sagt, denn wir sind gerade in einem Restaurant. Der Tod kann ihn nicht beirren. Er ist Tagesgeschäft.

Während wir auf das Essen warten, frage ich Helmut, woher sein Drang zu Helfen rühre. Vielleicht ein dramatisches Erlebnis, kindliche Prägung? Helmut überlegt. In diese Richtung habe es nie etwas gegeben. Stattdessen verweist er auf Henry Dunant*, der Gründungsvater des Roten Kreuzes und Träger des ersten Friedensnobelpreises, der ihn schon in frühen Jahren beeindruckte. Dunants soziales Engagement, sein sanitärer Einsatz auf Schlachtfeldern und die Vision von einer Welt ohne Krieg leiten ihn bis heute. Wie dieser möchte er „Dienst am Nächsten“ tun. Und daher, kein Wunder, konnte Helmut nicht Nein sagen, als die Bundeswehr ihn eines Tages bat, als Reservist und Sanitäter für vier Monate nach Afghanistan zu gehen. „Natürlich. Mach ich.“ Er erkannte darin sofort eine Chance, über sich hinauszuwachsen und sich fachlich weiter zu entwickeln. „Also nicht aus Gier, um zu sehen, wie sieht eine Bombenverletzung aus, aber um zu lernen, was mache ich dann?“ Das und ein wenig Patriotismus, gibt Helmut zu. Seine Entscheidung, Frau und Kinder zurück zu lassen, konnten nicht alle nachvollziehen. Am wenigsten ein Nachbar und Freund, dem er einst das Leben gerettet hatte und der nun nicht mehr mit ihm spricht. Sicher, räumt Helmut ein, seine Frau habe nicht gerade „Hurra“ gerufen, aber sie seien im Einvernehmen voneinander gegangen. Er habe für den vorzeitigen Fall der Fälle das obligatorische Testament geschrieben und auch sonst die Versorgung seiner Familie für die Zeit seiner Abwesenheit abgesichert.

„War das auch ein Abenteuer?“, frage ich. „Nein“, erwidert Helmut, „eher eine Pilgerreise, ein back to the roots.“ Eine Herausforderung an unser zivilisiertes Leben. Vier Monate auf engstem Raum und mit dem Nötigsten auskommen müssen. Im Lager habe es geheißen: „Wir haben alles, was Sie brauchen, was wir nicht haben, brauchen Sie nicht.“ Der Spruch gefiel Helmut. So zog er also 2009 wieder eine Uniform über und stieg voller Erwartung als Soldat ins Flugzeug. Wie einst Henry Dunant würde er nun auf einem Kriegsfeld ungeachtet der Nationalitäten Menschen in Not helfen können. Er wusste: Diese Reise würde ihm Gutes bringen.

Schauplatzwechsel.

„Distrikt Kundus: 1,8 Millionen Afghanen, Tausend Taliban.“ Ein Leben im Ghetto. Arbeit auf der Station. 18 Betten insgesamt, davon zwei Intensivbetten. Helmut behandelte Soldaten, aber auch Afghanen, mal einen Taliban. Manchmal sogar Kinder. Das Krankenhaus war umgeben von Heskos, Gitterteile gefüllt mit Schotter, zum Schutz vor Raketenangriffen. Ich schaudere, die Gefahr scheint mir doch sehr nah gewesen zu sein. Aber Helmut sagt, bedroht habe er sich nie gefühlt, obgleich eine Tod bringende Granate einmal nur 30 Meter entfernt von der Krankenstation während seiner Anwesenheit eingeschlagen war. „Und gefeuert wurde mehr als einmal“, fährt Helmut fort. „Vor allem nach dem Lagerbesuch von Angela Merkel. Das war wirklich gefährlich.“ Doch glücklicherweise sei die Treffsicherheit der Taliban gering gewesen und die meisten Raketen schossen über das Lager hinweg.

