Ellinor Wohlfeil, 89 Jahre, Grundschullehrerin

Es ist ein furchtbarer Druck…eine Spannung, die mich innerlich zerreißt…ich möchte weinen, schreien, ich kann aber nicht. Manchmal gehe ich stundenlang spazieren, laufe, renne, nur um diesen Druck loszuwerden. Aber ich kann ihn nicht loswerden. Er ist immer da. Ich bin ihm ausgeliefert….und …ich habe Angst.

Das sind die ersten Worte aus Ellinor Wohlfeils Buch „Kein menschlicher Makel“ und es sind die ersten Worte in die Freiheit. Erst im hohen Alter und weit nach ihren seelischen Zusammenbrüchen, beginnt sie zu erzählen. Es ist die Geschichte einer Tochter eines jüdischen Vaters, ihres Lebens und ihrer Angst. Depressionen, sagt sie, haben sie stets seit dem Ende des zweiten Weltkrieges begleitet, dunkle Tage, von denen weder ihre Mutter noch ihr Mann etwas wissen wollten. Es gab keine Sprache dafür, kein Ventil. Als jedoch ihr Mann 1986 stirbt, bricht sich das jahrelang Zurückgestaute Bahn. Die Depression wird massiv und nicht mehr vom Alltag aufzufangen. Dramatische Situationen im Alter würden verdrängten, schlafenden Schmerz wecken, sagt Ellinor. Heute wisse sie das.

Damals war es ein Erwachen im Nebel.

Ellinor ist eine gebildete Person, extrem umtriebig, schreibt Bücher und hält Lesungen. Und, ich staune sehr: Sie hat nicht nur eine e-mail-Adresse, unter der sie zu erreichen ist,  eine homepage, die sie verwaltet, einen facebook-account, den sie zu bedienen weiß, sie hat vor allem eine leidenschaftliche Schwäche für e-books. Vor allem an Sonntagen, wenn die Läden geschlossen sind. „Ich guck im Internet und nach fünf Minuten kann ich mir eins auf meinen Reader runterladen“, sagt sie. „Also das ist toll.“

Es ist ein kalter Wintertag, da ich mich zu ihr auf den Weg mache. An der Bushaltestelle holt sie mich ab. Fröstelnd, doch freundlich und munter. Gemeinsam gehen wir zu ihrer Wohnung. Kaffee und Kuchen warten auf mich. Wir kommen schnell ins Gespräch. Sie erzählt mir von der Odyssee ihrer Buchveröffentlichungen. Die Buchhändler mochten ihr Buch, wollten es aber nicht, weil es zunächst bei BOD, Books on Demand, gedruckt war. Wollten sie auch nicht lesen lassen. Irgendwann habe Ellinor dann angemerkt, dass ihr das vorkomme wie in ihrer Jugend. „Da haben auch immer alle gesagt:

´Ja, du kannst alles, aber du darfst nicht mitmachen, dein Vater ist Jude.´

“Entweder das Buch sei gut oder nicht gut. Ellinor versteht das nicht. Ich nehme etwas vom Christstollen auf meinem Teller. Ellinor räkelt sich in ihren Stuhl. Ihr Vater, sagt sie, sei ein jüdischer Kaufmann gewesen, der 1921 bei seiner Heirat mit Ellinors Mutter zum protestantischen Glauben konvertiert sei. Die jüdischen Bräuche kannte Ellinor kaum. Zunächst wuchs sie wohl behütet in einem wohlhabenden Elternhaus auf, doch das antijüdische Klima, das bald immer neue Schilder und Verbote hervorbrachte, machte der sorgenlosen Kindheit früh ein Ende und wich einer ständig lauernden Bedrohung. Zuerst verloren sie ihr Hausmädchen, denn nach neuer Vorschrift durfte kein arisches Mädchen in einem Haushalt arbeiten, in dem ein jüdischer Mann zugegen war. Ellinors Mutter, zart und kränklich, musste fortan alleine für den großen Haushalt und Garten sorgen. Der Plan, nach Australien auszuwandern, scheiterte. Auch dort wehte ein antijüdischer Wind. Die Enteignung des selbständigen Betriebes folgte. Der Vater verlor alles und blieb doch zuversichtlich. Als Soldat hatte er sich im ersten Weltkrieg um ein Eisernes Kreuz 1. Klasse verdient gemacht. „Mir passiert schon nichts“, sagte er daher und täuschte sich. Am 9. November 1938, der Tag der Reichskristallnacht, wurde er verhaftet und ins Konzentrationslager nach *Buchenwald gebracht. Was war passiert? Ellinor wusste es nicht.

