Horst Beste, 60 Jahre, Gemüsehändler und Gründer eines Kinderdorfes in der Mongolei

Ein Tag vor Ostersonntag. Ich bin etwas aufgeregt, unterwegs zu Horst Beste, einem Sauerländer. Die reden doch nicht viel. Sagt man. Was das wohl gibt? In drei Tagen fliegt er in die Mongolei, sagte er am Telefon, zu seinen dreißig Kindern. Ich habe also gerade noch Glück, dass ich ihn erwische.

Wir treffen uns bei ihm zuhause: Gründerzeitvilla neben Aldiparkplatz. Ich drücke die Klingel. Und da stehen sie auch schon. Herr und Frau Beste mit Hund. Herr und Frau Beste, bescheiden, freundlich. Der Hund überschwänglich. Und das Haus sich vor mir öffnend wie eine Schatzkiste. Ein kunterbuntes Sammelsurium von irgendwie allem und so verlebt wie mehrere Generationen Pippi Langstrumpf. Ein Haus voll Herz und ich erwäge, wenns mit den Bestes nicht zu lange dauert, das Haus im Anschluss zu interviewen, frage mich zugleich, ob auch Häuser sauerländisch sein können, also wortkarg, glaube nein, denn das Haus kommt mir geschwätzig vor.

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©️SimoneHarre

An den Wänden stehen riesengroße Heizkörper von anno dazumal, mit Relief und eingelassener Kammer zum Warmhalten von Speisen. Über mir hängt ein Deckenlüster, so alt wie das Haus und gespickt mit rosafarbenen Schirmchen. Passend dazu rosafarbener Stuck an der Decke. „Wenn schon, denn schon“, sagt Frau Beste etwas verlegen, verabschiedet sich direkt von mir und lässt mich mit ihrem Mann alleine. Sie will ihm nicht ins Wort fallen, sagt sie. Ins Wort?

Wir nehmen am Küchentisch Platz. Das Haus versucht sich zurückzuhalten, manchmal tuschelt es leise. Der Hund wird weggesperrt, zu hyperaktiv, liegt vielleicht an den langen Schlappohren, und ich baue das Aufnahmegerät auf. Es kann losgehen.

Horst Beste ist etwas nervös. „Was das wohl gibt?“ Er meint das Interview. „Ich bin eigentlich kein Redner!“ Ohje, denke ich noch, schiele zu den Hauswänden, zum Hundekorb. Doch ehe ich mich versehe, sind wir auch schon mitten in der Mongolei, in der Geschichte eines Mannes, der in die weite Welt zog, weil er helfen wollte. Doch mal von Anfang an.

Horst Beste ist das Kind einer Geschäftsfamilie. Obst- und Gemüsehandel. „Jede Woche haben wir zwei Vierzigtonner Obst umgesetzt, das ist eigentlich einmalig in Deutschland“, sagt er. Ungefähr stolz. Nur leider hat ihn das niemals interessiert, „aber irgendwo wächst man da rein oder wird rein gezwungen, also Geschäftsmann bin ich in der Regel gar nicht.“ Wurde er aber trotzdem. Und wie die Eltern: Arbeit vor Privatleben und „Hochzeit an einem Montag, weil das der schlechteste Tag im Geschäft war.“ Bis er merkte: „Nee, so willst du das nicht mehr.“ Würde er Kinder kriegen, müsse das künftig anders laufen. Für seine Eltern war das schwierig zu verstehen gewesen. Gemacht hat er es trotzdem. Den Gemüsehandel betrieb er dennoch weiter wie gehabt. Sogar ziemlich erfolgreich. Mit siebenundzwanzig Jahren kam die nächste Veränderung: „Wir haben wir uns beide zum christlichen Glauben bekehrt.“ Bis dahin war seine Einstellung gewesen: „Die Christen brauchen ihren Jesus so wie der Kaninchenzüchter seine Kaninchen braucht.“ Religion ist Unsinn. Und: „Wenn ich tot bin, bin ich tot.“ Kirche war out. Es war die Zeit der Hippies und indischer Gurus. „Aber ich musste auf die Stimme in meinem Herzen hören“, sagt er. „Und leicht war es nicht.“ Das Leben der Bestes änderte sich radikal, sie gehörten nicht mehr dazu und manche wollten ersz gar nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Ansonsten lief alles wie gehabt weiter. Außer, dass Horst Beste begann Hilfsgütertransporte zu fahren.

