Hans Mörtter, 57 Jahre, evangelischer Pfarrer

Hans Mörtter ist ein ziemlich berühmter und medienaffiner evangelischer Pfarrer. Manch einer mag ihn sogar als eines der Opfer von Hape Kerkelings Verkleidungsauftritten kennen. Hier ging er ihm in einer Talkshow in die Falle. Hape Kerkeling im Kostüm eines Bürgers, den man nicht kennen möchte, sprach sich für die Abschaffung Weihnachtens aus, Hans Mörtter, ihn nicht erkennend, hielt tapfer und ohne Aufregung dagegen. Unaufgeregt auch, aber mit unbeugsamem Elan, führt er seit 24 Jahren seine Kirchengemeinde in der Lutherkirche der Kölner Südstadt an. Sieben Tage in der Woche und immer in Bereitschaft sein. „Das hat viel mit Überschallgeschwindigkeit zu tun“, sagt er und nennt sich darum zuweilen auch „die Concorde Kölns“.

Es gibt kaum einen in der Südstadt, der ihn nicht kennt. Hans Mörtter hat mit seiner Vitalität schnell die Leute in die zuvor leere Kirche zurückgeholt. Er ging am Anfang einfach von Kneipe zu Kneipe, stellte sich vor und packte die Leute verbal am Kragen. Seither sind seine Gottesdienste bestens besucht, machmal muss er die Leute sogar rausschmeißen. Sie wollen einfach nie gehen. Er veranstaltet Stadtfeste, bietet Kirchenasyl, hält Talkgottesdienste ab und lässt Menschen in seiner Kirche Swing oder Tango tanzen. Oder andere Dinge machen. Seine Kirche ist ein offenes, kreatives Haus der Begegnung und als gebürtiger Bonner hat er längst gelernt wie man mit dem Kölner Klüngel kreativ und zum sozialen Nutzen mitgklüngelt.

Mit mir nun über das Glück zu reden, findet er eine prima Idee: „Da machen wir eine schöne Geschichte draus.“ Man nenne ihn schon immer den Hans im Glück. „Ich bin ein Sonntagskind, Sonntagnachmittag geboren. Wahrscheinlich hat sogar die Sonne geschienen.“ Doch da müsse er noch mal nachfragen. Er lacht und nimmt einen Zug aus seiner Pfeife. Der Raum füllt sich mit dem Geruch des Tabaks. Aber vor allem mit seiner Person. Hans Mörtter hat eine kraftvolle und ganz besonders positive Ausstrahlung. „Das ist so“, sagt er, „weil ich bei meiner Arbeit so viel Reichtum erlebe!“ Daher gibt es bei ihm auch nicht dieses klassische Freizeitvergnügungen mit ins Kino gehen und so und wann auch? Er hat ja immer zu tun, helfen, arrangieren, predigen, Grenzen ausreizen und manchmal für spontane Aktionen sorgen, die ihn, etwas zu wagemutig, selbst in Bedrängnis bringen können. Zum Beispiel 1994, als er in seiner Kirche ein schwules Paar getraut hat. Ganz offiziell und auch ganz illegal. Das war dann doch sehr riskant. Und überlebt hat er diese Aktion nur, weil ihn, wie er sagt, die Presse gerettet und ihm Rückendeckung geboten hat. Er und andere Kollegen zwar auch zuvor schon Trauungen durchgeführt. Aber bis dahin eben nur heimlich. Aber normalerweise müsse er sich der Kirchenleitung gegenüber weder rechtfertigen noch einen Plan erstellen. „Ich habe ein super Team, einen tollen Job und ich kann nach Herzenslust ausprobieren.“ Das ist pure Freiheit, findet er. Ein Privileg. „Und Freiheit hat ja auch was mit Glück zu tun.“ Keine Frage.“ Gut, wenn da dann einer ist, der sie auch aktiv zu nutzen weiß, so wie Hans Mörtter. „Für andere Leute gelte ich daher schon immer so ein bisschen als Macher“, sagt er, „dabei habe ich in Wirklichkeit selten selten gemacht. Die Dinge sind immer eher passiert.“ Und er wusste zu reagieren. Das sei schon in der Schule so gewesen. „Auch dort meinten die Leute immer, ich könnte etwas für sie tun.“ Es sei die übliche Karriere gewesen: Klassensprecher, Schülersprecher, Schülerzeitung rausgeben, mit den Lehrern diskutieren. „Aber indem ich solche Jobs angenommen habe, habe ich mich entwickelt, denn ich musste kämpfen, ich musste mich auseinandersetzen.“

