Micha Farina, 51 Jahre, Geschäftsführer eines Kulturhauses

Micha. Der Mann, der alles kann. So nenne ich ihn. Findet er gar nicht so gut. Ist aber passend. Sicher ist: Er ist ein erstaunlicher und ziemlich langhaariger Mensch, mit keiner Angst vor nix und Selbstbewusstsein für zehn. Er ist kein Gentleman, kein Südstadtsnob, kein Schönling, und trotzdem kriegt er alle Frauen, die er will. Sagt er zumindest. Aber wie das?

Wir sitzen in seiner Küche, er rattert einen Kaffee nach dem anderen durch die Kiste, irgendwann taucht eine Frau mit Kind auf. Seine Frau? Sein Kind? Keine Ahnung.

Die Wohnung ist groß. So groß, dass man zwangsläufig neidisch wird. Jugendstil mitten in Köln. Südstadt. Zweihundertdreißig Quadratmeter. »Eher Berliner Style«, sagt Micha, und so billig, das würde ich gar nicht wissen wollen. Ich erfahre es dann doch, behalte es aber für mich. Das will wirklich niemand wissen. Im Keller habe er angefangen, sagt Micha, vor zehn Jahren, ganz klein, Stück für Stück das Nachbarhaus saniert, bis nichts mehr zu machen war. Er sei hier der Hausmeister und Hausverwalter und lebe mit einem fünfundzwanzig Jahre alten Mietvertrag. Glück gehabt. Doch was ist schon Geld? Micha braucht’s eh nicht. Er hat’s. Jedenfalls wenn er es braucht. Väterlicherseits Sohn eines Bankers mit Kontoerbe zur Sicherheit und mütterlicherseits Sohn mit schwedisch adligen Vorfahren und kulturellem Input. Braucht aber kein Mensch, findet er. Beides. Er hat es immer auch ohne geschafft.

Er führt mich herum. Zottlig. Gammlig. Schlurfend. Doch wie durch ein Schloss. Seit Neuestem besitzt er per Durchbruch sogar noch einen Atelierraum, den er eigens entrümpelt hat. Ehemalige Glasmalerei, Kirchenfenster, und zusätzliche fünfundsechzig Quadratmeter für . . . Nein, auch das will keiner wissen. Jedenfalls genug Platz für alles, zum Beispiel für ein Theaterstück, das demnächst hier gespielt werden soll. Keine Frage: Mag Michas Auftritt kapital betrachtet der Underdog sein, in allen äußeren Dingen denkt er doch in großen Dimensionen. Dutzende Berufe hat er ausgeübt, sagt er, in ganz viele Felder Einblicke erhalten, sei hoch spezialisiert, habe aber nie etwas gelernt. Ein Autodidakt. Ein Mann, den man an drei Stellen gleichzeitig in der Stadt treffen kann. Glaubt man zumindest manchmal.  Er sagt: »Wenn ich etwas will, dann entwickle ich einen großen Ehrgeiz, bin zäh, ausdauernd und nicht sehr schnell zufriedenzustellen.« Ein Beweis dafür sind seine  Matchboxautos. Zumindest zeigt er sie mir daraufhin. Für jedes Mal Spülen für seinen Bruder, sagt er, gab es ein Auto. Er habe dessen ganze Sammlung zusammengespült, zwei Jahre lang. »Alles Originale aus den Sechzigern und Siebzigern, sehr begehrte Stücke.« Und die Kiste, die wir hier sehen ist nur eine von vielen. Micha: Also ein beharrlicher Mensch. Und ein beharrlicher Mieter.

»Du mietest dich nicht ein«, sage ich daher, »du frisst dich einfach so langsam ran und öffnest hier in deiner Wohnung eine Tür nach der anderen, wo man nicht mit rechnet.«

»Genau«, sagt Micha. »Ich fange immer klein an, bin auch bereit, bei ganz beschissenen Konditionen loszulegen und, wenn ich mich ärgere, weil ich irgendwas nicht kann oder andere Leute mir ein X für ein U verkaufen, dann lerne ich alles. Das Schlimmste für mich ist, machtlos zu sein.«

