Petrus Faller, 48 Jahre, Geschäftsführer des Vertriebs von Booja-Booja, einer Produktion veganer Pralinen

Dieser Petrus! Exaltierte bunte Klamotten, Hut, enge Hose, flammende, tiefe Augen, und immer wieder ein gackerndes Lachen! Was für ein verrücktes Huhn! Wenn er lacht, dann steigt eine Explosion bolzenschussartig aufwärts. Taktatktaktak! Und er lacht ziemlich oft. Plötzlich. Vulkanisch. Vor allem über sich selbst und über das, was er alles erlebt hat. Was ziemlich viel ist. Nun könnte ich sagen, der Petrus Faller ist einer, der ziemlich erfolgreich vegane Pralinen vertreibt, bei denen alles kundenintensiv, fair trade, ökologisch und zusatzstofffrei ist, Pralinen, die extrem lecker schmecken und süchtig nach mehr machen, sich ohne Werbung verkaufen,von seinem Freund in England in immer neuen Geschmacksvarianten entwickelt und von Petrus in Deutschland vertrieben werden, auf Messen der Star sind… aber woran das liegt? Petrus lacht. Hahahaha! Taktaktaktak! „An Booja Booja liegt das!“ Wenn ich nun jedoch sage, dass Booja Booja ein erleuchteter Narr ist, offenes Hemd, sehr phallisch, mit Hund und Hut, dann erklärt das leider noch nichts.

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©️PetrusFaller

Daher fange ich mal so an: Wie er wirklich heißt, also Petrus, das offenbarte seine Mutter, die diesen Namen vor seiner Geburt nächtens erträumte, ihm erst mit neunundzwanzig Jahren. Bis dahin hieß er einfach Petro oder Petrowich, auch Moritz und in seinem Abiturzeugnis sogar Petra, was daran liegt, dass sich der damals diensthabende Standesbeamte dem Namenswunsch der Mutter rigoros widersetzte und eigenmächtig aus Petrus einen Petro machte. „Vielleicht glücklicherweise“, sagt Petrus. Denn für einen, der von klein an ständig von Visionen und Lichterscheinungen heimgesucht wird, leidenschaftlicher Ministrant war und sich von ekstatischen Heiligengeschichten entflammen ließ, wäre so ein Name vermutlich eher verstörend gewesen. Verstörend war diese Offenbarung jedoch auch mit neunundzwanzig. Dass mit seinem Namen etwas nicht stimmte, das sei ihm schon immer irgendwie klar gewesen, sagt er, aber Petrus? Doch als auch Bernd Hellinger, der damals sehr berühmte Familiensteller, ihm bestätigte: „Herr Faller, Petrus ist Ihr richtiger Name, ein sehr schöner Name, ich gratuliere Ihnen“, ergab plötzlich alles einen Sinn. Vor allen Dingen sein von Kind an einziger, brennender Herzenswunsch:

„Ich wollte immer nur wissen: Was ist die Wahrheit?“

Und so, sagt er, habe er endlich, neu inspiriert, das Leben führen können, das er schon immer gelebt habe. Heißt im Kurzdurchlauf: Von zwölf bis zweiundzwanzig hat er Mode entworfen, in ihr, sublimiert verwoben, seine entrückten Visionen, hat damit seine Kumpels ausgestattet, die Szene, die Theater… „Alles sehr früh, sehr geballt.“ Mit neunzehn verschlang er die Philosophen: Sartre, Camus, Kierkegaard, Nietzsche und begrub den bis dahin verehrten lieben Gott mit den sinnreichen Worten „Gott ist tot“ in einer Nacht vor Karfreitag feierlich und mit Rotwein begossen auf einem Waldfriedhof in einer Metallkiste, verliebte sich hernach unerwidert in eine barfüßige, mit Glöckchen um die bloßen Knöcheln behangene, auf einem Pferd galoppierende Blondine, verfiel darob der Ess-Brech-Sucht, begann Yoga, was nicht half, nähte weiter, was nicht mehr befriedigte, verschenkte sein Haus, was andere erfreute, und floh nach Indien. Der Klassiker für Sinnsuchende. Dort meditierte er und meditierte er, erlebt merkwürdige Visionen, die ihn und sein Umfeld verstören und gleichfalls entzücken und entrücken. „Ich bin gesessen, und wenn ich tot umfalle, ich will jetzt wissen, was die Wahrheit ist“, sagt Petrus, und erkannte, siehe da, dass seine Ess-Brech-Sucht schlicht eine Folge einer tiefen Verachtung vor dem Unglück der Welt war, woraufhin diese sich schlagartig verlor, meditierte weiter, erkannte, dass wir auf der Welt einzig und allein wegen der Liebe sind, meditierte weiter und erschrak: „Oh Gott! Jetzt hast du deine Ess-Brech-Sucht durch Meditation ersetzt. Mist!“ Hahahaha. Taktaktaktak! Kehrte auf dem schnellsten Weg wieder heim, bekam sein Haus zurückgeschenkt und begann für mehrere Jahre ein Einsiedlerleben. Kein Geld, Selbstversorgung, barfuß laufen, kein Fernsehen, einmal die Woche im Bioladen arbeiten, das Mönchsleben durch eine illustre WG erweitern und einfach eine tolle und intensive Zeit erleben.

