Schwester Edith, 75 Jahre, Nonne im Kloser St. Lioba, Freiburg

Sanft wie eine Katze schmiegt sich das Kloster St. Lioba in die Hügel Günterstals. Wunderschön. Lockend, verspielt, friedlich und überaus toskanisch. Würden hier Zitronenbäume blühen, es würde einen nicht wundern. Wie schön auch, dass ich nun an der Seite der lebhaften und resoluten Schwester Edith die Innenräume jener Anlage durchschreiten darf. Gemächer, die 1927 im Zuge der Inflation an die Ordensgemeinschaft der Benediktinerinnen übergegangen sind. Dass dies hier einmal eine Privatvilla war, die so genannte `Wohlgemuthsche Villaエ, kann man noch immer erspüren, sehen. Es ist wie eine Zeitreise. Möbel, Tapeten, gemalte Wände, kunstfertige Deckenfresken. Alles seit hundert Jahren nahezu unberührt.

Die Vergangenheit quietscht und atmet aus allen Fugen und durchmischt sich doch achtsam und freundlich mit dem neuem Geist der Kontemplation. „Ein Paradies“, so nannte es dereinst die heilig gesprochene Edith Stein, die in St. Lioba oft zu Gast gewesen war und später Namenspatronin von Schwester Edith wurde.

„Ich wollte einen Namen, der kurz, bekannt und vor allem in keiner Weise exotisch ist“, sagt Schwester Edith. Als sie damals jedoch Näheres über Edith Stein gelesen habe, hätten sie allerdings Bedenken beschlichen, wegen des hohen Intellekts von Edith Stein und ihres gesetzten, heiligmäßigen Wesens. „Kann ich mich damit identifizieren?“, habe sie sich gefragt. Doch schließlich sei sie zu dem Schluss gekommen, dass man zwar den gleichen Namen tragen könne, mit der Namenspatronin deswegen aber noch lange nicht identisch sein müsse. Nein.

„Man muss vor allem man selber sein und mehr und mehr werden.“

Darum allein gehe es im Leben. Und daher trage sie diesen Namen ohne Einschränkung auch sehr gerne. Bis heute. Inzwischen hat Schwester Edith sogar die „goldene Profess“ abgelegt, die Erneuerung ihres Gelöbnisses von vor fünfzig Jahren. Und bevor sie sich gleich wieder dem Dienst am Herrn widmet und als Kantorin des Hauses die Tasten zum Gebet antreibt, möchte sie mir noch von ihrem Glück hier im Kloster erzählen und davon wie alles angefangen hat. Wir nehmen Platz in einem kleinen Raum und Schwester Edith überlegt. Es hätte alles auch ganz anders kommen können, sagt sie. „Ich war ein wildes Kind, ein Junge mit einem furchtbar frechen Mundwerk und faul in der Schule bis geht nicht mehr. Ich hatte Freunde, ging gerne tanzen und liebte Kinder.“ All dies habe absolut in Richtung Ehe und Familie gezogen. Eigentlich. Wäre da nicht ebenfalls von früh an diese kindliche Glaubensglut gewesen. Sehnsüchtig habe sie sich als junges Mädchen nach dem Empfang der ersten heiligen Kommunion verzehrt, die Jahr um Jahr verschoben wurde, weil die Mutter nicht ohne den in russischer Kriegsgefangenschaft verweilenden Vater feiern wollte. Und ja, diese lange, immer inbrünstiger werdende Wartezeit habe mit Sicherheit dazu geführt, dass das Religiöse in ihrem Leben sich in den Mittelpunkt gespielt habe. Doch nicht nur der Kommunionsunterricht bei einem wunderbaren Pfarrer, überhaupt die katholische Jugendbewegung hatte es ihr angetan. Sie liebte es, das katholische Banner zu tragen, sie liebte die stillen Momente im Gottesdienst, wo ihr manchmal der Atem stockte, und vor allem liebte sie die Gegenwart Gottes im Brot. „Ich hätte es nie deuten können“, sagt sie, und ließ sich doch von jenem undefinierbaren Zauber immer weiter tragen. Und wie es in Richtung Abitur ging, habe sie sich gesagt:

„Was habe ich im Leben vor? Ich habe ja nur das eine. Nicht, wenn ich alt bin, dass ich denke, das war´s jetzt, war falsch oder das war überhaupt nix.“

Vor dieser Situation habe sie, obgleich noch so jung, komischerweise Angst gehabt. Und in diese Überlegung hinein sei dann plötzlich ganz klar folgender Gedanke gekommen: „Gott für mich und ich für Gott. Für Gott kann man nur ganz.“ Vielleicht war dies eine Berufung, zumindest ein Ruf, ein Ruf jedoch, dem Schwester Edith keineswegs folgen wollte. Ihr Glück müsse anders aussehen, fand sie. Sie begann sich zu wehren.