„Ich wusste auch nicht, was ist ein KZ. Hat mir auch niemand erklärt. Vater war eben nicht da. Vater war auch in den Jahren vorher unter der Woche nie da.“

Dennoch, sie weinte als sie von der Gefangennahme hörte. Die Mutter konnte sie nicht in den Arm nehmen. Dann, nach ein paar Monaten, kam der Vater wieder nach Hause. „Entlassen wegen Überfüllung des Konzentrationslager.“ So die rätselhafte Begründung. Juden, die einen arischen Elternteil oder Partner hatten, durften gehen. Die Mutter hatte den Vater vom Bahnhof abgeholt. Ellinor rannte glücklich auf das einfahrende Auto zu – endlich, ihr Vater war wieder da – … und stoppte abrupt: Entsetzen. Tiefe Betroffenheit. Eine völlig ausgemergelte, bleiche Gestalt mit einem kahl geschorenen, blutigen Schädel stieg aus dem Gefährt. Nun wusste sie, was das KZ Buchenwald bedeutete. Immer wieder geriet ihr später in dunklen Stunden der Depression dieser Anblick vor ihr inneres Auge und hörte nicht auf sie zu grausen. Die blutigen Stellen auf dem Kopf, wie sie erst nach dem Krieg herausfand, waren das Ergebnis der Folter mit der Dornenkrone, ein Metallkranz mit Spitzen, den man den Häftlingen mit Gewalt auf den Kopf drückte. Von ihrem Vater selbst erfuhr sie nichts. Niemand erfuhr etwas. Wer Repressalien vermeiden wollte, schwieg. Eine beklemmende Stille zog in das Haus ein. Ellinor war verwirrt, hatte jedoch ganz andere Sorgen. Sie musste gut in der Schule sein. „Vor allem meine Mutter verlangte, dass ich mich anpasse, dass ich gute Noten schreibe, bloß nicht auffallen, das könnte gefährlich sein.“ Wie allen anderen, sagt sie, habe man auch ihr in dieser Zeit eingebläut, dass der Führer der große Heilsbringer sei, die arische Rasse eine Elite und ihre Familie, ihr Vater, ihre Geschwister und sie nicht dazugehörten, minderwertig waren. Sie hörte sich das an, verstand es nicht. Verspürte nichts als einen Druck, dem sie hilflos ausgeliefert war. „Es war alles widersprüchlich“, sagt Ellinor heute.

„Wenn man so etwas in der Kindheit und Jugend erlebt, ist es schwer, sich zu einer eigenständigen Person zu entwickeln. Selbstbewusst zu werden.“

Das Gefühl des Ausgeschlossenseins dominierte sie auf allen Ebenen, blieb auch später das Grundgefühl des Krieges und beherrschte alles eigene und fremd erlittene Leid. Sie wollte immer nur eines: Sein wie alle anderen. Sie wollte in der Schule mit Theater spielen, sie wollte musizieren und sie wollte zum BDM, dem Bund deutscher Mädchen. So wie alle. Sie durfte nicht. Immer die Worte: „Dein Vater ist doch Jude!“ Die Kinder begannen sie mehr und mehr zu schneiden. Die Endlösung lauerte in allen Worten der Lehrer und in der Biologiestunde rezitierte sie im Chor: Gott schuf den Weißen, Gott schuf den Schwarzen, aber der Teufel schuf das Halbblut. Auch Ellinor war ein Halbblut und als solches wurde sie auf der Straße beschimpft.