Natürlich ist das mit Michas Frauen nicht andes. Auch hier habe er alle für sich nur denkbaren Türchen geöffnet und ist freilich von demselben Ehrgeiz und Jagdinstinkt getrieben, viel Unterschiedliches zu erwerben und kennenzulernen. Seine Waffen dabei: ebenso Beharrlichkeit, Spürsinn und Furchtlosigkeit. All das kann man freilich nur entwickeln, wenn man die unsinnigen Projektionen, Konventionen und Idealvorstellungen der Jugend hinter sich gelassen habe, sagt er. Denn romantische Liebe habe nichts mit wirklicher Liebe zu tun. Liebe beginne erst da, wo man sie nicht mehr kontrollieren könne, wo sich eine Eigendynamik entwickle und sich auch kein Abgleich mit irgendwelchen Vorstellungen mehr fände. Und damit umzugehen, das muss man natürlich erst lernen. »Da kann man tausendmal Werther lesen, das bringt nichts, denn ohne die eigene Erfahrung ist das sinnfrei.«

»Wann also war die erste große Geschichte?«

»Mit zwanzig«, sagt Micha.
»Endete dramatisch?«
»Nee, hat sich ausgelaufen.  Außerdem hat die Zukunftsperspektive gefehlt.«
»Und dann?«
»Dann hat es erst mal noch ein paar Wiederholungen von dieser ersten Liebe gegeben.« Rein äußerlich, weil: »Never change a running system.« Heißt: schwarze lange Haare. Sinnlicher Typ, sehr madonnenhaft, aber gleichzeitig auch brandgefährlich. Aber man kann ein Modell nicht eins zu eins wiederholen. Das taugt nichts. Also erst mal Pause. Längere Pause. Oder Pausen. Wichtig fürs Mentale. Sagt er. Für ihn auf jeden Fall. Und dann ging’s richtig los. »Dann hatte ich mehrere feste Freundinnen gleichzeitig in einem Haus, und noch eine unbekannte Zahl von Gelegenheitsaffären. Das war eine sehr gute Zeit, sehr spannend.«

Aha, sage ich ein ganzer Harem für Micha. Und lache. Bezweifle jedoch, dass das nun Liebe oder gar Romantik sei. Doch Micha sieht das anders. Er sagt:

»Es ist doch viel romantischer, geliebt zu werden, wenn man weiß, für das Gegenüber ist es schwierig, als wenn man quasi erste Wahl für jemanden ist.«

»Keine Eifersuchtsszenen?«

»Doch, klar«, sagt Micha, das komme immer wieder vor. Normal, gehöre zum Leben dazu. »Na und? Zickenalarm.«

Für den Fall gibt es aber Plan B. »Es ist wichtig, dass es immer mindestens drei Frauen sind«, erklärt Micha darum. Mit zweien allein funktioniere das nicht. »Weil zwei können sich absprechen, und wenn die sich miteinander verbrüdern, grenzen die dich überall aus.«

»Haben die dann auch andere Männer?«, frage ich.

Früher, als er wirklich nach Belieben die Schlafzimmer gewechselt habe, sagt er, hätten die Frauen auf jeden Fall noch andere Männer gehabt. »Und heute? Ich weiß nicht so genau. Ich sag mal Nein.« Er lacht.

Doch diese Art, mit Frauen zu leben, fährt er fort, sei inzwischen nur noch ein Programm, das er im »Notfall« einsetzen würde, einfach, um sich vor jeglichem Stress zu bewahren. Schließlich sei es für niemanden gut, wenn er sich dazu hinreißen lasse, ein Drama auszupacken. Die ganze Rumstreiterei bringe auch gar nichts, meistens würde man sich nur dabei verletzen und enttäuschen. »Deswegen habe ich keine Lust drauf, alles bis zum Ende auszudiskutieren. Ich weiß, wann ich meiner Wege gehe und wann die Wogen sich von allein wieder glätten. Ich versuch, die Menschen nicht zu ändern.«

»In so einem System braucht es viel Toleranz«, sage ich.

»Ja sicher,« antwortet Micha, aber was gehe im Leben schon ohne Toleranz? Wenn Intoleranz Einzug in den Alltag erhalte, dann sei das ein Dominoeffekt. »Ich gehöre zu den Leuten, ich kriege an der Supermarktkasse was geschenkt, ich kriege im Computerladen was geschenkt. Ich bin noch nicht mal besonders freundlich, wahrscheinlich sage ich sogar nichts. Trotzdem bekomme ich ständig irgendwelche Vergünstigungen, wo andere Leute sagen: Hä? Warum wird der an der Kasse durchgewunken, warum kriegt der ständig einen Kaffee irgendwo ausgegeben, obwohl jeder weiß, der hat selbst einen dicken Laden?«

»Das ist doch eine Sache der Haltung.« Man könne sich von allem frei machen. Von der Zeit, vom Geld, von Konventionen und von schlechten Gedanken. Wenn einem das gelänge, käme alles wie von selbst auf einen zu. Also auch die Frauen.

Ich würde das ja verstehen, sage ich, aber sein Back-up-Modell klinge trotzdem nach: Ich lass nichts richtig an mich rankommen.