Als wir später im Neonlicht eines Seminarraumes des Rotkreuzhauses sitzen, öffnet Helmut seinen Laptop und zeigt mir Bilder aus dem Lager. Fröhliche Bilder. „Es war eine gute Stimmung“, antwortet Helmut auf meine irritiert hochgezogenen Augenbrauen. „Ein großer Zusammenhalt.“ Das habe er sehr geschätzt. „Dennoch“, räumt er ein, „täuschen die Fotos über die ständige Bedrohung hinweg.“ Viermal mussten sie in dieser Zeit tote Kameraden verabschieden. Einer davon war Sergej Motz. Ein Deutschrusse, der bei einer Kontrollfahrt im Panzer von einer Rakete tödlich getroffen wurde. Sein Körper fing den Einschuss ab und rettete damit den Übrigen im Innenraum des Panzers das Leben. Damit wurde Sergej Motz zum Kriegshelden. Der Vater, die besondere Tragik dieses Unglückes, hatte selbst im Alter seines Sohnes in Afghanistan gekämpft, war vermutlich bis zu diesem Zeitpunkt ein stolzer Vater, sollte aber später im Fernsehen sagen:

Wir, die russischen Soldaten haben etwas Besonderes in uns, eine flammende Seele. Alles zu geben, buchstäblich alles, bis auf den letzten Blutstropfen. So habe ich meinen Sohn auch erzogen. Und nun? Mein Sohn wurde zerfetzt, können Sie sich das vorstellen?

Während die deutsche Presse den Fall vertiefte und Sergej mit Pomp sein letztes Geleit gab, ging im Lager alles schnell wieder seine üblichen Wege. Nur die überlebende Soldatin, die, welche den Todespanzer gefahren hatte, kam mit diesem Alltag von da an nicht mehr klar. Schwer traumatisiert wurde sie Wochen später nach Hause geschickt. Auch andere wären gerne gegangen, sagt Helmut, hätten sie ihren Sold, den sie für ihren Dienst bekommen hatten, nicht längst leichtfertig ausgegeben. „Es war für mich erschreckend, zu sehen“, sagt Helmut, „wie wenig diese Soldaten darüber nachgedacht haben, was sie erwarten würde.“ Für diese sei das alles ein recht großes package gewesen.

Und für dich?, frage ich, „Gab es einen Unterschied zur Arbeit in Deutschland?“ – „Keinen“, erwidert Helmut. „Auch nicht emotional. Ich hatte hier auf den Straßen teilweise schrecklichere Bilder durch Unfälle als im Lager. Andere kennen so etwas nicht. Die jungen Soldaten konnten diesen Überblick noch gar nicht haben, hatte ich früher auch nicht.“

„Du warst also gar nicht erschüttert?“ – „Nein. Ich war dort gerne. Ich konnte helfen.“

Helfen war seine Aufgabe. Dennoch kam man im Lager kurzfristig auf die Idee, ihn nach draußen zu versetzen. Es hieß: „Herr Gentner, Sie haben 49 von 50 Ringen getroffen.“ Seine Schießergebnisse waren brillant. Doch Helmut wollte nicht. Durchaus nicht. Er sagte: „Ich helfe gerne mit meiner Kompetenz im Lager, aber draußen… wie heißt das: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Da werde ich selber zum Sicherheitsrisiko.“ Er schlug also aus. Lieber kümmerte er sich um die Entwicklung der sogenannten taktischen Medizin und kreierte eine Ausbildung sowie einen Überlebenskoffer, wo man Erste Hilfe und taktische Medizin zusammen bringt. „Zum Beispiel wichtig für Berichterstatter in Krisengebieten. Da kann man nicht die 112 anrufen und der Rettungsdienst kommt. Da muss man selbst überlegen: Was mache ich jetzt? Und dazu habe ich ein Equipment zusammen gestellt, das mir eine Handlungskompetenz gibt, um zu überleben.“ – „Und was ist da drin?“ – “Lauter Medikamente. Antibiotika. Schmerzmittel. Sonnencreme. Turneky zum Abbinden und Quicklotpulver zur Blutstillung, solche Dinge.“

Helmut schiebt seine rote Brille zurecht und scrollt auf seinem Laptop weiter. Bild für Bild. Keine Soldatenromanze, aber auch kein Leid. Die Tage vergingen für Helmut schnell. Es gab immer was zu tun und wo es nichts zu tun gab, schuf er eigene Aufgabenfelder. Neben der medizinischen Betreuung unterrichtete er zum Beispiel interessierte afghanische Ärzte, initiierte ein Fond von Kinderkleidung und Spielsachen und wenn Zeit war, machte er Sport, lief bei 40 Grad Hitze die Sohlen seiner Turnschuhe ab oder schrieb abends in sein besagtes Tagebuch. Nicht etwa, wie ich annahm, um die Last des Tages in Worte zu fassen, sondern schlicht um zu dokumentieren.

Ein Tagebuch des Schreckens, das gab es nicht.