Und genau so ist er letztlich Gemeindepfarrer geworden. Auch das habe er nie gewollt. Pfarrer!!! „Das kann ich gar nicht, mich hinstellen und Reden halten. Das ist nicht mein Ding“, dachte er, sagte er. Allen Ernstes. Lieber wollte er diplomatisch im Hintergrund arbeiten und mit den Menschen reden. Oder um es beim Namen zu nennen: „Ich wollte Psychotherapeut werden.“

Doch leider: der Numerus Klausus stellte sich Hans Mörtter in den Weg. Der Psychotherapeut erzwang Wartesemester. Lückenbüßer wurde daraufhin die Theologie. Das lag nicht ganz fern. „Ich war schon immer so ein Don Camillo mit einer direkten Peilung nach oben“, sagt Hans Mörtter. Doch Theologie, wenngleich zunächst nur als Überbrückung gedacht, fanden seine Freunde, damals zeitgemäß Atheisten, höchst befremdlich. Hans Mörtter nicht weniger, aber er dachte bei sich:

„Wenn ich Theologie wirklich studiere, kann ich mich den anderen vielleicht besser erklären.“

Auch: „Es mir selbst besser erklären.“ Womit er in Folge nicht rechnete: Die anfänglich eher spielerische Herangehensweise an die Theologie wandelte sich schnell in etwas Ernsthaftes, gerade zu Eifriges. Hebräisich, Latein. Her damit. „Ich weiß bis heute nicht, was mich da geritten hat“, sagt er. Hilfreich war natürlich, dass er einen Professor hatte, der Hans Mörtters Neugier zu befriedigen wusste, die Theologie zu ständiger Neuentdeckung machte und die Psychologie stinklangweilig aussehen ließ.

„Ich merkte, dass Psychologie den Menschen verwaltet und die Theologie den Menschen als großes Abenteuer präsentiert.“

Auch gefiel es Hans Mörtter „im wissenschaftlichen Sandkasten zu sitzen und mit Förmchen zu spielen“, aber es war eben doch nicht dieser Professor, der ihn schlussendlich an der Uni zu halten und für eine Doktorarbeit zu überreden vermochte. Zündend waren vielmehr die Worte eines Freundes, ein Gemeindepfarrer aus Bonn, „der sagte zu mir: „Wenn du das machst, dann rede ich dein Leben lang kein Wort mehr mit dir. Mit der Doktorarbeit bleibst du an der Uni hängen.“ Puh. „Da hatte ich Glück gehabt“, sagt Hans Mörtter. „Mein Freund hat mich gerettet!“ Gerettet vor einer Karriere, die nicht zu ihm gepasst hätte. „Sicher, an der Universität hätte ich für Unruhe gesorgt, aber ich wäre ein bunter Vogel, ein Outsider gewesen und ich hätte nie wirklich was bewegen können.“ Und so ist Hans Mörtter also zur Kirche gekommen. Ohne Plan. Aber genau richtig. Und: „Ich entwickle mich hier ständig weiter. Ich habe wahrscheinlich mehr Möglichkeiten gesellschaftlich Einfluss zu nehmen und Fäden zu ziehen als ein Politiker.“

Besonders als Notfallseelsorger erlebt er einiges. Schönes und Trauriges und manchmal beides zusammen. Einmal hat er Eltern beigestanden, deren sieben Monate altes Kind in der Nacht gestorben war. „Nach der Beerdigung kommt der Vater zu mir. So ganz zärtlich. Nimmt mich in den Arm und sagt: Wenn das jetzt jemand hört, die werden uns… – er hat WIR gesagt. – …die werden uns direkt in die Nervenheilanstalt schicken: Das war eine schöne Beerdigung!“ Hans Mörtter sieht mich an. „Das waren Worte von einem Vater, der an dem Tod seines Kindes fast kaputt gegangen wäre.“ Ein großer Augenblick von Nähe sei das gewesen. „Ein Moment, in dem uns geschenkt worden ist, einen Blick in die Weite zu werfen. Das heißt nicht, dass der Schmerz auf einmal weg ist. Das ist klar. Das ist ein langer Prozess. Aber wir haben so ein bisschen Flügel unter uns gespürt.“ Die Psychologen, sagt er, würden immer das Private vom Beruflichen zu trennen versuchen. Für ihn als Pfarrer gäbe es das nicht. „Dieses Nähe- und Distanzding.“ Wenn er als Notseelsorger in schlimme Situationen komme, dann müsse er zwar professionell mit der Situation umgehen. Trotzdem berühre ihn das und gehe ihm das nah. Aber damit kann er umgehen.