Das sei völlig falsch, erwidert Micha. Er lasse es nur nicht dazu kommen, dass man Dinge kaputtmacht, sich also unnötig verletze. Im Grunde empfände er auch dann am meisten Liebe, wenn er etwas bekomme und gar nicht wisse, warum. Vielleicht auch, wenn er denke: Das habe ich gar nicht verdient. »Wenn ich mir für jemanden den Arsch aufreiße, und der gibt mir dafür was zurück, hm, toll, okay.« Das sei genauso, wie sich für viel Geld ein teures Auto zu kaufen. Drei Sekunden mache das Spaß, und in der Sekunde vier müsse das nächstgrößere Auto her. Darauf beruhe ja auch das kapitalistische System.

»Die konventionelle Mann-Frau-Beziehung ist eine gesellschaftliche Form, die sich aus gesellschaftlichen Aspekten heraus entwickelt hat«, sagt Micha. Und das andere sei eine Wahrnehmungsform. »Und wenn aus der Wahrnehmungsform eine Zweierbeziehung wird, nichts dagegen. Wunderbar. Das hatte ich ja über große Zeiträume.«

»Aber es gibt kein Versprechen.«

»Nee, absolut nicht.« Versprechen erzeugen das Gegenteil. Leute, die sich die Treue versprächen, drängten sich in die Untreue. »Ist ein Gesetz, könnte ich jetzt nachweisen, wie Mathematik. Es erzeugt Druck, und jede eingehaltene Erwartung erzeugt automatisch einen gewissen Gegendruck, und irgendwann hat der Gegendruck eine solche Kraft erreicht, dass er sich ein Ventil sucht.«

»Noch mal zu deinen Frauen«, sage ich. »Welche Art von Beziehung bevorzugst du heute?«

»Ein Mischmodell aus allen.«
»Und was ist das beste?«
»Keines und alle«, sagt Micha. Keines habe sich alleinig durchgesetzt, und keines sei ad absurdum geführt worden. Wenn man bestimmte Dinge mal in einem positiven Zusammenhang erlebt habe, sei man gar nicht mehr in der Lage, die komplett wegzuradieren. Auf jeden Fall aber: »Das klassische Modell ist mir zu langweilig, zu banal.«

Es sei nicht ausgeschlossen, aber er habe nicht den Anspruch es zu leben. Außerdem: Wo bliebe dabei der Reiz des Eroberns? Früher, in der Jugend, sagt er, hätten sie überlegt: »Boah, was müssen wir machen, um die oder die Frau rumzukriegen?« Er hat dann angefangen, mit den anderen darum zu wetten. Im fortgeschrittenen Alter ist er dazu übergegangen, statt mit den Kumpels, mit den Frauen selbst darum zu wetten. »Und ich habe alle Wetten gewonnen. Selbst wenn es vierzehn Jahre gedauert hat.«

»Du musst immer gewinnen«, sage ich.

»Nee.«
»Aber du musst die Dinge rausfinden.«
»Ich muss die Dinge rausfinden. Es geht nicht ums Gewinnen, es geht um den Weg. Welcher Weg führt dahin? Es geht um die Logik des Weges. Und nicht um das Ziel.«

»Das Prinzip, das du lebst, ist ja ein großes Freiheitsprinzip«, sage ich. »Unbedingt«, erwidert Micha.
»Aber Freiheit hat ja auch einen Preis, eine Gegenseite. Man muss sehr mit sich selbst eins sein können.«
»Ja, es muss auch ohne Frau gehen.«
Könne er auch. Habe er auch getan. Viele Jahre. Wenn man mit sich selbst nicht klarkomme, sei auch keine gute Beziehung möglich. Sonst sei es eine Abhängigkeit. Oder anders gesagt: »Eine besondere Qualität von Liebestötung.«

Er, Micha, bevorzugt ein Zusammensein, das ihn jeden Tag fordert, bei dem jeden Tag irgendetwas passiert, etwas, was das Potenzial in sich trägt, ihn aus der Bahn zu werfen. Für ihn reine Trainingssache. „Man darf nur nicht ängstlich werden und aus der Übung kommen.« Dann würde es beginnen wehzutun.

»Dieses „geht nicht“ kenne ich einfach nicht, und als Wintergeborener bin ich außerdem in der Lage, die nötige Geduld aufzubringen, auf schönes Wetter zu warten.«

Und was die Frauen betrifft: Sein Bonus bei den Frauen läge vermutlich in seinem natürlichen Umgang gepaart mit anscheinendem Desinteresse.