„Was ist denn das, Jude?“

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©️SimoneHarre

Fragte sie ihre Mutter. Immer wieder. „Nun, eine andere Rasse“, antwortete die Mutter ausweichend. Mehr nicht. Ellinor lernte weiter, benützte mühelos die Worthülsen und Naziparolen, wollte beweisen, dass sie auch etwas wert ist und schrieb Aufsätze über den Feind, das Weltjudentum, Zeilen über das eigene notwendige Ende. Die Eltern nahmen ihre Not kaum wahr. Zu sehr waren sie in ihrem eigenen Elend gefangen. Dem Leid der Ausgestoßenen und dem Leid einer Ehe, die keine Liebe war. Eine arrangierte Heirat, weil der Vater die Tochter aus der Bohème-Szene heraus wissen wollte. „Was sollte sie auch machen, sie hatte keinen Beruf erlernen dürfen?“, erklärt Ellinor. Doch ihre Mutter fügte sich nicht ganz. Zu Beginn der Ehe unterhielt sie offenbar ein Liebesverhältnis. Und nun in der Not bat sie Ellinors Vater einen Vaterschaftstest zu machen. Möglich, dass die Kinder gar nicht von ihm seien. Möglich, dass die Kinder dann gar nicht jüdisch wären. Möglich, dass sie also zu retten wären. Eine Schmach. Eine Hoffnung. Man verglich die Blutgruppen. Mehr war nicht drin. Das Ergebnis fiel zu Gunsten von Ellinors Vater aus. Alles blieb beim Alten. Dann, 1942, verließ Ellinor mit der mittleren Reife die Schule und ging zu ihrem Onkel, ein Pastor, nach Berlin. Das Abitur durfte sie nicht machen, an staatlichen Schulen wurde sie nicht aufgenommen. Aber eine Schülerin des Lette-Vereins, eine Privatschule, welche gezielt die Ausbildung von Frauen förderte, durfte sie werden. Widerwillig ließ sie sich dort zur naturwissenschaftlichen Assistentin ausbilden. Ihr Traum, Schauspielerin zu werden, wurde in dieser Zeit gänzlich zerrieben.

1943 ereilte sie schließlich fern der Heimat die Nachricht von der erneuten Deportation ihres Vaters. Die Gestapo hatte die Mutter angerufen:

„Freuen Sie sich. Ihr Mann ist tot.“

Man habe von Selbstmord gesprochen. Doch ob das stimmt? Ellinor ist sich da nicht sicher. Es folgten widersprüchliche Daten. Zeit zu Trauern blieb nicht, auch keine Zeit, sich Gedanken zu machen. Sie war mit Überleben beschäftigt. Die Ereignisse überschlugen sich. Die Bomben begannen zu fallen.

In einem Brief an ihre Mutter schrieb sie:

Ich kann das ganze Geschehen in seiner Tragweite nicht recht erfassen. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass nach all diesem Elend eine bessere Zukunft kommt; dass nach diesem schrecklichen Zerstörungswahnsinn, der die Welt jetzt ergriffen hat, eine Zeit des Aufbaus folgt; dass ein anderer Geist lebendig wird, der Geist der Menschlichkeit, der Geist des Friedens.“

