Anfangen. Atmen.

Anfangen! Endlich anfangen! Der Stimme einen Raum geben, einen Resonanzkörper. –

Da ist doch etwas, das sich artikulieren möchte, nach Gestaltung drängt. Noch lässt es sich nicht fassen, noch entzieht es sich. Doch wenn ich die Augen schließe, ist es da, fordert mich auf, wartet.

Was genau es ist, vermag ich nicht zu sagen. Noch nicht. Es hat mit mir zu tun, mit meinem Leben – doch nicht mit dem „Lebens-Lauf“, nichts mit dem, was in einer Biographie stehen könnte, nichts mit all den Geschichten, die sich immer dazwischen drängeln, zwischen mich und „Es“, die sich vordrängeln, so, als wären sie das Eigentliche, was sie aber nicht sind, nicht wirklich.

Was aber ist es, das Eigentliche, das Wirkliche?

Wird es mir gelingen, dorthin zu gelangen, zum eigentlichen Kern, zum Kern dieser, meiner Wirklichkeit? – Wenigstens für einen Moment, einen Augenblick? –

Doch, ja, es gibt diesen Augenblick. Es gibt ihn, seit ich denken kann: den Augenblick, wo ich ganz bei mir selbst bin, alterslos. Den Augenblick, wo mein ganzes Leben ausgebreitet vor mir liegt, Vergangenheit und Zukunft nicht unterschieden; alles ist Gegenwart…

Da ist dieser Kindheitsaugenblick: Ich habe soeben eine dieser langwierigen, schwächenden Kinderkrankheiten überstanden, wahrscheinlich Masern. Ich habe einen schwarzen Pullover an mit rotweißen Manschetten und stehe auf einer Terrasse. Die Sonne scheint; es ist Frühling, wahrscheinlich Mai, und ich merke, dass meine Kräfte wiederkommen. Ich schließe die Augen und blicke durch die geschlossenen Lider in die Sonne – Wärme auf meinem Gesicht. Alles ist rot, ein intensives, ins Orange spielendes Rot. – Ich stelle fest, dass ich atme. Ich kann den Atem anhalten. Ich kann auch bewusst ganz tief atmen. Ich stelle mir vor, dass es gesund ist, tief zu atmen und atme eine Weile ganz besonders tief. Man soll in die Brust atmen, habe ich gehört, und ich versuche, tief in die Brust zu atmen. Es geht auch, aber irgendwas ist dabei nicht ganz richtig: der Bauch geht erst ein Stück mit – dann springt er plötzlich zurück, und wenn ich dann weiter einatme, ist die Brust auf einmal zu voll, und ich muss wieder ausatmen.

Wie kompliziert das ist! – Ich bekomme Angst, etwas falsch zu machen, denn es kribbelt auf einmal so merkwürdig in meinen Fingerspitzen: wenn ich jetzt das Atmen vergesse, werde ich dann umfallen und sterben?

Aber dann überlasse ich mich einfach der Wärme, verfolge, wie mein Bauch sich vorwölbt ohne mein Zutun – und wieder zurück geht: etwas in mir atmet. Ich kann es beeinflussen, aber ich muss es nicht. – Im Gegensatz zu meiner Brust atmet mein Bauch ganz von alleine, was ein bisschen komisch ist aber auch beruhigend.

Das Kribbeln in den Fingerspitzen lässt nach. – Ich versuche, nichts zu denken, mich ganz dieser Wärme, dem Licht zu überlassen, das meine Lider durchflutet, mein Gesicht und nach und nach meinen ganzen Körper. Ich merke, dass meine Atmung um so tiefer und ruhiger wird, je tiefer diese wohltuende Wärme in mich eindringt. Es ist wunderbar. Ich muss nichts tun. Es atmet in mir. Es lebt in mir. Es ist da in diesem Augenblick, der ganz mir gehört, in dem ich ganz bin!

Und ich weiß, dieser Augenblick wird wiederkommen. Ich blicke zurück und voraus: dieser Augenblick, dieser Augen-Liederblick ist – immer!

Und er kommt wieder: neben einer Frau!

Nach einer Ausdehnung, einer Explosion von Lust – ist er da, dieser Augenblick! –

Die Frau ist bereits eingeschlafen. Er hört ihre ruhigen, tiefen Atemzüge – und unwillkürlich passt sich sein Atemrhythmus dem ihren an, während hinter seinen Augenlidern das Nachbild ihres Gesichts aufleuchtet, umflossen von Haar… oder die sanfte Linie ihrer Hüfte… oder…

Langsam sickert Leere in ihn ein. Oder Fülle. Beides ist eins: Fülle der Erfüllung, gesättigt von Bildern, die sich allmählich auflösen, strudelnd in die Tiefe der Bewusstseinsleere – der Leere – der völligen Leere —

Und wieder ist da dieser Augenblick! – Ich sitze in einem kleinen, runden Plantschbecken; bei mir das Kind. – Es füllt ein Förmchen mit Wasser und begießt damit sein Bäuchlein. – Eine Plastikente neben uns im Wasser ist seitlich umgekippt. Das Kind richtet sie wieder auf. Sie kippt wieder um. Geduldig richtet das Kind sie wieder auf.

Wieder schließe ich die Augen: Sonne auf den geschlossenen Lidern, rot, ins Orange spielend – wieder das Kind – das Kind mit dem Kind – angekommen im Zentrum der Welt – ganz bei sich selbst.

Doch auch dieses zentrale Gefühl, des Ganz-Bei-Sich-Seins, ganz bei mir selbst – löst sich wieder auf:

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©️SimoneHarre

Immer wieder die Fragen, das Suchen; Aufbrüche ins Unbekannte, Fahndung nach Worten, nach Sätzen, die das Eigentliche umkreisen, das wirkend Wirkliche zu benennen suchen, das Wesen

Anfangen! Endlich anfangen! Atmen (leiser werdend):

Ein – aus — ein – aus — ein – aus

Horst Landau

Horst Landau

Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller seit 1973 und zweimal (1977-79 und 1995-97) Bezirkssprecher für Düsseldorf / Neuss; außerdem seit 1991 im Europäischen Autorenverband „Die Kogge“. – Lesungen in Museen, Galerien, Bibliotheken, Schulen, Kneipen, Gefängnissen, Literaturtelefon u.a. –
2 Hörspiele, über 90 Anthologiebeiträge, diverse Publikationen in Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk. – Sechs Bücher (3 Lyrik, 3 Prosa), zuletzt „Befremdliche Befindlichkeiten“, Gedichte, 2002, Sassafras Verlag, Krefeld sowie „Wenn Dornröschen erwacht…“, Roman, Edition XIM Virgines, 2008, Düsseldorf. – Seit 2008 Bürgerfunkarbeit; bisher 72 Beiträge / Moderationen.
Vorlass im Heinrich Heine Institut, Düsseldorf.

©️ http://www.simone-harre.de