„Ich würde nie sagen, das eine ist nur mein Beruf und jetzt gehe ich Tennis spielen. Was passiert denn, wenn wir in Situationen reingehen und nie mehr weinen oder lächeln, weil wir alle so professionalisiert sind?“

Nein. „Ohne Liebe bin ich nicht!“, sagt er und das klingt ganz schön pathetisch. Aber auch echt. „Ich empfinde Zärtlichkeit zu den Menschen und ich interessiere mich vor allem für das, was hinter den Worten erzählt wird“, so wie es das schöne Gedicht von Matthias Claudius beschreibe:

Siehst du den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön und so sind auch manche Sachen, die wir getrost belachen, nur weil unsere Augen sie nicht sehen.“

Gerade dieser nicht sofort sichtbare Teil mache ihm den Menschen so kostbar. „Manchmal ist es der verletzte oder zerstörte Teil, aber da ist noch was, etwas, das ihn erst rund macht.“ Und was er auch nicht leiden kann, diesen unsinnigen Spruch: „Ich will dir nicht zu nahe treten!“ Viele würden etwa um Trauernde einen Bogen machen, aus Angst, das Falsche zu tun, statt einfach zu sagen: „Ey, ich bin da!“ Hans Mörtter jedenfalls hat keine Berührungsängste. Er hat auch keine Angst vor dem Tod. „Der Tod ist etwas in meinem Leben, mit dem habe ich schon meine Kämpfe gehabt.“ – „Wie das?“, frage ich.

„Mein Bruder ist an seinem 21. Geburtstag erfroren.“ „Erfroren? Hier? In Deutschland?“„Ja, ganz ungewöhnlich.“

Das war 1981. Sein Bruder hate sich verirrt, nachts im Siegburger Raum mit einem Freund bei plötzlicher Kaltfront, Riesenschneewelle. „Haben sich festgefahren“, erzählt Hans Mörtter. Immer wieder versuchte der Bruder den Wagen anzuschieben, trug nur einen Pulli. Einen Shettlandpulli.“ Klappte nicht und der Pulli war klitschnass. Während der Kollege von ihm im Auto blieb, lief er los, um Hilfe zu holen. Das Schneetreiben war sehr stark und die Polizei hat später rekonstruiert, dass er sich einfach im Kreis gedreht haben muss. „Mit Alkohol war das nichts. Der war staubtrocken“, sagt Hans Mörtter. „Das ist wie im Baggersee im Sommer. Die Kälte lähmt. Er hat sich irgendwann hingesetzt und ohne, dass er’s merkte, ist er eingeschlafen. Gestorben.“

Das wars. Der Bruder war Hans Mörtters bester Freund. „Er war der Atheist und ich der Urvertrauensbruder.“ Dennoch hatten sie eine ganz große Nähe, denn beide wollten die Welt verändern.“ Und dass dieser Bruder plötzlich starb: „Das war DIE Katastrophe meines Lebens. Die größte, die ich je erlebt habe.“

Aber es kam noch schlimmer: Hans Mörtter wollte zum Entsetzen seiner Theologenfreunde seinen Bruder selbst beerdigen. „Die gingen da logisch ran. Nähe und Distanz. Hans, das überfordert dich. Das tötet dich. Du tust dir selber Gewalt an.“ Aber er musste es tun, für seinen Bruder: „Weil ich der einzige bin, der ihn so gut kennt. Ich kann die Brücke schlagen. Das würde er mir auch nie vergeben und ich mir auch nicht, wenn ich das nicht tue. Egal wie brutal das gegenüber mir selbst ist.“ Und er tat es,  unterstützt von seinen Atheistenfreunden, -die Obduktion verschaffte ihm Zeit-, und es war genau richtig so. „Nicht am Grab, das ist unmöglich“, aber er gestaltete die Trauerfeier mit Pink Floyd… „und wenn ich das heute noch höre, das geht mir durch und durch.“ Die Theologie hat ihm dabei geholfen. „Und ich bin einfach dadurch reicher geworden und empfindsamer für vieles Tiefe und Echte.“ Von manchen Theologenfreunden hat er sich daraufhin entfernt, nicht von der Theologie: „Die blieb für mich Abenteuer, große Weite. Einfach ein ganz stabiles Gerüst, was nur noch weiter aufmachte.“

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©️SimoneHarre

Immer wieder fragten ihn die Leute seither: „Wie kannst du all das machen, was du machst?“ Die Arbeit, der Alltag, die Notseelsorge. All das. Ihm sei die Frage oft komisch. „Was mache ich denn?“ Doch irgendwann: „Stimmt, ich kann für zwei arbeiten.“ Er habe eines Tages eine Frau getroffen, die erklärte ihm unvermittelt und strahlend: „Ich bin zu zweit, mein verstorbener Mann ist in mir drin. Es ist einfach so.“ Und da habe er verstanden: „Ja klar, ich bin ja auch zu zweit. Deswegen.“ Da wäre er von alleine gar nicht drauf gekommen, dass da eine Kraft ist, die bei ihm eingezogen sei.