Trost und einen entscheidenden Halt findet sie bei ihrem Onkel, welcher der Theosophie und Anthroposophie Rudolf Steiners sehr nahe stand. Wäre er nicht gewesen, sagt sie, wäre sie in dieser Zeit sicher Atheistin geworden. Der Onkel sprach von Karma, davon, dass die Menschen selbst mit früheren Leben dafür verantwortlich seien, was ihnen in diesem Leben zustößt. „Mit diesen Gedanken konnte ich leben und mein Schicksal akzeptieren“, sagt Ellinor. „Ich fühlte mich nicht so ausgeliefert.“ Denn noch immer musste sie jeden Tag damit rechnen von der Straße weg verhaftet zu werden. Jeden Tag ging sie mit einer Tasche aus dem Haus, in dem alle nötigen Sachen drin waren, mit samt einer fertig geschriebenen Postkarte. Aber nichts passierte. Der Krieg, der in lodernden Flammen und in der Stille der Nacht vor ihren Augen aufging, erinnerte sie an ein schlafendes Raubtier, „das nur, wie spielend, ab und zu seine Pfote reckt“. Schiere Willkür, das war das Lebensgefühl am Ende der Kriegszeit. Doch plötzlich war jenes wilde Tier tot und der Krieg zu Ende. Zu Ende? „Meine Tante sagte zu mir: `Jetzt ist ja alles wieder gut. Jetzt kannst du ja wieder ein normales Leben führen.´“ Ellinor schüttelt den Kopf. „Sie war Sozialarbeiterin. Sie hätte eigentlich wissen müssen, dass das so nicht geht.“ Nicht nur, dass jetzt in der Entspannung sich alle Erschöpfung, Angst und Trauer auf einmal seinen Weg suchten und Ellinor immer wieder weinen musste. Vor allem das Gefühl, falsch zu sein, das hatte sich längst fest in sie eingebrannt. „Ich habe das ganze Leben gebraucht, um das alles zu verarbeiten. Und genau das ist es, was ich in meinen Büchern den Leuten verständlich machen will. Dass es nicht 1945 so war, als ob nie etwas gewesen wäre.“ Friede… und Glück, so viel war klar, war das also noch nicht. Außerdem musste Ellinor zusehen, wie sie in den Westsektor gelangte, weg von den Russen, hin zu den Amis. Denn das wollte sie. In Magedeburg war die Grenze. An der Elbe. Dort ging sie hin und dort schwamm sie rüber. Ein Plastiksack mit ihren wichtigsten Dokumenten auf den Kopf gebunden. Es war gefährlich, denn der wachhabende Soldat würde schießen. Er schoss auch. Doch vermutlich schoss er absichtlich daneben. Das andere Ufer erreichte Ellinor unversehrt. Nur die Dokumente im Plastikbeutel hatten gelitten, waren nass geworden. „Verwässerte Zeugnisse“, so sollte auch der Titel ihres ersten Buches heißen. Und dann? Wie war es dann für eine Halbjüdin im Nachkriegsdeutschland?

„Wurden Sie als Opfer hofiert?“, frage ich. Ellinor entrüstet sich vehement. „Keineswegs.“ Dazu könne sie mir drei Erlebnisse erzählen:

„Ich habe 1952 geheiratet. Vorher bin ich mit meinem Mann hin zum Standesamt, unser Familienstammbuch abgeben. Da sieht der Beamte, dass meine Vorfahren jüdisch waren.“ Ellinor schnaubt. „Ich war Luft für ihn. Der hat mich nicht angesehen, hat mir keinen Stuhl angeboten. Er sprach nur mit meinem Mann. Ich war nicht existent.“ Und später, 1965, ein ähnliches Erlebnis: „Ich bin ja Aushilfslehrerin geworden. Die Grundschulen waren total überfüllt. Mein jüngerer Sohn war in einer Klasse mit 54 Kindern. Es brauchte dringend Lehrer. Und als ich mich bei dem zuständigen Schulrat anmeldete , habe ich dem gesagt: `Ich weiß nicht, ob es eine Rolle spielt, aber ich bin Halbjüdin.´ Da hat der gestutzt. Hat gesagt: `Heute spielt es ja keine Rolle mehr. Aber ich solle es nicht an die große Glocke hängen.´“ Ich bin verblüfft, beschämt. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Und das dritte Erlebnis? „Ich habe natürlich versucht, Entschädigung zu bekommen“, sagt sie.

„Aber es wurden mir nur 182 DM zugestanden für die Zeit nachdem mein Vater gestorben war. Einmalige Zahlung.“

Sie war keine Ausnahme. Im Gegenteil: Die Gutachter seien dazu angehalten worden, alle Anträge so gut es geht abzuschmettern.