„Nein, nicht Kloster. Nein. Nein. Also so geht’s ja nicht.“

Nicht mit ihr. Außerdem dachte sie an die einzige Ordensgemeinschaft, die sie von außen her kannte, jene Nonnen, die man wegen ihrer gestärkten Röhren ums Gesicht respektlos Ofenrohrschwestern genannt hatte. „Das kam also überhaupt nicht in die Tüte für mich!“ Nur soviel wusste sie: Es musste etwas anderes her. Auch ihren Eltern zuliebe, an denen sie sehr hing, gab sie sich weitere Bedenkzeit, studierte auf Lehramt für Grund- und Hauptschule und grübelte und rang mit sich. „Gab´s auch Männer?“, frage ich. „Ja“, sagt Schwester Edith freimütig. Aber es habe nie entscheidend geklickt, nie jenen Wunsch übertroffen, ganz für Gott und Christus zu leben. Vielleicht sei es annähernd genau so gewesen, aber dann hätte sie die Latte wieder geschraubt. „Oder vermutlich hat Gott sie geschraubt.“ Und noch nach dem Eintritt ins Kloster habe sie lange darum gebetet, dass sie keinem tollstem Mann der Welt mehr über den Weg laufe. „Und das kam dann auch nicht mehr.“ Vielleicht sei das eine Gebetserhörung gewesen. Jedenfalls habe sie einen Mann an ihrer Seite nie vermisst und mit der Zeit sogar entdeckt, dass das Klosterleben eine einzige sich immer mehr vertiefende Liebesgeschichte sei. „Aber wie ist es“, frage ich, „nie mehr ein hübsches Kleid anziehen zu können?“ Schwester Edith lacht. „Ach nein“, sagt sie, „das fehlt mir nicht. Ich war auch immer völlig modeunbegabt.“ Vielmehr habe sie lange darauf gewartet, endlich die Hände in die Ärmel stecken zu können. Sie sei sehr radikal eingestellt gewesen, nachdem sie sich endlich und endgültig für den Klostereintritt entschieden hätte. Das habe sogar zum Staunen unter den anderen Schwestern geführt. Keine Vergangenheitsnostalgie. „Ich wollte das Kloster ganz“, sagt Schwester Edith. „Es war meine ideale Lebenslösung“, ora et labora: benediktinisches Stundengebet und Unterricht an der Schule. Gut, manchmal wäre es schon schwer, so gar nicht sein eigener Herr zu sein und immer die Priorin um Erlaubnis fragen zu müssen. Das gäbe sie gerne zu. Aber sie habe schon Freiheiten.

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©Simnoe Harre

Manchmal gehe sie auch in ein Konzert oder wandern. Hauptsache sie versäume dadurch keine Gebetszeiten. Bei ihrem Eintritt damals wurde sie von der Priorin gefragt: „Was gefällt Ihnen und was vermissen Sie hier?“ Auf beides habe sie mit „Musik“ geantwortet und so wurde sie Kantorin. Noch so ein Glück. Das Orgelspiel. Es klänge vielleicht in meinen Ohren etwas verschroben: „Aber Gott sorgt.“ Vor allen Dingen rückblickend sei das oft so. Und dass sie ihr Leben im schönen Freiburg leben dürfe, sei eine ganz besondere Zutat Gottes. Früher habe man gesagt: „Es gibt in ganz Baden-Württemberg zwei Arten von Lehrern. Die einen sind in Freiburg, das sind die Glücklichen, die anderen wollen nach Freiburg.“ Zu welcher Gruppe sie gehört, ist unschwer zu erahnen. Aber hätte dieses Kloster woanders gestanden, so wäre das freilich auch in Ordnung gewesen, denn, so sagt sie: „Mein eigentliches Glück ist der Sinn. Mein Leben hat einen Sinn.“

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