Die Frauen, sagt er, hätten es mit ihm, dem Waldschrat, in dieser Zeit schwer gehabt. Denn zwischen 20 und 27 sei er wirklich aus dem Leben raus gewesen, nicht einmal den Mauerfall habe er mitbekommen. Das ging solange, bis eine der Frauen ihn am irdischen Schopfe gepackt hat, aus den spirituellen Wolken holte und ihn außerdem zum Vater machte. Puh. Wurde auch Zeit.

„Endlich Erdung“, sage ich. „Aber hallo. Das ist ein Pfahl in den Boden geschlagen.“ Petrus lacht. Hahahaha. Taktaktaktak! „Gabs überhaupt Politik?“ – „Nee, null. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das war mein Problem. Was mache ich mit all den Informationen?“ – „Die Welt verändern“, sage ich. „Genau“, sagt Petrus. „Aber wie?“ Ja, aber wie? Denn das war und ist bis heute Petrus´ verzweifelte Mission. Wie den Menschen klar machen, dass sie, so wie sie leben, auf dem Holzweg sind? Dass sie vergessen, „dass wir alle eine community sind“, unteilbar miteinander verbunden und uns nicht bekriegen dürfen, dass wir auf die Umwelt achten müssen und für alles Verantwortung tragen? Aber auch und vor allem:

Wie sich selbst klar machen, dass man auf dem Holzweg ist?

Die buddhistische Lehre als Weg half ihm dabei jedenfalls nicht. Mit dieser habe er schon immer ein Problem gehabt: „Ich wusste, da stimmt was nicht. Ich wusste einfach für mich, die Wahrheit, das Bewusstsein oder was man so als Erleuchtung beschreibt, dass es das nicht ist.“ Außerdem fehlte ihm immer wieder erneut die Erdung und der innere Frieden mit der Welt. „Meine Frau hat gesagt: `Ich spür deine Liebe, aber sie geht nur bis dahin.?“ Und zeigte auf die Stirn. „Stimmt“, habe er zugeben müssen. „Alles unterhalb habe ich ausgeschlossen.“ Nur dasitzen und auf die Wahrheit warten, nein, „so geht es nicht. Wir sind materielle Wesen.“ Das war ihm irgendwann schlagartig klar.

„Ich bin mit allem gescheitert“, sagt er und meint das positiv. „Die Art und Weise, wie ich gedacht habe, welche Rolle ich hier zu spielen habe, hat sich nicht erfüllt.“ Doch das eine gehe und das nächste komme. Und letztlich war sein Weg ja genau richtig, denn… er hat ihn zu den Pralinen geführt. „Was ist Glück also?“, frage ich. „Glück ist immer schon da“, sagt Petrus. „Wir müssen es auch nicht suchen, genau so wenig, wie ich es wie ein Irrsinniger gesucht habe.“ Denn:

„Es gibt eigentlich nur Glück.“

Und das Unglück produzierten wir ständig selbst. Eine Selbstverkrampfung. Wenn die Hand offen sei, dann sei das Glück fühlbar. „Das ist Liebe.“ Und wenn die Hand sich schließe, dann spüre man am Anfang Schmerz, doch irgendwann nicht mehr. „Und dann denkt man, das ist normal.“ Oder wie Laotse gesagt haben soll: Der Weg ist ewig ohne Tun, doch nichts, was ungetan bliebe. Und da das Glück also einfach überall ist, lebt Petrus inzwischen einen relativ normalen Alltag. Er steht jeden Tag um vier auf, macht jeden Tag Buchhaltung, heimst Preis um Preis für die Pralinenproduktionen ein, ohne je für die Firma zu werben und findet, er habe mehr als einen Sechser im Lotto gezogen. Manchmal fühle er sich zwar nach wie vor in Haft genommen,

denn:

„Weißt du, ich bin nicht Barock, ich bin Rokoko.“

Und der Petrus in ihm würde immer noch das Licht in die Welt bringen wollen. Das werde auch nie aufhören. „Aber mir wurde gesagt, ich soll warten.“ Deshalb ist es so wie es ist, vollkommen in Ordnung. Ein schöneres Geschäft als Booja Booja könne er sich nicht vorstellen. Es mache riesig Spaß. „Und jetzt geht halt alles auf magische Weise durch die Schokolade.“ Ein Eindruck, dem, so man die Pralinen schmeckt, sich kaum erwehren kann. Und was nun Booja Booja ist?

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©️PetrusFaller

Es hat etwas mit seinem spirituellen Meister in der Südsee zu tun. Man kann aber auch sagen: Vielleicht ganz einfach: Glück!

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