Aha, ein Taoist also, denke ich. Und frage: »Meinst du, es würde funktionieren, wenn alle so leben wie du?«

»Auf lange Sicht, ja«, glaubt Micha. Vielleicht entwickle sich das Ganze ja dahin. Weg von dem Pyramidensystem zum Parallelsystem, schließlich würden wir heute in einer Zeit leben, in der statt Standesstrukturen Kompetenzstrukturen entscheiden würden.

»Aber für was ist der Mensch denn gemacht?« Ich bin immer noch nicht überzeugt.

»Frag deine Gene«, sagt er. »Du hast Gene. Die genetischen Programme heißen Arterhaltung, Fortpflanzung.« Mehr sei in der DNA nicht eingetragen.

Ach, die DNA, nun sind wir wirklich weit von der landläuufigen Vorstellung von Liebe entfernt. Sollte es für Micha wirklich gar keine Vorstellung von großer Liebe geben? Hm, Micha? Die große Liebe?

»Die große Liebe?« Micha lacht. »Wie viel Meter sollen’s denn sein? Geht das auch in Kubik?«

»Trotzdem«, beharre ich, »liegt es im Bereich des Möglichen, dass du formulierst: Du bist meine große Liebe

»Ja, sicher. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Was willst du hören?«

»Die große Liebe hat was Einzigartiges.«
»’ne kleine Liebe kann auch einzigartig sein.«

Micha kippt sich den hundertsten Kaffee hinter die Binde und fährt fort: Würde man immer nur nach der einen großen Liebe suchen, würde einem ganz viel dabei entgehen. Er halte das für wenig sinnvoll. Und lässt mich zappeln. Mich, mit meiner großen Liebe. Deswegen frage ich noch einmal, so als könnte ich die gewünschte Antwort aus ihm herauspressen, ich weiß, so ein Quatsch, trotzdem:

»Und du hast nicht vielleicht doch insgeheim den Wunsch, dass es DIE eine Frau gibt, die alles in sich vereinen kann?«

»Ich bin kein Maler.« Micha grinst. »Mein Hang zur Selbsttäuschung ist nicht groß genug.«

Okay. Dann halt keine große Liebe bei Micha. Ich gebe auf. Und er lenkt ein: Gut, sagt er, es läge schon im Bereich des Möglichen, aber er würde sich nie darauf ausruhen. Hätte er tatsächlich so ein Gefühl für eine Frau, würde er das erst mal hemmungslos ausleben, wüsste aber auch, dass das nicht länger als drei Monate so bleiben könne. Lasse sich hormonell nachweisen, dass das nicht funktioniere. Die Vergänglichkeit solch großer Momente sei aber keineswegs tragisch. Im Gegenteil, sie gäbe ihm Energie und sei die Voraussetzung dafür, dass er jeden Morgen aus dem Bett getrieben werde.

»Was war denn deine längste Beziehung?«, frage ich.
»Vielleicht mal so drei, vier Jahre. Hier mit meiner Mitbewohnerin drei Jahre.«
Aha, die Mitbewohnerin mit dem Baby, aber nicht seinem Baby.

»Welche Optik bevorzugst du denn inzwischen?«
»Es gibt nicht mehr den Typ.«
»Hat sich das nach innen verlagert?«
»Ja.«
»Der Charakter der Frauen?«
»Nee, auch nicht. Situativ. Es sind die Situationen, die entscheiden.

Dass ich mir eine Freundin nach Charakter ausgesucht habe, das war zu Schulzeiten. Das funktioniert nicht. Wie war das: Mit inneren Werten kann man nicht ins Bett gehen.«

Schon klar, das war die falsche Frage. Aber nun: die Gretchenfrage, die ultimative Schlussfrage:

»Hast du das Gefühl, dass du alles gekriegt hast?«

»Ja«, sagt Micha. »Im Prinzip bin ich sogar weit darüber über hinaus.« Es gab auch die klassischen Dinge, Haus bauen, Kinder kriegen, Baum pflanzen, alles schon da gewesen. Nun müsse er die Dinge finden, die er nicht kenne, von denen er nichts weiß. Darum gehe es jetzt. Die Bonusrunden. »Ich bin auch nicht mehr neugierig, ich will die Dinge einfach geschehen lassen.« Aber sich die Naivität für jeden Tag zu bewahren ist gar nicht so leicht. Darin sei er tatsächlich schon besser gewesen, doch:

»Ohne Naivität würde alles nicht schmecken, wäre alles kalter Kaffee.«

Und Michas Leben kalter Kaffee? No way!
Im Gegenteil: »Es ist eine ganz entspannte Situation.«

Und darauf trinkt er noch einen. Einen heißen Kaffee.

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