Die erste Gelegenheit dazu bekam er 1980 . Dies war, würde er rückblickend sagen, sogar die eigentliche Grundsteinlegung für seine spätere Berufung gewesen. Es ging nach Polen. „Zu einer Zeit, als dort keine Pkws fahren durften, nur Militärautos, Hilfsgütertransporte und behördliche Fahrzeuge.“ Eine fremde Welt offenbarte sich ihm. Eine arme Welt. „Ich sah zum ersten Mal die riesigen Schlangen vor den Geschäften stehen“, erzählt er und fuhr und fuhr und irgendwann war er mit dem kleinen Lieferwagen auf einer einsamen Straße. „Und auf einmal stand da auf dem Weg ein Junge. Der winkte bloß. Der wollte nichts haben, bettelte nicht, war nicht arm. Der stand einfach da und winkte bloß.“ Und urplötzlich kamen Horst Beste die Tränen. „Dreißig Jahre war es bestimmt her, dass ich nicht mehr weinen konnte und jetzt musste ich auf einmal anfangen zu weinen.“ Er fuhr weiter, er konnte nicht halten, aber er merkte, dass sich in ihn etwas verändert hat.

„Dass ich in diesem Moment eine besondere Liebe bekam, eine Liebe gerne mit Kindern zu arbeiten.“

Doch zunächst blieb dies im Unterbewussten und auch sonst alles beim Alten. Der Gemüsehandel zog gerade so richtig an. Die Familie wuchs. Das zweite Kind war geboren. Alles lief gut. Nur nachts, wenn er mit seinem kleinen Gemüselaster unterwegs war und von großen Lkws überholt wurde, träumte er von einem großen Lastzug, einen mit einer amerikanischen Schnauze vorne dran. Den hätte er gerne gehabt, sagt er. Und den bekam er. Zwar erst 1989, aber er kam. Es ar das Jahr als Horst Beste mehr aus Spaß den Sattelzugführerschein gemacht hatte.

„Ich sehe das einfach mal von Gott gegeben“, sagt er, „Gott gibt dir diese Sachen, aber er braucht das dann für auch für sich.“ Und weil Gott seine Geschenke für sich braucht, begann Horst Beste von da an häufiger Hilfsgütertransporte zu fahren. In ganz Osteuropa war er dafür unterwegs. Nicht immer verliefen die Transporte reibungslos. Einmal flog er in Polen aus der Kurve und fuhr seinen Sattelzug zu Schrott. Ein anderes Mal meisterte er mit einem platten Reifen und selbst gebastelten Schneeketten eine winterliche Fahrt durch die Kaparten nach Albanien. So weit so gut. Nur so richtig viel hatte sich nicht geändert und das Kind am Straßenrand winkte schon vor langer Zeit. Das entging auch Horst Beste nicht und daher entschied er, den Gemüsehandel endgültig aufzugeben. Das war im Jahr 1995.

„Ich habe gesagt, jetzt habe ich genug Geld verdient. Das ist bei den meisten Obsthändlern so. Wenn Sie da einen mit siebzig noch auf dem Wochenmarkt herumstehen sehen, der hat meist drei Häuser oder irgendwas, der braucht das nicht, aber das wird dann so eine Sucht…“

Also formulierte Horst Beste folgende Ansage: „Ich will für den zweiten Teil meines Lebens etwas anderes.“ Der zweite Teil begann damit, dass wieder alles beim Alten blieb und er einfach weiterhin Hilfsgütertransporte fuhr. „Ich war bis in der letzten Ecke von Sibirien hinten und 1996 bin ich dann in die Mongolei geflogen.“

Die Mongolei. Na endlich. Horst Bestes Zukunft. Sein neues Traumland. Ganz klar. Beginnt jetzt die Geschichte vom großen Glück? Nein, noch nicht. Die erste Begegnung war alles andere als ansprechend gewesen, lacht Horst Beste.