Nach den vier Monaten Einsatz musste er alle persönlichen Sachen verbrennen, „Feldwebel Helmut Gentner konnte seine Papiere nicht einfach so in den Abfall werfen.“ Die Rückkehr nach Hause gestaltete sich mühselig und kräftezehrend. Helmut hatte über hundert Kilo Gepäck zu schleppen, vorne und hinten zwei Seesäcke, dann noch zwei Taschen. „Ich kam ja als Soldat zurück“, sagt er. Aber keiner habe ihm geholfen als er in Leipzig in den Zug stieg. Das sei eine merkwürdige und nachhaltig irritierende Erfahrung gewesen. „Die Leute haben schon gesehen, dass ich mich schwer getan habe.“ Warum halfen sie ihm nicht? Er könne es nicht beschreiben, dieses Gefühl. Vielleicht kam es ihm auch nur so vor, weil er plötzlich an einem anderen Ort war, rätselt Helmut. „Vielleicht lag es an deiner Uniform“, gebe ich zu bedenken. Oder, überlege ich zu Hause, vielleicht lag es auch ein bisschen daran, dass Helmut, trotz der schweißtreibenden Lasten, einfach zu durchtrainiert, braungebrannt und gesund aussah. Einer, der keine Hilfe braucht. Einer, der von einer Reise alles bekommen hat, was er sich wünschte, einer der glücklich ist.

Dennoch. Glücklich?

„Hattest du denn wirklich nie Angst?“ Ich muss noch einmal fragen. Helmut schüttelt den Kopf und verneint nachdrücklich. „Ich bin auch kein Held.“ Aber wie sagte schon vor tausend Jahren der berühmte Kirchenvater Canterbury: „Nichts ist uns gewisser als der Tod und nichts ungewisser als die Stunde des Todes.“ Und so ist es. Helmut klappt seinen Laptop zu und nimmt die Brille von der Nase. Nein, Angst oder Schrecken habe er nicht mit nach Hause gebracht. Im Gegenteil. „Es hat mich alles nur noch mehr bestärkt in dem, was ich schon mache. Kriege gibt’s immer, dieses Machtgehabe. Ob ich jetzt da was ausrichten konnte?“ Er zuckt mit den Schultern.

„Ich war davon überzeugt, dass ich mit meinem Tun meine Kameraden unterstütze. Es gibt so viel Not und in Deutschland gibt’s immer so viele Ausflüchte, warum man nicht helfen muss, machen ja die anderen. Man muss halt was tun. Und ich bin der Mensch, der es tut.“

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*Als Henry Dunant 1859 nach der Schlacht von Solferino die Not der Verwundeten erlebt hat, half er spontan. Auf beiden Seiten. Die Barmherzigkeit auf den Schlachtfeldern, so hieß auch Dunants 1864 ins Deutsche übersetzte Buch. Zeitlebens widmete er sich der Vision von einer Welt ohne Krieg und ohne soziale Not. Diese Vision erfüllte sich nicht. Immerhin aber würdigte man seine Bemühungen 1901 mit der erstmaligen Verleihung des Friedensnobelpreises.

1963 kam es in Genf zur Gründung des Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, das seit 1876 den Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) trägt und auf wesentliche Vorschläge von Dunants Buch zurück geht.

In Deutschland wurde 1921 in Bamberg das Deutsche Rote Kreuz unter seinem ersten Präsidenten Joachim von Winterfeld-Menkin gegründet.

Todesfälle in der Bundeswehr: (www..rk-kastellaun.org)

53 tote Soldaten in Afghanistan.

Die Zahl der seit 1993 im Auslandseinsatz gestorbenen deutschen Soldaten wird mit 70 beziffert, von denen 42 Todesfälle auf „Fremdeinwirkung“ – also Bombenanschläge oder Raketenbeschuss – zurückzuführen sein sollen. Häufigste Todesursache ohne Fremdeinwirkung sind Unfälle, die sich bei Ausübung des Dienstes ereignen.

Am 14.10.1993 wurde der 26 Jahre alte Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt in Phnom Penh / Kambodscha auf offener Straße erschossen. Offiziell gilt er als erster toter Bundeswehrsoldat im Auslandseinsatz.

Statistik über die Anzahl der Selbsttötungen in den Jahren von 1957 bis 2012 Im Jahr

2012 gab es 24 Suizide in der Bundeswehr (statistica.com) Seit dem Jahr 1957 haben sich insgesamt 3506 Menschen innerhalb der Bundeswehr das Leben genommen, die meisten davon in den 70er- und 80er Jahren.