Ellinor erzählt das alles nicht böse oder verbittert, sie erzählt es einfach so, wie man einen Sachverhalt erzählt. Sie ist auch nicht nachtragend. Ihre inneren Kämpfe hat sie bereits gefochten. Nur der alte Wunsch, dazu zu gehören, ist ihr geblieben. Der sein dürfen, der man ist, „keine Sonderrolle spielen, weder im negativen noch im positiven Sinne.“ Und auch das: Nicht fortgesetzt totgeschwiegen werden. Sie weiß aus eigener Erfahrung: „Man kann nicht immer über alles reden. Schon gar nicht über etwas, das einen so tief verletzt hat.“ Aber irgendwann früher hätte sie schon gerne mal einen verständnisvollen Zuhörer gehabt, einen, dem die Zusammenhänge zwischen ihren Depressionen und den Erlebnissen in der Nazizeit einleuchtend gewesen wären. Statt dessen hörte sie von Therapeuten Dinge wie: „Ich versteh das gar nicht. Der Krieg ist doch schon so lange vorbei. Wie kann Sie das noch belasten?“ Ja, wie? Sie versuchte sich Jahrzehnte selbst zu helfen. Las viel über Psychologie, las vor allem den dicken Wälzer und damaligen Bestseller von *Philipp Lersch, Aufbau der Person. Was sie nicht wusste: Lersch war ein von Hitler protegierter Psychologe, der wie viele Mediziner seinerzeit, und schon weit vor Hitler, öffentlich für die *Euthanasieprogramme und dessen darwinistische Propaganda eingetreten ist und ein psychologisches Bild der ewigen Selbstbeherrschung entwarf. Hitler lediglich erweiterte die Idee der Rassenhygiene um eine Reihe „lebensunwürdiger“ Personen wie Zwangsarbeiter oder Kinder jüdischer Eltern, die dann in *Tötungsanstalten zu Tausenden wie in den Konzentrationslagern vergast oder später „eingeschläfert“ wurden.

Ellinor hatte also viel Glück, bis zum Ende des Krieges nicht doch noch von der Gestapo aufgegriffen worden zu sein. Glück auch, all dies von heute aus neu betrachten zu können. Bis heute allerdings oszilliert der Krieg gleich einem Tunnelblick unter dem Brennglas ihres eigenen erlebten Schmerzes, vielleicht weil sie ihn so lange für sich behalten musste. Daher sagt sie zum Schluss: „Wenn man den Krieg nur interessant und spannend findet, dann nehmen wir ihn nicht mehr ernst, dann können sich diese schrecklichen Dinge leicht wiederholen. Ich bin skeptisch, ob sich da je etwas ändert… das liegt irgendwie im Menschen. Denn würde der Mensch aus der Geschichte lernen, hätte er längst lernen können.“ Und trotzdem: „Trotzdem will ich, dass meine Bücher gelesen werden. Gerade deshalb.“

©Simone Harre

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Hintergrundinfos:

*Philipp Lersch (1898-1972), war ein deutscher Psychologe und zählte in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu den führenden Vertretern der deutschen Ausdruckspsychologie. In den Jahren 1925-1933 arbeitete er am Psychologischen Laboratorium des Reichswehrministeriums an der Ausarbeitung charakterlogischer Eignungstest für Offiziersbewerber mit. Er trat nie der NSDAP bei, trug jedoch nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten in Deutschland deren Ziele mit.

1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten zu Adolf Hitler.

1938 veröffentlichte er sein bekanntestes Werk Der Aufbau des Charakters (ab 1950 als: Aufbau der Person)

1941 trat Lersch auf einer Veranstaltung der Universität Leipzig öffentlich für das Euthaniseprogramm der Nationalsozialisten ein. Nach dem Krieg wurde er als „Mitläufer“ eingestuft, was ihm ermöglichte, die Psychologieprofessur an der Universität München bis 1966 ungehindert fortzusetzen.

Lersch sah den Willen als die wichtigste Instanz den Gefühlen gegenüber. Tugenden wie Entschlusskraft, Selbstständigkeit, Disziplin und innere Willenshaltung würden sich erst dann voll entfalten, wenn die eigenen Bedürfnisse unterdrückt und körperliche Strapazen ertragen würden. Alles sollte einem Ganzen untergeordnet werden, was in der NS-Zeit als Unterordnung unter die Volksgemeinschaft verstanden wurde.

*Euthanasie

Der Große Brockhaus 1930/34: Sterbehilfe, grch. Euthanasie, die Abkürzung lebensunwerten Lebens, entweder im Sinn der Abkürzung von Qualen bei einer unheilbaren langwierigen Krankheit, also zum Wohle des Kranken, oder im Sinn der Tötung z.B. idiotischer Kinder, also zugunsten der Allgemeinheit.