„Wir kamen dahin und die Leute sagten: Ihr habt gutes Wetter mitgebracht. Ich sagte: Gutes Wetter? Bei vierzig Grad Minus? Ja, gestern hatten wir noch sechzig Grad. Da wäre ich wirklich bald erfroren und habe auch gesagt: Lieber Gott, wenn du mich mal wirklich irgendwo hinschickst, dann bitte nicht da hin wo es so kalt ist.“

Aber Gott hatte ja seit dem Sattelschlepper einen eigenen Plan und fand es dort offenbar nicht kalt genug. Zumindest lag Horst Bestes Schicksal von da an bereits in trockenen Tüchern. „Man hört so etwas ja schon mal aus Missionarsbüchern“, sagt er, „aber als ich den Boden der Mongolei betrat, da fing mein Herz zu brennen an.“

Es war damals Horst Bestes erster Besuch in Asien gewesen. Er war überwältigt von den vielen fremden Eindrücken und sah zugleich die Not auf den Straßen. Anfangs war er dort mit einer Organisation, die sich um Straßenkinder kümmerte, aber deren Arbeit entsprach nicht seiner Vision von Hilfe. Viele Gedanken gingen ihm nun durch den Kopf, vor allem diese:

„Mit fünfzig hat man einmal die Chance, danach gibt es keine zweite mehr, dann holt einen irgendwann das Alter ein.“

Der polnische Junge am Straßenrand, jetzt erinnerte er sich wieder. Helfen, das war sein Wunsch. Nur wie?

Drei Wochen blieb er in der Mongolei, ertrug tapfer die Minusgrade und als es wieder nach Hause ging, wusste er: „Och Mensch, wenn du nicht verheiratet wärest, dann bliebst du jetzt hier.“

Horst Beste begann zu träumen. Träume, die von Zweifeln unterwandert waren und immer wieder Gott fragend. „Wenn ich einen Platz in Rumänien gekriegt hätte, das wäre so einfach gewesen. Für mich auch, vom Organisatorischen her, aber warum ausgerechnet die komplizierte Mongolei?“ Horst Beste schüttelt den Kopf. Er weiß es nicht. „Ich bin auch kein Sprachgenie und ich mag kein Fett und in der Mongolei, da gibt es das Wort Vegetarier nicht.“ Nein, die Mongolei war nicht wirklich eine gute Idee. Ganz rational betrachtet. Fand er und hatte fast schon damit abgeschlossen, mongolische Kinder glücklich zu machen, als seine Frau auf einmal kundtat: „Ein Leben in der Mongolei? Doch ja, warum eigentlich nicht?“ Mal schauen, für ein Jahr erstmal? „Und dann merkte ich: Aha, die Geschichte geht irgendwo weiter.“

Drei der Kinder waren schon aus dem Haus, das vierte Kind, ein Sohn, nahmen die Bestes einfach mit. Aus einem Jahr wurden viele. In einer Wohnung auf dem Land. In der Nähe der Hauptstadt Ulan Bataar.