„Die ist da. Mein Bruder marschiert einfach ein Stück weit mit mir mit.“

Mag also der Tod seines Bruders nebenbei auch Gutes, Kraft und Bewusstsein erzeugt haben: „Danach brauchte ich erstmal einen Radikalschnitt“, sagt Hans Mörtter. Er „wollte den Stachel so richtig in den Arsch kriegen“, ganz weit weg gehen, irgendwo „mittenrein in die Scheiße, um Revolution zu machen“. Da war er neununzwanzig. Die Scheiße, in die er ging, als Pfarrer, hieß Bogota, Karibik. Und wieder war ihm das Glück hold. Er hatte alle Freiheiten zu gestalten und zu wirken und seine kolumbianischen Freunde sagen noch heute von dem Jahr, da er bei ihnen war, das sei wie zehn Jahre gewesen. Kolumbien hat ihn seither nie ganz verlassen. Zusammen mit „Brot für die Welt“ setzt sich Hans Mörtter für Menschen ein, die auf die Todesliste geraten, macht Kulturarbeit mit einem der führenden Oppositionstheatern in Bogota, Theaterarbeit mit Straßenkindern. Manchmal sind die auch in Deutschland und Hans Mörtter freut sich: „Das sind einfach echte Menschen.“

Man kann also sagen für ihn persönlich lief alles immer super und eine Tür stieß die nächste auf… in beruflicher Hinsicht. Nur der private Weg geriet dabei allmählich ins Stocken. „Bis zu meinem sechsunvierzigsten Lebensjahr war ich ein ziemlicher Libero.“ Eine Beziehung nach der anderen, aber „nie etwas Bleibendes, nie etwas, wo ich wirklich hätte vor Anker gehen wollen“. Also fasste er einen Vorsatz: „Ich möchte eine feste Partnerschaft und ich wünsche mir eine Frau, die dazu passt.“ Er habe auch gesagt:

„Ich brauche ein paar Engel, ich glaube, alleine krieg ich das nicht hin. Nehmt mich bitte ein bisschen an die Hand.“

Das war Silvester 2002. Und fünf Wochen später an Karneval war sie schon da. „Wir haben miteinander getanzt“, erzählt er „Ich habe ihre Hand genommen und nicht mehr losgelassen. Ich konnte nicht anders. Ich wusste, das ist meine Frau. Das war scharf.“

„Sie haben wirklich einen guten Draht nach oben“, sage ich.„Ja, ne?“, antwortet Hans Mörtter und grinst. Vorher hatte er immer verlautet, einer wie er habe keine Zeit für Kinder. Heute weiß er: „Das ist blöde Theorie, das ist Geschwätz.“ Denn von diesem Abend an „war es ihm tristegal gewesen, ob er Vater werde oder nicht.“ Die Tore seien offen gewesen wie noch nie. Die Tochter kam bald hinterher. Und als er sie das erste Mal auf dem Arm hatte, dachte er: „Mich sprengts! Atomenergie pur.“ Eine halbe Stunde lang hat er die Kirchenglocken geläutet. „Welcher Vater kann das schon machen? Nachhause kommen und drei schwere Glocken anschmeißen und alle wussten im Stadtteil, ja, aus dem dicken Bauch ist was raus gekommen.“

Was Glück also ist?

„Glück gibt’s nicht allein und kann ich nicht besitzen, ist ein Geschenk. Sind Augenblicke.“ Augenblicke, wie zum Beispiel beim Fahrradfahren, sagt Hans Mörtter, wenn ihn jemand anlächelt, egal wer. Alltagssituationen, die einfach so ein Gefühl vermitteln von:

„Ja, ich lebe. Ich bin. Das ist schön. Da ist jemand, der lebt auch. Da sind andere.“

Hans Mörtter lächelt zufrieden: „Dieses JA zu spüren, JA zum Leben. Das ist Glück.“

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