Von 1933 bis 1945 wurden etwa 350.000 bis 400.000 Menschen sterilisiert. Dieses Vorgehen kostete Tausenden das Leben oder verursachte schwere, bleibende Gesundheitsschäden.

Auch in den Nürnberger Rassengesetzen (Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre) manifestierte sich diese Denkweise. Ehepaare mussten sich beispielsweise vor der Hochzeit einer gesundheitlichen Untersuchung unterziehen, um sogenannten Verunreinigungen der Rasse vorzubeugen.

Die meisten der mehr als 20 universitären Institute für Rassenhygiene gab es bereits vor der Machtübernahme.

*Tötungsanstalt Hadamar (eine der Tötungsanstalten während des Nationalsozialismus)

Ende 1940 wurde das Gebäude als Tötungsanstalt eingesetzt. Eine Gaskammer, ein Sezierraum, zwei Verbrennungsöfen und eine Busgarage. Nach der Ankunft mussten sich die Patienten in der verschlossenen Busgarage entkleiden, um sich so dem Arzt vorzustellen. Dieser bestimmte anhand der mitgeschickten Patientenakte eine angeblich natürliche Todesursache für die später auszustellende Sterbeurkunde. Anschließend wurden die Patientinnen und Patienten von Schwestern und Pflegern in die im Keller gelegene Gaskammer geführt. Die Angehörigen erhielten einen so genannten „Trostbrief“, der sie über das plötzliche Ableben informierte. Der angeblich krankheitsbedingte Tod wurde als Erlösung dargestellt. Den Angehörigen schickte man eine Urne mit Asche. 1941 starben über 10.000 Opfer in der Hadamarer Gaskammer. Das 10.000ste Vergasungsopfer wurde mit einer Jubiäumsfeier gewürdigt.

Im Rahmen einer zweiten Mordphase, der Medikamenten-Euthanasie -von August 1942 bis zum 26. März 1945 – starben fast 4.500 weitere Opfer. Wer nicht der gezielt eingesetzten Hungerkost oder der vorenthaltenen medizinischen Versorgung erlag, wurde durch überdosierte Medikamente getötet. Morgens entschieden Arzt, Oberschwester und Oberpfleger, welche Patientinnen und Patienten sterben sollten. Die Nachtschicht verabreichte dann den ausgewählten Opfern die tödlich wirkenden Medikamente. Ihre Leichen wurden auf dem eigens angelegten Anstaltsfriedhof in Massengräbern verscharrt.

*Konzentrationslager Buchenwald

Am 9. November 1938 fand das erste über das ganze deutsche Reich ausgedehnte Pogrom in der neueren deutschen Geschichte gegen die Juden, sogenannte Kristallnacht, statt. Angeblicher Anlass war das Revolverattentat, das der junge polnische Jude Grünspan am 7. November 1938 in Paris auf den deutschen Botschaftsrat verübt hatte. Die SA und die SS brannte die Synagogen nieder, sie schlugen Fensterscheiben jüdischer Geschäfte ein, zertrümmerten die Einrichtungen und plünderten die Geschäfte. (…) In der Nacht vom 9. November und noch am 10. November wurden von der Polizei und Hilfspolizei 30.000 Personen, überwiegend Geschäftsleute und wohlhabende Juden, verhaftet, die meisten misshandelt und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Nach Buchenwald kamen 10.000. (…) Gleich in der ersten Nacht wurden 68 Juden wahnsinnig und von SS-Oberscharführer Sommer wie tolle Hunde totgeschlagen. In den berüchtigt gewordenen Baracken Ia bis Va lagen je 2000 Juden, während der Raum dieser Notbaracken nur für 400 Personen berechnet war. Es herrschte Platzmangel. Im Februar 1939 wurden daher 2300 Häftlinge in einem „Gnadenakt“ gegen Geldzahlungen an die SS entlassen und das Lager Ia-Va aufgelöst.

Zwischen 1937-1945 waren etwa 250.000 Menschen aus allen Ländern Europas in diesem Lager untergebracht. Die Zahl der Todesopfer wird auf etwa 56.000 geschätzt, darunter 11.800 Juden.

Nach Abzug der US-Truppen wurde das Lager bis 1950 von den Sowjets genutzt. Weitere 7000 Menschen starben.