Aber das Leben als Deutsche in der Mongolei ist schwierig. Allein die Wege einer umständlichen Bürokratie, besonders für Ausländer, machen die einfachsten Dinge schwierig. Nichts desto trotz hatten die Bestes ein klares Ziel: Ein Heim für Kinder. Statt wie andere in die Rente, investierte Horst Beste sein über Jahrzehnte angespartes Geld in den Bau von Kinderhäusern. Man dürfe allerdings nicht glauben, das sei eine billige Sache. „Die Häuser in der Mongolei sind genau so teuer wie hier“, sagt er. Und immer wieder war das Projekt finanziell und bürokratisch bedroht. Immer wieder haderte er mit Gott. Immer wieder wollte er aufgeben und das hätte er sicher auch getan, wäre das Projekt, das er aufgebaut hat, ein einfacher Sozialdienst gewesen. „Aber ich baute ja ein Heim für Kinder“, sagt er. „Und die Kinder sind heute mein Grundbegriff für Glück.“ Das sprach sich auch in der Mongolei schnell herum. „Die Bauarbeiten waren gerade abgeschlossen gewesen“, erzählt er, „da bekamen wir einen Anruf von einem anderen Werk.“ Am Telefon hieß es, man hätte da eine junge Frau mit ihrem Baby bei sich. „Und entweder die beiden würden verhungern oder das Kind müsse in ein Waisenhaus gebracht werden.“ Die Bestes konnten nicht anders. Sind hingefahren und haben das Kind geholt. Nach zwei Tagen sind die Mitarbeiter, welche das Kind eigentlich betreut hatten, einfach weggefahren, ohne Baby. Was Horst und Kalla Beste machten? Man kann es sich denken: sie adoptierten es kurzerhand. Lieb gewonnen hatten sie es längst. „Wir sind jetzt Mama und Papa für sie, andersrum auch Opa und Oma.“ Inche, so heißt das Mädchen, ist damit das fünfte Kind der Bestes. Kinderziehung seit vierzig Jahren. Enkelkinder haben sie auch schon.

Inzwischen wohnen die Bestes schon lange wieder in Deutschland. Inche ist ein deutsches Kind. Der Gedanke, ihre eigentliche Heimat in der Mongolei zu wissen, befremdet sie. Ihre Mutter hat sie einmal kennengelernt. Unwillig. Sie gehört nur Horst und Kalla. „Wir ziehen demnächst weg hier, in eine alte Fabrik“, erzählt darum Horst Beste. „Beim Einrichten der neuen Wohnung sprach ich mit Inche ab: Wo machen wir jetzt die Heizung in deinem Zimmer hin? Da sagt sie: Hier vorne am Fenster. Ich sage: Wieso willst du die denn dort haben?- Damit mir nicht so kalt ist, wenn ich auf dich warte und aus dem Fenster schaue.“ Das, so Horst Beste, seien so Dinge, wo er sagen kann:

„Das ist wirklich Glück. Du weißt, jemand wartet auf dich.“

Und das Schöne ist, auch in der Mongolei warten die Kinder auf ihn. „Nicht, weil ich jetzt Schokolade mitbringe, sondern weil wir einfach eine Beziehung haben. Wir haben ja mit den Kindern quasi zusammen gelebt.“ Und zwar sieben Jahre. Sieben lange Jahre, um heimatlich zu werden. „Die Mongolen sagen zu uns inzwischen: Sie sind einer von uns. Und dann merkt man, man hat irgendwo ein Stück vom Land gewonnen.“ Auch:

„Man sage ja schon mal: Ich liebe das Land. Aber es gehören immer zwei Sachen dazu. Das Land muss dich auch lieben.“

Und auch die Kinder müssen die Bestes lieben. Mit zehn Kindern aus anderen Kinderheimen hatten sie angefangen, Kinder, die niemals draußen gewesen waren. „Wie Hühner in einer Legebatterie!“ Oftmals habe er ihnen erst einmal zeigen müssen wie man durch den Schnee stapft. „Landmongolenkindern das Land zeigen! Wie absurd das ist!“ Später bekamen sie auch Kinder von der Straße, die verwildert und ausgezehrt vom Hunger waren. Und einmal wurde ein Mädchen voller zusammengewachsener Knochenbrüche zu ihnen gebracht. Misshandlungen durch den Vater. Doch zäh wie die Mongolen sind, hat sie sich schnell eingelebt, Tanzunterricht genommen und ist aufgeblüht. „Das sind Momente, die sind so schön“, sagt Horst Beste und zeigt mir Photos von einem bildhübschen frohen, jungen Mädchen in Tanzkostümen. Die stete Nähe von Leid und Glück in einem erfuhren sie auch als ein anderes Mädchen um ein Haar an einer Lungenentzündung gestorben wäre.

Das Krankenhaus verweigerte ihre Aufnahme. „Sie sagten dort, die stirbt sowieso und danach stehen wir in der Statistik noch schlechter da, deswegen soll sie zu Hause sterben.“ Da die Bestes der Leukämiestation regelmäßig Sachen mitbrachtenn, haben diese sich dann für das Kind eingesetzt und den Ärzten gesagt: So, die müssen wir durchbringen. Horst Beste erinnert sich noch genau an den Tag, da das Mädchen aus ihrem Delirium wider Erwarten erwachte. Sie stand am Fenster des Krankenzimmers: “Ist ja alles isoliert in der Mongolei-, und über Handy haben wir gefragt, was sie sich jetzt wünscht. Sagt sie: Einen Apfel und was Schönes zu Trinken.“

Für Horst Beste sind die Kinder dort wie seine eigenen und er ist sich sicher: „Sie sind glücklich.“ Sein Konzept ist: „Die Kinder müssen sich eingebunden fühlen. Sie müssen fühlen, das ist mein Zuhause, der hört mir zu.“ Und nicht, dass er sage: „So, ich komme jetzt mit einem großen Laster hier hin und schütte das mal in das Land rein.“ Das hätten sie in Rumänien gemerkt, später, wo man dort schon nicht mehr auf Hilfe angewiesen war. „Da sagten die uns: Die waschen Ihre Sachen gar nicht mehr, die wissen, nächste Woche kommt sowieso wieder ein Lastzug mit neuen Sachen. Die werden direkt in den Wald geschmissen.

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©️SimoneHarre

Und wichtig an der Arbeit mit den Kindern in der Mongolei sei auch, dass man ihre Tradition zu achten und zu wahren wisse. Daher gibt es für die Kinder beides: Schulbildung und Kurse in der Stadt. Und sommerliches Leben auf dem Land. Dann wohnen sie in den mongolischen Rundzelten, müssen die Kühe sauber machen, melken, Käse machen, Dung sammeln, reiten und all die Dinge tun, die ein Landmongole so zu tun hat.

Das klingt alles wunderbar, aber „Nächstenliebe alleine macht nicht satt.“ Das weiß auch Horst Beste. Vieles muss bezahlt werden, um ein Kinderheim am Laufen zu halten. Zweimal im Jahr müssen die Kinder zum Beispiel komplett neu eingekleidet werden. In Indien, sagt er, sei das einfach, da reiche ein Hemd und ein paar Sandalen, in der Mongolei brauche es mehr. Manchmal werden die Kinder krank und Medikamente sind teuer. Auch Schulsachen wie Hefte und Bücher müssen bezahlt werden. Am Anfang lief das noch ganz gut, doch das Geld, das die Bestes investiert hatten, begann sich allmählich aufzubrauchen. Das Projekt drohte in finanzieller Not zu versinken. „Wir merkten, wir müssen jetzt auf Spenden zurückgreifen.“ Und es sei eine andere Sache als bei den SOS-Kinderdörfern, wo das Geld von ganz alleine zusammen kommt. „Bei uns“, sagt er, „orientiert sich das an unserer Person. Dass die Leute sagen, den kennen wir, dem vertrauen wir.“

Also ging es wieder zurück nach Deutschland. Und nun pendeln sie, vor allem Horst Beste, von hier nach dort, beschäftigt mit Beschaffen von Geldern.

Wie er das alles macht?

„Mein Geheimrezept ist mein Glauben. Ich will das jetzt auch nicht zu fromm sagen. Aber der Glaube lässt mich nach vorne blicken.“

Wenn die Kinder in der Mongolei Mitte zwanzig sind, spekuliert er, dann bin ich achtzig, „und das will ich noch sehen. Das spornt mich an. Die nächsten zwanzig Jahre werde ich noch erleben. Ich weiß einfach, dass Gott uns diese Zeit auch geben wird.“ Und deswegen:

„Ja, ich bin glücklich. So ohne viele Worte.“

Fast wunschlos, nur einen kleinen Traum hat Horst Beste noch.

„Ich möchte ganz gerne mal wieder Cabriolet fahren.“

Altes Leben, neues Haus…und wie es weiterging- Anderentags:

Weil Horst Beste dann doch ganz schön viel erzählt hat, kam es doch nicht mehr zu einem anschließenden Interview  mit jenem wunderbaren, uralten, geschwätzigen Haus. Das ist sehr traurig, um so mehr, als es das Haus nun nicht mehr gibt. Es ist tot, könnte man auch sagen. Aber auch wieder nicht ganz. An seiner Stelle befindet sich heute ein trister Aldi-Parkplatz. Doch Aldi, das ist das Gute daran, hat den Bestes so viel Abfindung für die Räumung des Platzes gezahlt, dass sie anderweitig investieren konnten. Nun wohnen sie etwas weiter entfernt in einer neu ausgebauten alten Fabrik, die, man kann es kaum glauben, im Prinzip genauso aussieht wie das alte bucklige Haus. Die massiven Heizungen, die alten Deckenleuchter, sogar ein überaus historischer Kamin, den ein Schwarzwälder Kaminbauer in drei Monaten Arbeit restauriert hat, alles so wie zuvor. Nicht zu vergessen den künstlichen Stuck, in jedem Zimmer in jeweils anderen knallbunten Farben gewagt abgesetzt, und immer noch sagt Kalla Beste genant dazu: „Wenn schon, denn schon.“ Im Flur hängen Bilder von beiden aus allen Jahrzehnten. Eine Zeichnung von Horst Bestes Antlitz darunter. Ein Ei. Zwei Augen. „Bei mir ist das einfach. Verändert sich nichts“, lacht Horst Beste. Das Bett der Tochter Inche ein antiquares Stück mongolischer bunter Unterbau, sonst eher Neonlicht. Die riesigen hölzernen Türrahmen in den Durchgängen, liebevoll aus dem alten Haus abgetragen und neu eingefasst. Überall wird immer noch getüftelt. Völlig unprätentiös, unkonventionell. Eifrig, immer bodenständig. Man muss sich ein wenig die Augen reiben. Es ist wie ein kleines Schloss, immer noch so kunterbunt aus altdeutsch und gründerzeitdeutsch und irgendwie deutsch und zuguterletzt sogar umgeben von einer richtigen Schlossmauer, Steine des alten Hauses, hierher umgeschichtet. Alles Alte wurde wieder verbaut. Innen wie außen. Wie gesagt, das alte Haus, es ist noch da. Genau so wie der hyperaktive Cockerspaniel mit seinen durch die Luft schlingernden Schlappohren.

Was sich verändern wird: Einige der dreißig Kinderheimskinder in der Mongolei sind schon groß, in Ausbildung, im Beruf, manche gar verheiratet. Das geht jetzt Schlag auf Schlag so weiter. Horst Beste verfolgt diese Entwicklung weiterhin teils vor Ort, teils aus der Ferne und hofft, wenigstens diesen Kindern eine Basis für die Zukunft gegeben zu haben. Seine Initiative mit heimischer Unterstützung und vieler Paten für die Kinder hat sich inzwischen mit einer mongolischen Initiative zusammengeschlossen und wird, wenn Horst Bestes letzte Kinder flügge geworden sind, seinen Teil übernehmen und in seinem Sinne weiterführen.

Was dann noch fehlt? Vermutlich immer noch das Cabriolet.

©️ http://www.simone-harre.de

Der link zum Kinderdorf: http://www.kinderhilfe-mongolei.de/index.html